«Es gibt immer noch ein riesiges Bedürfnis nach Gesprächen», sagt Susanna Kammacher, auch einen Monat nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana. Hilfe brauchten ganz viele und zwar noch lange, so die bald 80-jährige Pfarrerin, die seit Jahren in der Region Crans-Montana lebt.
Ein Lehrer hat mir gesagt, die Pulte in seiner Klasse bleiben jetzt einfach leer.
Susanna Kammacher hat mit vielen Leuten Kontakt – unter anderem als Seelsorgerin in der Luzerner Höhenklinik in Crans-Montana. Die evangelisch-reformierte Pfarrerin ist im Austausch mit Familienangehörigen von Opfern, mit Einsatzkräften, aber auch mit Lehrpersonen, die Schüler verloren haben. «Ein Lehrer hat mir gesagt, die Pulte in seiner Klasse bleiben jetzt einfach leer. Die kommen nicht mehr zurück.» Die Betroffenheit sei immer noch riesig.
Auch Familien der Einsatzkräfte betroffen
Redebedarf hätten auch viele, die nicht selbst in der Silvesternacht vor Ort gewesen waren. In der Region würden alle jemanden kennen, der oder die in irgendeiner Form betroffen ist. Kammacher spricht etwa die Helferinnen und Helfer an, zum Beispiel die Ersthelfenden der Feuerwehr. «Es sind nicht nur sie, die die Bilder nicht mehr aus dem Kopf kriegen.» Das betreffe auch die Familien der Einsatzkräfte.
Die Frau eines Feuerwehrmannes habe ihr erzählt: «Meine Kindern hatten Angst, als der Papi weg musste.» Oder eine Frau, deren Sohn und Mann beide in der Feuerwehr sind, sagte: «Sie sind seither nicht mehr dieselben.»
Die Einsatzkräfte erhalten Unterstützung, ihre Familien aber nicht. «Diese Situation zu bewältigen, braucht noch sehr viel Zeit.» Und zwar noch lange, sagt Susanna Kammacher. Sie selbst habe auch mehrere Gottesdienste angeboten.
Bis man realisiert, dass die Person weg ist
«Wenn ein Trauerfall eintrifft, sind die Leute erst wie erstarrt. Aber es gibt viel zu tun», erzählt die Susanna Kammacher, die als Pfarrerin selbst über 800 Beerdigungen durchgeführt hat. «Ich musste auch Schüler von mir begraben. Ich musste Säuglinge begraben.» Am Anfang sei man mit Organisieren beschäftigt. «Erst dann kommt der Moment, in dem die Leute anfangen zu realisieren: Moment mal, diese Person kommt gar nicht mehr, sie ist weg.» Oft erst zu diesem Zeitpunkt brauche es die Hilfe der Seelsorgerin.
Man müsse den Leuten dann die Möglichkeit geben, zu sprechen. «Meist sind sie sprachlos. Aber meine Aufgabe ist es, den Leuten zu helfen, das Unfassbare so gut wie möglich formulieren zu können.» Und sie höre vor allem zu und versuche zu spüren, was die Leute bedrückt und was sie brauchen. Therapien oder Gebete.
Schuldfrage beschäftigt
Was die Leute sehr fest beschäftige, sei die Schuldfrage: «Wieso mussten diese jungen Leute sterben?» Was sei das für ein Gott, der das zulasse. Oder das sei der Beweis, dass Jugendliche um halb eins nichts in einer Bar zu suchen hätten. «Das wird dann schwierig und man muss Gegensteuer geben.»
Viele Überlebende hätten auch Schuldgefühle, weshalb sie selbst noch leben. «Da muss ich den Leuten sehr sorgfältig zu verstehen geben, dass niemand Schuld ist.» Das sei eine monatelange, wenn nicht jahrelange Arbeit. «Es heisst auch: Trauer-arbeit.»