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1 Jahr Corona: Coronagraben in der Schweiz
Aus Tagesschau vom 25.02.2021.
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Ein Jahr Corona in der Schweiz Was das Virus mit dem Röstigraben macht

Corona führte zu Spannungen zwischen der Deutsch- und Westschweiz. Die Konfrontation ist aber nicht nur negativ.

Die Bestätigung des ersten Corona-Falls der Schweiz liegt genau ein Jahr zurück. Mitte März 2020 verhängt der Bundesrat die ausserordentliche Lage. Der Shutdown stösst in der lateinischen Schweiz auf grosse Akzeptanz, denn die Pandemie ist im Tessin und in der Romandie früher präsent als in der Deutschschweiz. Laut der Corona-Umfrage der SRG vom März 2020 findet eine Mehrheit, der Bundesrat habe zu langsam reagiert; und in der Westschweiz hätte man gar noch einschneidendere Massnahmen befürwortet.

Deutschschweizer machen «Angst»

Entsprechend stösst es bei vielen Romands auf Skepsis, als im Frühling nach einigen Wochen erste Lockerungsschritte gemacht werden. Im Westschweizer Fernsehen RTS äussert eine Jurassierin in Zürich ihr Unbehagen ob dem Verhalten mancher Deutschschweizer: «Mir macht das oft Angst. Sie sind weniger vorsichtig als wir.» Diese Wahrnehmung teilen etwa auch die Neuenburger Behörden anlässlich des Ansturms von Deutschschweizer Besuchern beispielsweise auf den Creux du Van. Der Röstigraben wird zum Coronagraben.

In der zweiten Welle wendet sich das Blatt. Erneut steigen die Fallzahlen in der Westschweiz schneller an als in der Deutschschweiz. Die Romandie wird zum Hotspot. Nun fragen Deutschschweizer Medien: Was machen die Romands falsch? Wissenschaftliche Erklärungen für die Entwicklung fehlen, dafür schiessen Hypothesen ins Kraut. Ein Kommentator spricht gar von einer «Gefahr für die Schweiz».

Die Analyse von Felicie Notter, Korrespondentin Westschweiz

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Porträt
Legende: SRF/Peter Mosimann

Der Umgang mit dem Coronavirus hat das Verhältnis zwischen Deutsch- und Westschweiz mehrfach auf die Probe gestellt. Erst gingen die Schuldzuweisungen an die Adresse der Deutschschweizer, danach an die Romands. Dabei reagieren besonders Romands empfindlich auf (vermeintliche) Fingerzeige der Deutschschweizer. Der Grund dafür dürfte in der Position der Minderheit liegen, in der sich die Romands befinden. Sie befassen sich darum auch stärker mit der übermächtigen Mehrheit. So gesehen ist es bemerkenswert, aber nicht erstaunlich, dass das Phänomen «Coronagraben» in der Romandie stärker zu reden gibt als in der Deutschschweiz: der deutschsprachige Ausdruck wurde gar zum Wort des Jahres gekürt – in der Romandie, nicht aber in der Deutschschweiz.

Die unterschiedlichen Fallzahlen sind bisher unerklärt. Oder wie Virginie Masserey vom Bundesamt für Gesundheit sagt, sind sie «eines der Mysterien dieses Virus’».

Für Virginie Borel schwingt in solchen Erklärungen zur Gefahr der Menschen von der anderen Seite des Grabens vor allem eines mit: Klischees. Als Geschäftsführerin der Stiftung «Forum für die Zweisprachigkeit» in Biel bewegt sich Borel täglich an der Sprachgrenze. Es sei verständlich, dass in einer neuen, unbekannten Situation zunächst auf Vorurteile zurückgegriffen werde. «Sobald wir uns nicht einig sind, denkt man, es sei wegen des Röstigrabens – oder eben, des Coronagrabens.» Tatsächlich hätten sich viele Romands zunächst schuldig gefühlt wegen der ihnen zugeschriebenen «lateinischen Lebensart», dem taktileren Umgang miteinander.

