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Klinikmitarbeiterin in Lugano: «Es war ein emotional anstrengendes Jahr»
Aus Rendez-vous vom 24.02.2021.
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Ein Jahr Corona in der Schweiz «So schnell so viele Tote zu sehen – das hinterlässt Spuren»

Am 25. Februar 2020 wurde der erste Covid-19-Patient der Schweiz in der Klinik Moncucco in Lugano behandelt. Das Spital war eines der beiden Covid-19-Spitäler des Südkantons. Pro 100'000 Einwohner gerechnet sind dort schweizweit am meisten Menschen gestorben. Bis zum heutigen Tag sind es laut BAG insgesamt 810 Verstorbene mit einem positiven Coronatest.

Klinik Moncucco in Lugano
Legende: Die Klinik Moncucco in Lugano: Hier wurde am 25. Februar 2020 der erste Covid-19-Patient der Schweiz behandelt. Keystone

Das letzte Jahr sei emotional sehr anstrengend gewesen, sagt Maria Pia Pollizzi, Leitung Pflegepersonal Intensivstation: «So schnell so viele Tote zu sehen, das war auch für die Erfahrenen unter uns sehr schwierig. Das hinterlässt Spuren.»

Klinikdirektor und Infektiologe Christian Garzoni sagt, er blicke heute anders auf die Welt als vor einem Jahr. So habe er als Arzt vor der Pandemie jeweils den Patienten als Individuum wahrgenommen. Jetzt betrachte er einen neuen Covid-19-Patienten und frage sich, was dieser Patient für die Gesellschaft bedeutet und wie er mit der Gesellschaft über diesen Patienten kommunizieren soll.

Garzoni hat im letzten Jahr sehr viel zum Thema Coronavirus kommuniziert. Das hat ihm bisweilen den Vorwurf der Geltungssucht eingebracht. Er sagt, er habe nicht aus Eigennutz, sondern aus Überzeugung so viel kommuniziert.

«Ich habe immer versucht, in einfachen Worten zu sagen, was wir tun müssen. Denn was wir tun müssen ist auch einfach, seit Monaten gelten die immer gleichen Regeln. Es geht um den gesunden Menschenverstand. Manchmal hatte ich grosse Mühe zu verstehen, warum einfache Regeln so grosse Mühe machen. Ich habe gelernt, dass das so ist, weil für ein Individuum nicht immer gut ist, was für die Gruppe gut ist. Und, dass wir Menschen Meister im Ausreden finden sind. »

Christian Garzoni in Nahaufnahme.
Legende: Diese Krise offenbart Gräben, sagt Christian Garzoni. Das wiederum führe zu Schuldzuweisungen und das sei falsch und schädlich. Keystone

Klinikdirektor Garzoni kritisiert Grabendenken

Diese Krise offenbare Gräben, sagt Garzoni mit leiser Stimme. Der Graben zwischen dem Individuum und der ganzen Gesellschaft, der Graben zwischen der Wissenschaftswelt und derjenigen der normalen Konsumenten und vor allem der Graben zwischen der Wissenschaft und der Wirtschaft.

Dieses Grabendenken, das zu Schuldzuweisungen führe, sei falsch und schädlich. «Das Problem ist das Virus und darüber müssen wir reden. Das Problem ist nicht, wer die Restaurants öffnet oder nicht öffnet. Es ist wichtig, dass die Politik, denen unter die Arme greift, die wirtschaftlich leiden.»

Die Impfung als Hoffnungsschimmer

Garzoni sagt, er müsse sich in den sozialen Medien einiges gefallen lassen. Zurzeit werde er kritisiert, dass er von der Pharmaindustrie Geld erhalte, um den Nutzen der Corona-Impfung zu postulieren. Er sei sehr froh, dass innert so kurzer Zeit wirksame Impfstoffe erforscht worden sind.

Dank dieser Impfung sehe er Licht am Ende des Tunnels. «Wenn wir mit der Impfstrategie verhindern können, dass viele ältere Menschen ernsthaft erkranken und die Spitäler an den Anschlag bringen, haben wir viel gewonnen. Nur ist die Sache nicht so einfach, wegen der Lieferschwierigkeiten, der Frage der Haltbarkeit des Impfstoffes, den mutierten Varianten. Es wird nicht einfach am Ende des Tunnels anzukommen.»

Infektiologe Garzoni geht davon aus, dass uns dieses Virus noch lange begleiten wird. Im besten Fall würden wir dieses Virus und seine Varianten in der Zukunft einmal behandeln können wie ein Grippevirus. Ein Jahr an der Coronafront im Tessin hat die Spitalmitarbeitenden gelehrt: Die Welt ist nicht schwarz-weiss, es gibt keine einfachen Lösungen.

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Aus dem Archiv: Erster Coronavirus-Fall in der Schweiz
Aus Tagesschau vom 25.02.2020.
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Rendez-vous, 24.02.2021. 12.30 Uhr

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5 Kommentare

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  • Kommentar von Samuel Müller  (Samuel Müller)
    Der Grossteil der Menschen stirbt normalerweise im Altersheim. Wie gesund es ist, sie mit Angst in den Spital zu treiben steht in den Sternen. Jedenfalls ist es kein Wunder gibt es im Spital jetzt viel mehr Todesfälle.
  • Kommentar von Pascale von Planta  (Pascale)
    Herr Grazoni sagt, die Krise offebart Gräben. Dann möchte ich Herrn Grazoni sagen, dass die getroffenen Massnahmen die Krise ausgelöst haben, in deren Folge Gräben entstanden sind. Mit weniger aber umso gezielteren Massnahmen, wären die Gräben nicht derart tief. Ich hoffe sehr, dass dies in der Aufarbeitung, erkannt wird. Denn nach der Pandemie ist vor der Pandemie.
    1. Antwort von Pascal Odermatt  (PDOdermatt)
      Die einen sehen so, die anderen anders, und beide haben immer Recht, Gräben eben. Im Nachhinein hat man sowieso alles schon lange im Vornherein gewusst.
    2. Antwort von Timo Bucher  (rasifix)
      man dreht sich die Sache so, bis sie ins gewünschte Bild passt
  • Kommentar von Samuel Müller  (Samuel Müller)
    Die Gräben erlebe ich nirgends so tief wie in der Gesundheitsbranche. Entweder man ist voll dafür oder voll dagegen. Nur, die die dagegen sind, mussten stiller werden, die hört man nur noch privat, da sie nicht Kopf und Kragen riskieren wollen. Prezedenzfälle wurden genug produziert. Hab ich was verpasst? Sind wir im Krieg oder schon wieder im Mittelalter?