Zum Inhalt springen

Header

Video
Viele Senioren fühlen sich einsam und eingesperrt
Aus 10 vor 10 vom 05.05.2020.
abspielen
Inhalt

Erhitzte Gemüter wegen Corona «Es kommt vor, dass Senioren bespuckt werden»

Seniorinnen und Senioren gehören zur Risikogruppe, so betont der Bundesrat immer wieder. Darum sollen sie möglichst zu Hause bleiben. In letzter Zeit gibt es immer mehr Argwohn gegenüber älteren Menschen, wenn sie sich ausserhalb ihrer vier Wände aufhalten. Ist die Solidarität zwischen Jung und Alt in Schieflage? Bea Heim, Co-Präsidentin des Schweizerischen Seniorenrates, nimmt Stellung.

Bea Heim

Bea Heim

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen

Die 74-jährige SP-Politikerin sass zwischen 2003 und 2019 für den Kanton Solothurn im Nationalrat. Sie war Präsidentin der parlamentarischen Gruppe für Altersfragen und ist Co-Präsidentin des Schweizerischen Seniorenrats. Zuvor war sie 15 Jahre im Kantonsrat. Bea Heim ist Rhythmik- und Heilpädagogin und mit dem Historiker Peter Heim verheiratet.

SRF News: Was geht Ihnen durch den Kopf, wenn Sie von solchen Anfeindungen gegenüber Senioren erfahren? Wie sollen sich Senioren bei solchen Anfeindungen verhalten?

Bea Heim: Beschimpfungen, Anfeindungen bis hin zum Bespuckt werden – das so etwas vorkommt, ist wahr und doch kaum zu glauben. Darauf im Moment richtig zu reagieren, ist sehr schwierig. Das sind Alarmzeichen, die beunruhigen. Das darf sich unsere Gesellschaft nicht gefallen lassen.

Ich erlebe eine grosse Solidarität.

Auch von Aussenstehenden ist Zivilcourage gefragt. Seniorinnen und Senioren müssen sich solidarisieren und für ihre Menschenwürde einstehen. Als Seniorenrat sind wir aufgerufen hier politisch und allenfalls juristisch zu intervenieren.

Pro Senectute: «Anfeindungen sind nicht zu dulden»

Box aufklappenBox zuklappen

Pro Senectute hält fest, dass Anfeindungen – unabhängig des Alters – schwer lasten. Ehrverletzende, pauschalisierende Äusserungen sind aber weder angebracht noch zu dulden – auch in einer ausserordentlichen Situation. Solche Äusserungen sind auch ein Ausdruck dafür, dass der «Absender» mit einer Situation selbst an Grenzen stösst. Es ist immer eine Gratwanderung, sich auf solch belastenden Aussagen einzulassen oder diese gar anzusprechen. Wichtig ist uns, dass man nicht darüber schweigt und sich an Angehörige, Freunde oder Pro Senectute wendet und dies meldet.

Wie kann es zu solchen Entgleisungen kommen?

Die Coronakrise verunsichert uns alle. Viele werden dadurch ganz aus der Bahn geworfen und verlieren in ihrer Hilflosigkeit jeden Anstand. Vielleicht hängt dies auch mit der Kommunikation des Bundesrates zusammen: Der gut gemeinte Aufruf, zu den vulnerablen Gruppen Sorge zu tragen, verleitet manche zu der irrigen Meinung, die Alten seien schuld am Lockdown und dessen gravierenden wirtschaftlichen Konsequenzen. Heute wissen wir aber, dass Vulnerabilität nicht einfach eine Frage des Alters ist. Für alle Menschen mit Vorerkrankungen ist eine Covid 19-Infektion lebensgefährlich, ob sie nun jung sind oder alt.

Vulnerable sind auf nachbarschaftliche Hilfe angewiesen. Ist diese vielleicht zu kompliziert? Senioren, sagt man, sind im Umgang mit den sozialen Medien weniger versiert.

Niemand sollte sich genieren, Hilfe zu holen, zum Beispiel beim elektronischen Einkauf. Viele sind durchaus bereit anderen beizustehen, wenn es nötig ist. Ich erlebe eine grosse Solidarität. Zudem: Viele ältere Menschen sind, was die modernen Techniken anbelangt, voll dabei und wissen sich zu organisieren.