«Vor dem Virus sind alle gleich»

Die Pandemie habe aber eines gezeigt: «Vor dem Virus sind alle gleich», so Borel. Denn bald seien die Zahlen ja auch in anderen Regionen wieder angestiegen. Borels Hoffnung ist, dass Deutsch- und Westschweizer nach einem Jahr Corona gelernt hätten, dass Schuldzuweisungen nichts bringen. «Wir müssen einig sein und zusammen gegen das Virus kämpfen.»

Gemäss Virginie Borel habe das Thema Corona zwar alte Klischees hervorgebracht, aber es habe die Schweizer einander auch nähergebracht. Nicht zuletzt im Sommer, als viele ihre Ferien auf der anderen Seite der Sprachgrenze machten. Dabei komme es zumindest für Romands zwar immer wieder zu Herausforderungen, etwa wenn statt Hochdeutsch Mundart gesprochen werde: «Das ist nicht immer einfach», gibt Virginie Borel zu. Aber die Auseinandersetzung mit den Menschen auf der anderen Seite der Sprachgrenze sei spannend. Corona zwingt Deutsch- und Westschweizer dazu, sich ihr zu stellen.

Tagesschau, 25.02.2021, 12:45 Uhr/19:30 Uhr

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Bucher  (DE)
    Tatsache ist, dass bei gleich strengen Massnahmen die Romandie und das Tessin insgesamt höhere Fallzahlen aufweisen. Sind die Grenzgänger oder die Mentalität dafür entscheidend?
    1. Antwort von Eva Leimgruber  (Healingworld)
      Ich glaube, die Grenzgänger sind die Ursache. Für mich ist das ganz Eindeutig.
    2. Antwort von Conny Hasler  (conhas)
      @bucher@leimgruber
      Also wir in Basel haben sehr viele Grenzgänger aber keine hohen Fallzahlen
    3. Antwort von Christine Thöeni  (ChTDM)
      Man müsste dazu statt Kultur und Sprache Bevölkerungsdichte und Topografie vergleichen. Bern hat neben ein paar grossen Städten viel spärlich bevölkertes Alpengebiet, während die Genferseeregion dicht bewohnt und wirtschaftlich verflochten ist. Um ein realistisches Bild zu zeichnen, müsste man auch die Pendlerflüsse und die Natur analysieren: Wenn alles zu ist, wo gehe ich hin? (An den See: Zürich, Genf, Lausanne) Am Seeufer rücken alle zusammen, in die Berge gehen weniger und verteilen sich.
  • Kommentar von Ernst Kuhn  (ernkuhn)
    Ich glaube, es ist schon noch etwas mehr dran an den Unterschieden. Man muss ja nicht werten. Beispiel Oberwallis / Mittelwallis (von vs.ch), Inzidenz (Fälle pro 100'000 Einw.): W39 18 / 16, W 44 680 / 1580 (Höhepunkt 2. Welle), W52 325 / 115, W07 113 / 87. Auf- und Abstieg der Kurven sind gleichzeitig, aber die Ausschläge im Mittelwallis sind viel ausgeprägter. Einfluss der "Lebensart"?
    Auch beeindruckend: 100-facher Anstieg in 5 Wochen im Mittelwallis während der 2. Welle.
  • Kommentar von Helen Gersbach  (Soliris)
    Ich finde es eine super Gelegenheit, im eigenen Land mehrere Sprachregionen zu haben.
    Das ermöglicht uns hautnah Fremdsprachen zu praktizieren.
    Schade, dass viele aufgrund der Dominanz des "Englischen", nicht mehr Französisch oder Italienisch lernen wollen.
    Die Sprache der anderen zu verstehen und zu sprechen verbindet.
    Mir gefällt diese Vielfältigkeit!