«Das Bündner Bergdorf Brienz/Brinzauls kann vom kommenden Montag an wieder normal bewohnt und betreten werden.» Diese Mitteilung der Gemeinde Albula/Alvra verbreitete sich am Donnerstag schnell. Über 14 Monate lang waren die Bewohnerinnen und Bewohner evakuiert, jetzt soll ein Schritt zurück zur Normalität folgen.
Wir haben so lange auf diesen Moment gewartet.
Dass die Gemeinde und der Führungsstab die Phase Rot aufgehoben haben (Betreten verboten) und schrittweise zur Phase Grün übergehen (Dorf bewohnt), hat mit der Beruhigung des Berges in den letzten Wochen und Monaten zu tun. Die Geschwindigkeiten der Schuttmassen und der Rutschungen hat kontinuierlich abgenommen – auch dank des Baus des Entwässerungsstollens.
Georgin Bonifazi ist einer der Evakuierten. Der Landwirt und seine Tiere leben seit über einem Jahr im Exil in Landquart. Die Nachricht, dass die Evakuierung aufgehoben ist, habe eine grosse Bedeutung, sagt er: «Wir haben so lange auf diesen Moment gewartet, jetzt ist es eine riesige Erleichterung.»
Bauer in Brienz, Tiere noch in Landquart
Das Ende der Zeit weg von Daheim sei nicht überraschend gekommen, sagt Bonifazi: «Wir haben es schon länger erwartet, weil alles langsamer wurde am Berg.» Ein Teil der Familie werde bereits am Freitag wieder in Brienz schlafen.
Die Tiere müssen sich länger gedulden: «Wir haben Futterreserven bis in den Frühling, die wir hier aufbrauchen wollen. Dann gehen wir mit den Tieren sukzessive zurück nach Brienz.» Die Fahrten zwischen Brienz und Landquart die nächsten Wochen nehme er gerne in Kauf – angesichts der bevorstehenden Rückkehr nach Hause.
Angst, dass er das Haus bald wieder verlassen muss, hat Georgin Bonifazi nicht: «Ich gehe nicht davon aus, dass das wieder passiert. Zweimal evakuiert zu werden, reicht. Uns ist es sehr wohl dabei, zurückzukehren. Wir wären schon lange zurück. Angst haben wir nicht.»
Infrastruktur ist bereit für die Rückkehr
Wie viele der rund 100 Brienzerinnen und Brienzer wirklich in ihr Dorf zurückkehren, sei schwierig zu sagen, sagt Daniel Albertin, Gemeindepräsident von Albula/Alvra. «Alle sind evakuiert, alle haben Wohnungen oder Häuser gemietet.» Das Gefühl sei mitentscheidend: «Sie wissen jetzt: Die Evakuierung ist aufgehoben. Das gibt Planungssicherheit.» Auch für solche, die sich vielleicht bereits für eine Umsiedlung entschieden haben.
Aufgrund der temporären Besuche, die in den letzten Wochen und Monaten möglich waren, ist die Infrastruktur noch gut erhalten und bereit für die Rückkehrerinnen und Rückkehrer. Daniel Albertin sagt: «Wasser, Abwasser, Strom – es ist alles hochgefahren.»
Darauf kann sich auch Bauer Georgin Bonifazi jetzt freuen. Als erstes werde er mit der Familie den Kachelofen einfeuern. «Den haben wir vermisst. Und dann werden wir bestimmt etwas länger am Tisch sitzen und alles Revue passieren lassen.» 62 Wochen waren die Brienzerinnen und Brienzer weg von zuhause.
Und dort liegt er immer noch, der grosse Haufen aus Gestein und Geröll, das bereits abgestürzt ist. Der Schuttkegel bleibt und erinnert die Bewohner täglich an die Zeit, die nun zu Ende geht. Oder wie es der Brienzer Bonifazi sagt: «Wir haben gelernt, mit der Natur zu leben.»