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Ein Jahr Corona mit Häusler und Burkhardt
Aus SRF 4 News aktuell vom 25.02.2021.
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Ein Jahr Corona Corona, die Wissenschaft und die Politik: Wo steht die Schweiz?

Heute vor einem Jahr ist der erste bestätigte Corona-Fall in der Schweiz aufgetaucht. Viel ist seither passiert – auf wissenschaftlicher und politischer Ebene. Zeit für ein erstes Zwischenfazit. Silvan Zemp hat darüber mit dem Leiter der SRF-Wissenschaftsredaktion, Thomas Häusler, und dem Leiter der Bundeshausredaktion von Radio SRF, Philipp Burkhardt, gesprochen.

Thomas Häusler

Thomas Häusler

Wissenschaftsredaktor

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Thomas Häusler ist Wissenschaftsredaktor bei SRF. Er hat in Biochemie doktoriert und eine Weiterbildung in Wassermanagement an der Uni Genf absolviert. Seit 2013 ist er Leiter der Wissenschaftsredaktion.

Philipp Burkhardt

Philipp Burkhardt

Leiter Bundeshausredaktion, SRF

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Burkhardt ist Leiter der Bundeshausredaktion von Radio SRF, für das er seit über 15 Jahren tätig ist. Davor hatte er unter anderem für «10vor10» und die «SonntagsZeitung» gearbeitet.

SRF: Herr Häusler, bereits im November 2019 kursierten die ersten Viren in China. Können Sie sich an den Tag erinnern, als Sie zum ersten Mal von diesem Virus hörten?

Thomas Häusler: Wir hörten so um den 30. Januar herum, dass ein solches Lungenvirus in China aufgetreten ist. Und am 5. Februar habe ich dann in der Redaktion ein Corona-Dossier angelegt.

Ein Jahr Corona, diese Frage geht auch an Sie, Philipp Burkhardt aus der Bundeshausredaktion: Wann haben Sie zum ersten Mal vom Coronavirus gehört?

Philipp Burkhardt: Ehrlich gesagt, ich weiss es nicht mehr so genau. Früher hatten wir schon die Schweinegrippe, die Vogelgrippe, Sars, und das alles ist auch immer wieder gegangen. Wir dachten, das wird diesmal auch so sein.

Die Angst vor dem Virus kam schnell in der Schweiz an. Wann kam die Pandemie in der Politik an?

Burkhardt: Erstaunlich spät. Wenn man sich die ersten Medienkonferenzen und Aussagen des BAG anschaut, kommt man sich bisweilen vor wie in einer anderen Zeit. Zum Beispiel Daniel Koch, Delegierter des Bundes, der am 27. Januar sagte, das Virus sei weniger dramatisch als frühere Epidemien wie zum Beispiel Sars. So richtig gehandelt hat man dann erst Ende Februar.

Video
Aus dem Archiv: Daniel Koch zu Schutzmasken
Aus News-Clip vom 26.03.2020.
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In dieses Muster passten auch die anfänglichen Empfehlungen, wie zum Beispiel jene, dass der Nutzen von Masken wissenschaftlich nicht erwiesen sei. War dies das erste politische Fettnäpfchen?

Burkhardt: Ja, das kann man sagen. Man hat an der ersten Medienkonferenz gesagt, dass man eigentlich kaum Masken habe und dass man von jenen, die man hat, erst einmal das Verfallsdatum prüfen müsse.

Zunächst hat man die Wissenschaft nicht einbezogen.
Autor: Philipp Burkhardt

Gleich zu Beginn der Pandemie wurde in der Schweiz auch eine wissenschaftliche Taskforce eingerichtet. Brauchte die Politik diesen Rat der Wissenschaftler?

Burkhardt: Zunächst hat man die Wissenschaft nicht beteiligt. Diese Taskforce wurde erst später aufgegleist, und sie hat sich eigentlich auch selbst angeboten. Es gab dann schnell die ersten Konflikte. Auch heute noch hat die Politik hin und wieder den Eindruck, dass nicht immer alle Einschätzungen, die diese Taskforce publiziert, auch eintreffen.

Wir möchten das gleich an Thomas Häusler weitergeben: Wie sehen Sie diese Konflikte?

