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Wie kommen wir durch die Pandemie, Thomas Steffen?
Aus Tagesgespräch vom 02.12.2020.
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Corona in der Weihnachtszeit Kantonsarzt: «Die ganz grossen Feste können nicht stattfinden»

Im neuen Jahr stehen die Kantone vor grossen Aufgaben bei der Organisation der Corona-Impfungen. Doch zunächst kommen entscheidende Wochen vor den Festtagen. Reichen die ergriffenen Massnahmen? Der Basler Kantonsarzt Thomas Steffen wagt im Interview einen Ausblick.

Thomas Steffen

Thomas Steffen

Kantonsarzt Basel-Stadt

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Thomas Steffen ist Leiter des Kantonsärztlichen Dienstes in Basel-Stadt. Als Kantonsarzt ist er auch Teil der Krisenorganisation. Er hat sich auch intensiv mit Pandemiegeschichte beschäftigt.

SRF News: Die Fallzahlen sinken, aber der Rückgang hat sich wieder verlangsamt. In einzelnen Kantonen in der Deutschschweiz steigen sie sogar wieder. Wo stehen wir aktuell in dieser zweiten Welle?

Thomas Steffen: Es ist tatsächlich so, die Fallzahlen sind auf einen niedrigeren Wert gesunken. Wir haben den Eindruck, dass es in den nächsten Tagen in Richtung Stagnation gehen könnte.

Sind wir also noch nicht über dem Berg?

Es wird weiterhin neue Herausforderungen geben. Wir wissen, dass verschiedene Dinge einen Einfluss haben können, aber wir wissen nicht genau, was dann mit der Kurve geschehen wird.

Weihnachten steht vor der Tür: Normalerweise eine Zeit, in der viel Vorfreude herrscht. Dieses Jahr sind doch eher gemischte Gefühle vorhanden. Bei Ihnen auch?

Ja, man versucht, dieses «Anders-Sein» des diesjährigen Weihnachtsfests anzunehmen. Die ganz grossen Feste können nicht stattfinden und man muss mehr aufpassen. Auf der anderen Seite hat man aber auch die Möglichkeit, das Fest anders anzupacken, als man es bislang gemacht hat.

Der Bundesrat will die Schrauben möglicherweise nochmals anziehen. Demnach sollen die Regeln für private Treffen und Restaurant-Besuche bis zum 23. Dezember nochmals verschärft werden. Für die Festtage sollen sie dann wieder gelockert werden. Wäre das aus epidemiologischer Sicht sinnvoll?

Es ist pragmatisch-menschlich und insofern ein vernünftiger Ansatz. Die Idee, dass man die Infektionsrate nochmals drücken kann und dass wir Luft für den möglichen Austausch über die Feiertage haben.

Das wäre aber nochmals ein ziemlicher Eingriff in unser Privatleben. Neu wäre der Vorschlag, dass nur noch Personen aus zwei verschiedenen Haushalten zusammenkommen dürfen.

Typischerweise sind die Hemmungen bei schärferen Massnahmen grösser, wenn man in das Private geht. Im Privaten bleibt es auch relativ – ob man das macht oder nicht, wird niemand kontrollieren können. Darum ist der Weg, die Menschen über die Vernunft anzusprechen, einer, welcher noch am meisten nützt.

Die Hemmungen bei Einschränkungen sind da grösser, wo man in das Private geht.

Weitere Einschränkungen in der Vorweihnachtszeit bringen auch das Thema Einsamkeit auf. Welche Rolle spielt das für die psychische Gesundheit?

Wir haben bereits in der ersten Welle spezifische Angebote dafür aufgebaut. Es ist nicht schwieriger, den einzelnen Kontakt zu finden, als bei anderen Weihnachten.

Je mehr Kontakte die Menschen haben, desto besser kommt das Virus vorwärts und desto mehr Probleme haben wir.

Was ich aber bemerke: Menschen, die seit Wochen gerne mehrere Leute auch wieder in einem grösseren Setting treffen würden, haben Probleme.

Auch nach acht Monaten ist noch immer unklar, welche Corona-Massnahmen effektiv helfen.