Alain Huber von Pro Senectute meinte, dass die Solidarität zwischen den Generationen in Schieflage sei. Sehen Sie das auch so?

Ja, leider! In den Medien werden wirtschaftliche Schäden des Lockdowns und Menschenleben gegeneinander aufgerechnet. Das ist unserer Gesellschaft unwürdig und bringt uns nicht weiter.

Viele ältere Menschen fühlen sich in diesen Zeiten schon sehr einsam.

Die Generationen sind aufeinander angewiesen. Alle sollen nach ihren Möglichkeiten dazu beitragen, dass wir diese Krise gemeinsam überstehen. So wie sich die Vasos (Vereinigung aktiver Senioren- und Selbsthilfeorganisationen), die ein Teil des Schweizerischen Seniorenrates ist, für Kindertagesstätten einsetzt, ist es auch im Interesse der jungen Generation, dass ein Alter in Würde möglich ist.

Pro Senectute: «Wir geben Gegensteuer»

Box aufklappenBox zuklappen
Zwei Personen in einem Gespräch. Im Vordergrund eine Tafel mit dem Logo von Pro Senectute.
Legende: Keystone / Archiv

Aufgrund von diversen Bürgerzuschriften erhält Pro Senectute einen Einblick in die Wahrnehmung der momentanen Ausnahmesituation. So werden vermehrt Stimmen laut, wonach sich ein Teil der vornehmend erwerbstätigen Bevölkerung in der Verantwortung fühlt, die ganze Last der Krise alleine schultern zu müssen. Die älteren Mitmenschen würden sich, so heisst es, aus der Pflicht nehmen.

Pro Senectute kann dies so nicht bestätigen und bedauert es, dass dieser Eindruck bei einem Teil der Bevölkerung entsteht. Kein Verständnis haben wir, wenn dieser Vorwurf in ehrverletzender Weise an die Öffentlichkeit getragen wird. Uns ist es daher wichtig, dass Seniorinnen und Senioren und deren Angehörige wissen, dass wir hier Gegensteuer geben.

Ist denn die psychische Belastung infolge der Coronakrise bei SeniorInnen grösser als bei jungen Menschen?

Das kommt darauf an, wie jemand veranlagt ist. Viele ältere Menschen fühlen sich in diesen Zeiten schon sehr einsam. Altersgenossen und -genossinnen leben nicht mehr, die nächsten Angehörigen können ihre alten Verwandten nicht besuchen. Noch grösser ist die Belastung, wenn man nicht mobil ist. Darum führte auch die Pro Senectute des Kantons Solothurn, die ich präsidiere, Telefonketten ein, um diese Not etwas zu lindern.

Das Gespräch führte Martin Horazdovsky.

10vor10, 5.5.2020;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

180 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Walter Matzler  (wmatz)
    1. Ich bin alt und gehöre ohne mein Zutun zur Risikogruppe. 2. Ich habe den Virus weder erfunden noch verbreitet. 3. Die Verhaltensregeln schränken mich genau so ein wie jeden anderen. 4. Ich schütze mich nach Möglichkeit vor einer Ansteckung indem ich mich an die Regeln halte. 5. Und nun das Wesentliche: Kein Junger muss deshalb auf irgend etwas verzichten.
  • Kommentar von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
    Es erstaunt schon ein wenig, wie dauernd erklärt wird, dass Kosten-Nutzen Überlegungen keine Rolle spielen sollen. Natürlich spielen diese Überlegungen eine Hauptrolle! Dabei geht es ja bei der Risikoabschätzung, nämlich festzustellen, ob die Eingriffe in das Leben aller, die ungeheure Auswirkungen auf das Wirtschaftsleben adäquat zur Bedrohung an Leib und Leben sind! Für die paar Toten eines simplen Grippevirus sind wir bis anhin nicht ins Lock Down gegangen, aus Kosten/Nutzen Überlegungen!
  • Kommentar von Hansjürg Kipfer  (sdomingo)
    Ich bin Rentner und geniesse das Rentnerdasein in vollen Zügen, ich weiss wie und wann das Händewaschen zu geschehen hat, kann selbständig eine Hygienemaske anziehen und wieviel zwei Meter sind, wurde mir bereits in der Primarschule beigebracht. Es gab für mich bis anhin also keinen wirklichen Grund, mich mit den Empfehlungen des Bundesrates ernsthaft auseinanderzusetzen.