Häusler: Manche Szenarien der Taskforce trafen nicht ein, weil man etwas dagegen unternommen hat. Sie lagen also nicht falsch.

Am 16. März rief der Bundesrat die «ausserordentliche Lage» aus. Philipp Burkhardt, das war ein historischer Moment?

Burkhardt: Ja sicher, so etwas gab es seit dem 2. Weltkrieg nicht mehr. Das Parlament hat erst nach der abgekürzten Frühlingssession gemerkt, dass es zur Krisenbewältigung auch etwas beitragen sollte.

War man in der Politik überhaupt vorbereitet auf die Pandemie?

Burkhardt: Es gab einen Pandemieplan und eine Risikoanalyse des Bevölkerungsschutzes. Die Analyse hat sich als sehr stimmig erwiesen. Der Pandemieplan war weniger brauchbar, weil er für eine Grippe-Epidemie entwickelt worden war und man ihn auch nicht überall wirklich ernst genommen hat.

Heute weiss man, dass schnelle Grenzschliessungen durchaus etwas genützt hätten.
Autor: Thomas Häusler

Wie sah das auf der wissenschaftlichen Seite aus, war man da vorbereitet?

Häusler: Teils, teils. Beeindruckend fand ich, wie schnell man das Virus identifiziert hat, wie schnell man auch das Erbgut kannte und dadurch sehr schnell Tests entwickeln konnte. Weniger gut lief es dann beim Management der Ausbreitung. Zum Beispiel bei den Grenzschliessungen. Heute weiss man, dass anfangs schnelle Grenzschliessungen durchaus etwas genützt hätten.

Schauen wir etwas weiter, auf den Sommer nach der ersten Welle. Die Fallzahlen fielen kontinuierlich, hat man also mit dem Shutdown insgesamt doch alles richtig gemacht?

Häusler: Ja, ohne Shutdown wäre es nicht gegangen. Es gab ein stark exponentielles Wachstum damals, man musste die Handbremse ziehen.

Wie ist Ihre Einschätzung: Kamen die Lockerungen nach dem ersten Shutdown zu schnell?

Häusler: Ja, die reine Lehre wäre ja gewesen, Schritt um Schritt zu lockern und jeweils drei Wochen zwischen den Schritten zu warten. Der Bundesrat hat zwar gesagt, dass er das so machen will, hat dann aber letztlich die Lockerungsschritte doch zu schnell vollzogen.

Aus wissenschaftlicher Sicht war es also zu früh für grosse Öffnungen. Zurück zur Politik, Philipp Burkhardt – hatte denn der Bundesrat überhaupt eine andere Wahl?

Burkhardt: Man vergisst aus epidemiologischer Sicht vielleicht manchmal etwas, dass der Bundesrat nicht nur von einem wissenschaftlichen Standpunkt aus entscheiden kann. Es gibt immer auch die wirtschaftliche Seite der Krise. Dem Bundesrat muss permanent ein Spagat gelingen.

Der Föderalismus ist eine der grossen Fragen nach dieser Pandemie.
Autor: Philipp Burkhardt

Am 19. Juni gab der Bundesrat das Zepter an die Kantone ab. War das im Nachhinein eine kluge Idee?

Burkhardt: Ich glaube, das ist eine der grossen Fragen nach dieser Pandemie. Wann soll welche behördliche Ebene wofür zuständig sein? Da ist die Antwort sicher noch nicht gefunden.

Wie ist das aus wissenschaftlicher Sicht? War das klug, wo das Virus doch nicht Halt vor Kantonsgrenzen macht?

Häusler: Letztlich ist es schon gut, wenn man eine Massnahme auf eine spezielle Situation hin gezielt massschneidern kann. Aber man muss es dann natürlich auch machen. Wenn das gut gemacht ist und ideal läuft, ist das aus wissenschaftlicher Sicht nicht schlecht.

Video
Aus dem Archiv: Alain Berset zu einem möglichen Impfobligatorium
Aus News-Clip vom 23.09.2020.
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Ein grosses Highlight der Pandemiebekämpfung war die Entwicklung von Impfstoffen. War das ein Durchbruch?