Das ist so. Was wir aber wissen: Je mehr Kontakt die Menschen haben, desto besser kommt das Virus vorwärts und desto mehr Probleme haben wir. Die Massnahmen sind im Kern so gestrickt, dass sie die Kontakte reduzieren.

Das bedeutet aber, dass wir immer wieder in der gleichen Ausgangslage wären?

Ja, genau. Wenn man die Massnahmen lockert, baut sich das Virus wieder auf und wir hätten eine ähnliche oder gleiche Situation wie vor ein paar Wochen.

Ein Hoffnungsschimmer ist die Corona-Impfung, welche mit grossen Schritten näher rückt. Sie treiben im Kanton Basel-Stadt die Pläne für ein grosses Impfzentrum voran. Ab wann können Sie impfen?

Das wird davon abhängig sein, wann der Impfstoff hier sein wird. Also wohl Anfang Jahr.

Es würde also nicht am Impfzentrum liegen, welches noch nicht bereit ist, sondern daran, dass der Impfstoff noch nicht geliefert ist?

Wir haben das Ziel, bereit zu sein, wenn der Impfstoff da ist.

Zuerst sollen Risikopersonen und Menschen in systemrelevanten Berufen geimpft werden. Wie viel ist erreicht, wenn dieser Teil der Bevölkerung geimpft ist?

Dann geschieht etwas Entscheidendes. Wir können ab diesem Zeitpunkt nämlich das Risiko der Anzahl Neuinfektionen senken und würden nicht mehr so viele schlimme Krankheitsverläufe und auch nicht mehr so viele Todesfälle haben.

Letztendlich wollen wohl alle das Gleiche: Dass alles wieder so ist wie vorher und die Corona-Pandemie vorbei ist. Ist es für Sie denkbar, dass wir in drei Jahren auf die Pandemie zurückschauen und grösstenteils wieder so leben wie vorher?

Solche Krankheiten zeigen meist eine sogenannte Chronifizierungs-Tendenz, deshalb muss man jetzt nicht erschrecken. Das heisst, es ist anzunehmen, dass das Coronavirus auch in zwei, drei Jahren noch da ist. Aber so, wie es sich jetzt gerade auch mit der Impfung entwickelt, wird es längst nicht mehr diese Macht haben. Es wird eine Krankheit sein, die man kennt.

Das Gespräch führte Barbara Peter.

SRF 4 News, 02.12.2020, 13 Uhr;

