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Legende: Audio «Die extreme Rechte in der Schweiz wird exterritorialisiert» abspielen. Laufzeit 04:57 Minuten.
04:57 min, aus Echo der Zeit vom 12.05.2019.
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Die braune Gefahr «Die Schweiz ist keine Insel»

Rechtsextremismus? Kein Problem hierzulande, so die Selbstwahrnehmung. Ein Experte plädiert dafür, genauer hinzusehen.

Rund 350 gewaltbereite Rechtsextreme gibt gemäss einer Schätzung des Nachrichtendienstes des Bundes (NDB) in der Schweiz. Es ist jedoch mit einer grossen Dunkelziffer zu rechnen. Denn: Verlässliche Zahlen über ideologische Sympathisanten ohne Gewaltbereitschaft gibt es keine.

Kein Land des Rechtsextremismus

Überhaupt weiss man verhältnismässig wenig über die rechtsextreme Szene in der Schweiz. Die Schweiz tue sich nach wie vor schwer, genau hinzuschauen, sagt Damir Skenderovic, Professor für Zeitgeschichte an der Universität Freiburg. Denn in ihrem Selbstverständnis sei die Schweiz kein Land des Rechtsextremismus.

Porträt von Damir Skenderovic.
Legende: Damir Skenderovic befasst sich seit Jahren mit der rechtsextremen Szene in der Schweiz. ZVG / Unifr.ch
Es gibt eine Art globale Ideologie. Die Schweiz ist keine Insel in Bezug auf den Rechtsextremismus.
Autor: Damir SkenderovicProfessor für Zeitgeschichte, Universität Freiburg

Dies habe einerseits historische Gründe, da sich in der Schweiz nie ein faschistisches Regime etablieren konnte, führt der Historiker aus. Andererseits gehöre der Extremismus – wie es Autoren in den Sechzigerjahren schon formuliert haben – nicht «zum Naturell des Schweizers oder der Schweizerin».

Keine ausgefeilten Strukturen in der Schweiz

«Das führt dazu, dass die extreme Rechte sozusagen exterritorialisiert wird. Es ist also ein Problem in Frankreich, Deutschland und Österreich, aber nicht in der Schweiz», fasst Skenderovic zusammen. Doch Rechtsextremismus mache nicht an den Landesgrenzen Halt, erst recht nicht seit dem Aufkommen des Internets und der sozialen Medien.

«Es gibt eine Art globale Ideologie. Die Schweiz ist keine Insel in Bezug auf den Rechtsextremismus.» Und doch unterscheide sich die Schweiz von anderen Ländern. «Auf der organisatorischen Ebene sind die Strukturen nicht so fest verankert.»

Das hängt auch damit zusammen, dass sich die rechtsextreme Szene heutzutage relativ bedeckt hält. Im NDB-Lagebericht wird von einer «Zurückhaltung, die seit Jahren festzustellen ist», geschrieben. Von einer Szene, die in der Öffentlichkeit kaum wahrnehmbar sei. Das war nicht immer so, sagt Historiker Skenderovic.

Kleiner Frontenfrühling in der Schweiz

«Sie bekamen in den 1980er-Jahren und anfangs der 1990er-Jahre im sogenannten kleinen Frontenfrühling in der Schweiz grosse Aufmerksamkeit, weil man eben auch im Vergleich zu anderen Ländern sah, es gibt einen Rechtsextremismus in der Schweiz.»

Spätestens als gut hundert Rechtsradikale die 1. August-Rede des damaligen Bundesrates Kaspar Villiger auf der Rütliwiese störten, wurde die Szene vor knapp 20 Jahren einer breiteren Öffentlichkeit bewusst.

Legende: Video Aus dem Archiv: Rechtsextreme auf der Rütliwiese abspielen. Laufzeit 00:30 Minuten.
Aus 10vor10 vom 23.07.2013.

Die Folge waren breit angelegte Untersuchungen. Das damalige Resultat einer Befragung von 2000 Schülern zwischen 16 und 20 Jahren zeigte: Zehn Prozent sagten, dass sie entweder rechtsextremem Gedankengut oder mit rechtsextremen Gruppierungen sympathisieren. «Das heisst, dieses Potenzial war damals vorhanden. Was aus diesem Potenzial geworden ist, wissen wir nicht», sagt der Historiker.

