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Folgenlose Fluglotsenfehler vor Gericht – macht das Sinn?
Aus Info 3 vom 19.02.2021.
abspielen. Laufzeit 03:23 Minuten.
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Fluglotsen unter Anklage Sind Strafverfolgungen in der Luftfahrt kontraproduktiv?

Kritik an Druck auf Fluglotsen: Skyguide sieht ihre bewährte Fehlerkultur zunehmend durch Gerichtsverfahren gefährdet.

Das Zürcher Obergericht hat heute einen Fluglotsen von Skyguide vom Vorwurf fahrlässiger Störung des öffentlichen Verkehrs freigesprochen. Er hatte 2012 am Flughafen Zürich einer Sportmaschine eine Anweisung gegeben, die beinahe zur Kollision mit einem Passagierjet geführt hätte. Passiert ist zum Glück nichts. Die Begründung des Freispruchs: Der Lotse habe rechtzeitig korrigierend eingegriffen.

«Just Culture» als Berufsstolz

Mario Winiger ist seit 20 Jahren Flugverkehrsleiter bei Skyguide. In dieser Zeit seien auch ihm schon Fehler passiert, dazu müsse ein Lotse stehen: «Das ist der Berufsstolz. Wir wollen das System verbessern. Daher ist es Pflicht, Fehler zu melden und zu verhindern, dass einem anderen Kollegen der Fehler nochmals passiert.»

Es ist Pflicht, Fehler zu melden und zu verhindern, dass einem anderen Kollegen der Fehler nochmals passiert.
Autor: Mario WinigerFlugverkehrsleiter, Skyguide

«Just Culture» nennt sich das Prinzip: Wer einen Fehler gemacht hat, meldet diesen der Skyguide-Sicherheitsabteilung. Diese analysiert, ob Massnahmen getroffen werden müssen. Bei grösseren Fällen wie Beinahe-Kollisionen gibt es eine zusätzliche Untersuchung der Schweizer Unfalluntersuchungsstelle.

Um sicherzustellen, dass die Lotsen zu ihren Fehlern stehen, müssen sie nicht mit Konsequenzen rechnen, solange niemand zu Schaden gekommen ist und die Lotsen nicht grobfahrlässig oder gar vorsätzlich gehandelt haben.

Skyguide: Anklagen sind Gift für die Fehlerkultur

Dass die Zürcher Staatsanwaltschaft trotzdem schon mehrere Lotsen aufgrund von «Just Culture»-Meldungen angeklagt habe, sei Gift für diese Fehlerkultur, sagt Winiger.

Denn die Angst vor Strafverfolgung wirke sich direkt auf die Fehlermeldungen aus: «Vor diesen Strafuntersuchungen erhielten wir sehr umfassende und detaillierte Meldungen. Heute versucht man sich auch ein bisschen zu schützen und sagt einfach: Ich habe einen Fehler gemacht zu dieser Zeit.»

Staatsanwaltschaft: nur grosse Fälle

Verschlechtern also die Strafuntersuchungen die Fehlerkultur in der Luftfahrt? Der Zürcher Staatsanwalt Rolf Jäger, der im aktuellen Fall die Anklage vertrat, widerspricht. Die Justiz schalte sich nur bei grossen Fällen ein, bei denen eine hohe Gefahr für ein Unglück bestanden habe.

Es werde ja nicht nur untersucht, um jemanden zur Rechenschaft zu ziehen, sondern um künftig Vorfälle zu verhindern, sagt Jäger: «Wir haben festgestellt, dass immer nach Urteilen die Vorschriften überprüft und wichtige Änderungen im Ablauf eingeführt wurden.»

Wir haben festgestellt, dass immer nach Urteilen die Vorschriften überprüft und wichtige Änderungen im Ablauf eingeführt wurden.
Autor: Rolf JägerStaatsanwalt, Kanton Zürich

Kurz erklärt: «Just Culture»

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Der Berufsverband Cockpitpersonal Swiss (Pilots of Swiss) erklärt den Begriff «Just Culture» wie folgt: «Wenn in einer langen Kette der Fliegerei etwas passiert, so liegt der Fehler meist nicht nur bei einem Einzelnen, sondern in der Verzahnung von Schwachstellen. ‹Just Culture› vertritt den Ansatz, dass nicht einfach nur derjenige bestraft wird, bei dem der letzte Fehler in der Kette passiert ist, sondern dass im System die Schwachstellen gesucht werden, die kumulativ zum Unfall oder Fast-Unfall geführt haben. Das System als Ganzes muss die Sicherheit garantieren. Zur ‹Just Culture› gehört auch, dass die Akteure im System alle Probleme melden, die kritisch waren, ohne bestraft zu werden.»