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41 Kommentare

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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    "Die Idee, dass man die Infektionsrate nochmals drücken kann und dass wir Luft für den möglichen Austausch über die Feiertage haben." Ich frage mich gerade selbst, warum mir diese Aussicht (für manche wohl eine fixe Idee) so zuwider ist. Einerseits ist das kein Intervall-Training. Andererseits müssen die Feiertage überhaupt nicht schlimm herauskommen, wenn vulnerable Personen/Umfeld gut genug auf sich/einander aufpassen. Es bräuchte konkrete Vorschläge, wie das im Alltag bewältigt werden kann.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Es gibt ja schon recht viele solche Vorschläge, aber halt prominent gerade solche, die von vielen kaum umgesetzt werden oder sogar für Widerstände sorgen (Waldweihnacht). Auch hier sollte der Fokus auf der langfristigen Unterstützung liegen, mit Beratungsangeboten und einer dem Infektionsgeschehen angemessenen Gewichtung (niedriges Risiko im öffentlichen Raum, sehr hohes und kaum kontrollierbar unter Freunden und Bekannten). Situative Ratschläge bündeln, zeitgerecht und prominent platzieren.
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  • Kommentar von Fritz Rueegsegger  (Matterhorn+234)
    Natürlich ist die Familie der grösste Ansteckungsherd, aber nicht die Ursache. Ein Familienmitglied trägt das Virus nach Hause und infiziert die Anderen. Wichtig wäre, zu wissen, wo sich der „Importeur“ angesteckt hat. Diese Herde gilt es zu eliminieren. Ich war immer der Meinung, dass man die Ansteckungsreihe zurück verfolgt. Dies scheint jedoch nicht oder nur unzureichend zu erfolgen.
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    1. Antwort von Lukas Gubser  (Mastplast)
      Beim Arbeiten, Einkaufen, usw.
      Entweder sperren sie jeden 5-10wochen zu 100% ein oder akzeptieren dass das Virus auch mit Impfung nie mehr verschwindet.
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    2. Antwort von Richard Liu  (richard-liu)
      Ob vorwärts (Kontaktverfolgung) oder rückwärts (Quellenverfolgung): Man sieht, was daraus kommt, wenn die Indexperson dem Verfolger nicht helfen kann, oder nicht helfen will. Dann ortet er die Kontakte oder die Quelle in der Familie oder in der Arbeit. Ich staune, dass weder der Bundesrat noch die Kantone die Führung eines Tagebuchs über Cluster-Events empfehlen, worin man notiert, wo und wann man mit anderen Menschen zusammen war. So tragen wir aktiv zur Eindämmung des Virus bei.
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    3. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      ja genau: vor etwas zwei Wochen wurde auf einmal gesagt, wir machen jetzt auch backtracing: schauen wie die Ansteckung nach hinten, von hinten her läuft. Ich dachte, um das ging/geht es doch überhaupt? Dr. Steffen sagt übrigens: die Zwischenbereiche sind "gefährlich": dort, wo man von Schutz (Arbeit/Einkauf/OeV) lockert, aufatmet und dann dies und jenes macht und erst dann in die Familie geht und dort gerade zuerst einmal Hände Waschen, Abstand, Hygiene vernachlässigt: Vor lauter Erleichterung.
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    4. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Der PCR-Test, wie offenbar gehandhabt (CT40), zeigt das Virus auch noch Wochen nach der Ansteckung an. Jemand kann symptomlos sein oder die Ansteckung nicht bemerken, aber sich in der Zeit danach wegen einer Erkältung melden (man schätzt den Anteil der symptomlosen Fälle auf etwa 40%). Die Rückverfolgung bei solchen (nicht mehr oder gar nie infektiösen) Fällen dürfte schier unmöglich sein. In Island war das ungefähr die Hälfte der Getesteten. Situativ nachzufragen macht trotzdem sicher Sinn.
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    5. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Pardon, der positiv Getesteten (Island). Die Schweizer Testpraxis ist mir (abgesehen vom üblichen, recht hohen CT) nicht bekannt, verlangt uns aber sicher viel Vertrauen ab. Bei der Gelegenheit möchte ich SRF-Edit auch einmal danken, diesen potenziell testpraxis-kritischen Beitrag eines mässig informierten Laien zuzulassen. Angesichts der zentralen Rolle, die einer vertrauenswürdigen Informationskultur und -politik in dieser Krise zukommt, erachte ich rückhaltlose Transparenz für unentbehrlich.
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  • Kommentar von Hans Peter Bruppacher  (Hans Peter Bruppacher)
    Wir müssen die Risikogruppen schützen und nicht Symbolpolitik mit geringen Nutzen betreiben.
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    1. Antwort von Richard Liu  (richard-liu)
      Wir müssen alle schützen, die nicht angesteckt werden möchten. Jeder hat das Recht auf Unversehrtheit.
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    2. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Und im Namen aller Risikos, die noch nicht in einer Institution leben und gottlob noch gesund und recht selbstverantwortlich unterwegs sind, bedanke ich mich bei allen, die AHA+Luft/Lüften konsequent weiter mitmachen. Wir halten uns zwar sehr zurück; es hilft aber doch, wenn alle dran sind. Das ist nicht selbstverständlich: deshalb danke!
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    3. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Der Schutz der Pflegeheime sollte Angelegenheit des Bundes sein, nicht auf Kantons- oder gar Heimebene zu regeln.

      Für Vulnerable, die nicht in Gesundheitseinrichtungen leben, wie auch ihr Umfeld sollten spezifische Beratungs- und Betreuungsangebote bestehen.

      Die öffentliche Verunsicherung, wozu die drohenden Verschärfungen sicher einen wesentlichen Beitrag leisten, war vermutlich sehr viel wirkungsvoller, als die Massnahmen selbst - nicht alternativlos und zu einem unabsehbar hohen Preis.
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