Häusler: Ja, absolut, abgesehen von den politischen Querelen wegen der Knappheit ist das ein absolutes Highlight. Dass bereits nach einem Jahr allein in der Schweiz zwei Impfstoffe zugelassen sind, hätte sich vor einem Jahr niemand träumen lassen.

Kommen wir zum Fazit. Ein Jahr mit der Pandemie – Philipp Burkhardt, hat die Schweiz politisch richtig gehandelt?

Burkhardt: Die Pandemie dauert noch an. Deshalb ist es schwierig, hier schon ein Fazit zu ziehen. Es hat sicherlich falsche Entscheide gegeben und zu späte Reaktionen. Aber was oft vergessen geht: Die Verwaltung des Bundes, der Kantone und Gemeinden hat schon ziemlich gut und schnell auf die Herausforderung reagiert. Seit einem Jahr arbeitet man da unter Hochdruck. Das ist schon auch eine Leistung.

Welches wissenschaftliche Fazit können wir ziehen, Thomas Häusler? Was haben wir in diesem Jahr auf wissenschaftlicher Seite gelernt?

Häusler: Wir haben unglaublich viel gelernt über das Virus und wie es sich verhält. Auch über das Verhalten des Immunsystems und natürlich die Impfstoffe, ohne die es überhaupt nicht ginge. Etwas weniger positiv sieht es bei den Medikamenten aus. Was bis jetzt noch fehlt, sind Medikamente, die wirklich heilen können.

Das Gespräch führte Silvan Zemp

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Schweizer Sorgen-Telefon, Link öffnet in einem neuen Fenster: 143 (24x7)

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SRF 4 News, 25.2.2021, 09:00 Uhr;

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    "Häusler: Ja, ohne Shutdown wäre es nicht gegangen. Es gab ein stark exponentielles Wachstum damals, man musste die Handbremse ziehen."

    Hier scheint Herr Häusler vergessen zu haben, dass R eine oder zwei Wochen, jedenfalls deutlich vor dem Lockdown nahezu auf 1 heruntergekommen war, d. h. das Wachstum der Weiterverbreitung fast zum erliegen kam, bevor der Lockdown wirken konnte. Der Vergleich mit einer Notbremse wirkt da jedenfalls etwas übertrieben, die Leute passten schon von sich aus auf.
    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Ausserdem nähme mich wunder, wie Herr Häusler zur Aussage gelangt, man wisse heute, dass frühzeitige Grenzschliessungen etwas bringen. Ich habe hier selbst einmal irrtümlich angegeben, das in einer Studie gelesen zu haben, nehme aber nicht an, Herr Häusler habe es von mir. ;) Die Studie untersuchte u. A. den Einfluss der Grenzschliessungen in Europa auf die Covid-Mortalität und fand keine Hinweise auf Wirksamkeit (übrigens auch keine bei den weiteren Lockdown-Massnahmen). Müsste den Titel suchen
  • Kommentar von Felix Rohrer  (Felice2)
    Bund und Kantone haben schnell gelernt. Bei den Ämtern (v.a. BAG) zeigten sich jedoch deutlich die Schwächen. Dazu anstelle einer Kritik ein paar Fragen:
    Weshalb sind wir bei Impfstoffbeschaffung und Impfkonzepten so ineffizient?
    Warum wurde das Contact-tracing nicht mehr gepusht?
    Einen lockdown zu verfügen ist offenbar einfacher, als ein differenziertes Konzept nach Ansteckungsrisiken und Schutzmassnahmen vorzulegen. So werden Kultur und Gastronomie sinnlos an die Wand gefahren.
  • Kommentar von Felix Meyer  (gegen unwahre Wahrheit)
    Ja, es wurden vermeidbare Fehler gemacht. Doch niemand weiss wo wir heute stehen würden, wäre es komplett anders gelaufen. Zu viele Menschen meinen ohne Massnahmen, respektive weniger würde es uns heute um einiges besser gehen. Davon bin ich nicht überzeugt. Ich denke ein Grossteil der Menschen hätte sich selber zurück genommen, abgekapselt, isoliert. Wer würde bei einem zusammen gebrochenen Gesundheitssystem noch an einen Grossanlass, auf Reisen gehen? Offene Läden, Restaurants ohne Kundschaft?