BAZL: «Just Culture» muss ins Gesetz

Trotzdem kritisiert die Lotsen-Gewerkschaft HelvetiCA schon länger, die Schweiz sei eines der wenigen Länder, wo Strafuntersuchungen aufgrund von «Just Culture»-Meldungen eröffnet würden. Das müsse geändert werden.

Urs Holderegger vom Bundesamt für Zivilluftfahrt BAZL sagt: «Wir erachten eine gesetzliche Verankerung von ‹Just Culture› als sehr wichtig. Um eben diesen Konflikt zwischen den Sicherheitsansprüchen der Luftfahrt und der Justiz zu entschärfen.»

Wir erachten eine gesetzliche Verankerung von ‹Just Culture› als sehr wichtig.
Autor: Urs HoldereggerBundesamt für Zivilluftfahrt BAZL

«Just Culture»-Vorlage steht

Einen entsprechenden Vorstoss reichte SVP-Nationalrat Gregor Rutz 2019 ein. So soll es kein Strafverfahren geben, wenn die Behörden von einem Fehler nur aufgrund einer «Just Culture»-Meldung erfahren haben und kein grober Verstoss oder keine gravierenden Folgen vorliegen.

Der Bundesrat prüft nun, wie er die «Just Culture» als generelles Prinzip im Gesetz verankern kann. Nicht nur für die Luftfahrt, sondern auch für andere Bereiche wie etwa das Gesundheitswesen.

Info 3,19.02.2021, 17:00 Uhr

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Rebholz  (Charlie Romeo)
    Das Statement von Rolf Jäger belebt mit echt im Hals stecken.
    Wenn eine Branche lessons learnt ernst nimmt, dann die Fliegerei. Und das ganz ohne Strafbehörden.
  • Kommentar von Nic Grund  (Gruendeli)
    Typischer Beruf der schon längst automatisiert sein sollte. Völlig überflüssig, dass dort einer / eine sitzt und die Flugzeuge rum lotst. Wird aber bald kommen. Remote Towers gibt es schon.
    1. Antwort von Patrik Müller  (P.Müller)
      Und wenn dann halt wegen irgend etwas dennoch einen Fehler passiert ist niemand verantwortlich. "Die Elektronik" halt. Oder "das Programm".
      5 Jahre Zuchthaus für "das Programm". Oder den Programmierer?
      Keiner muss mehr denken, es übernimmt der "remote Tower". Im Flugzeug, im Auto, bei der Bahn.
      Fahre dreijähriges Auto. Batterie hat nicht einmal eine Ladeanzeige. Wenn der Saft plötzlich aus ist kommen Anzeigen wie "Bremsversagen" auf dem Display... Gratuliere der modernen Elektronik!
    2. Antwort von Oliver Reuss  (Revilo)
      Und wie denken Sie funktioniert ein Remote Tower? Es hockt nicht etwa ein Robocop irgendwo und spult eine Software ab, sondern die Flugbewegungen werden von einem Lotsen, der in einem anderen Tower arbeitet, überwacht und geleitet. Analog zu einem ferngesteuerten Spielzeugauto (remote controlled).
      In Schweden gibt es einige wenige Flugplätze mit einem Remote Tower; diese haben allerdings nur eine Handvoll Flugbewegungen pro Tag, Nicht mit einem internationalen Flughafen vergleichbar...
  • Kommentar von Peter P. Odermatt  (Peter P. Odermatt)
    Mit der Haltung der Staatsanwalt wird eine Ausübung der Skyguide praktisch verhindert. Personal lässt sich so zukünftig nicht mehr finden. Eine Gesetzesänderung bzw. der Schutz des Personals ist überfällig.