Verbale Gewalt fällt nicht unter Gewalt-Extremismus

Rechtsradikale fallen in der Schweizer Sicherheitspolitik unter die Kategorie Gewalt-Extremisten. Das Problem: Längst nicht alle ideologischen Sympathisanten sind automatisch gewaltbereit und verbale Gewalt wird nicht in den Berichten der Sicherheitsbehörden aufgeführt.

Gewisse rechtsextreme Sympathisanten könnten deshalb relativ ungestört internationale Treffen in der Schweiz veranstalten und sich mit dem Ausland vernetzen, sagt der Historiker. Skenderovic würde es nicht erstaunen, wenn Rechtsradikale in Zukunft ähnlich wie im Ausland wieder mehr von sich reden machten. Er plädiert dafür, auch in der Schweiz genauer hinzuschauen.

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67 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Kaltenrieder (DaniHSV)
    Ha Ha, lustig die Zahl 350. Welche kleinere Region betrifft dass? Hängt mal ein paar null daran, dann stimmt es vielleicht.
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  • Kommentar von Dani Keller (¯\_(ツ)_/¯ ____)
    Wer sich neutral über das Thema Links-/Rechtsextremismus informieren will, dem sei der Jahresbericht Sicherheit des NDB (Nachrichtendienst Bund). Der Bericht widmet dem Thema ein ganzes Kapitel mit ungeschönten Zahlen dazu.
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    1. Antwort von Walter Schär (Walter Schär)
      Vielen Dank für den Hinweis. Der Jahresbericht des NDB bestätigt meinen Kommentar.
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      NZZ 5.6.18: "Anders als etwa deutsche Polizisten sind Schweizer Polizisten bei der Aufnahme des Tatorts nicht dazu verpflichtet, festzuhalten, ob ein Verbrechen rassistisch, antisemitisch oder generell diskriminierende Hintergründe gehabt haben könnte. Deshalb fliesst das mögliche Tatmotiv nicht in die Statistik ein." Keine Ueberraschung also, hat der NDB nur gerade 1 (!) Fall in seiner Statistik. Wo niemand zählt kommen auch keine Zahlen zusammen...
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    3. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Ein weiterer Hinweis, dass die Zählung des NDB nicht stimmen kann ergibt sich bei einem Blick in den Antisemitismusbericht. Die antisemitischen (und nicht-djihadistischen!) Angriffe allein übersteigen die Gesamtzahl der vom NDB gezählten Vorfälle um ein Mehrfaches. Und da sind Angriffe gegen "fremd" aussehende Menschen noch nicht einmal gezählt. Ich frage mich, was die Motivation des NDB ist eine solche Statistik zu veröffentlichen.
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  • Kommentar von Walter Schär (Walter Schär)
    Der Nachrichtendienst des Bundes registrierte 60 Gewalttaten von Linksextremen und nur 2 von Rechtsextremen im Jahr 2016. Linksextreme sind gewalttätiger als Rechtsextreme – die Wahrnehmung ist dennoch eine andere.
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    1. Antwort von Thomas Bünzli (Tumasch)
      Vielleicht haben ja auch Sie eine andere Wahrnehmung - bestes und aktuellstes Beispiel sind die Fankrawalle in Luzern von gestern. Zuvorderst bei den " Fans " und als Wortführer ein bekannter Neonazi! Andere Wahrnehmung?
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Hat der NDB denn geschrieben, wie die Fälle gezählt werden? Für Gewalttaten sind primär die Kantonspolizeien zuständig und nicht der NDB. Die Polizisten sind aber nicht verpflichtet den politischen Hintergrund einer Tat anzugeben und bis der Täter gefasst und verurteilt ist, dürfte das Motiv auch schwierig einzuschätzen sein. Die 2 Fälle sind jene, die dem NDB per Zufall zu Ohren gekommen sind. Nicht gerade ein super Leistungsausweis für den NDB also.
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