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Flugverbot für Ju-52 «Von Grobfahrlässigkeit kann man sicher nicht sprechen»

Legende: Audio Bazl-Sprecher Urs Holdenegger gibt Auskunft abspielen. Laufzeit 04:39 Minuten.
04:39 min, aus SRF 4 News aktuell vom 20.11.2018.

Das Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) hat ein Flugverbot für die beiden verbliebenen Maschinen der Ju-Air verfügt. An der Unfallmaschine, die im August abgestürzt war, wurden rostige Teile gefunden, die mit der Absturzursache aber nichts zu tun hatten.

Bazl-Mediensprecher Urs Holdenegger erklärt, wieso es nicht fahrlässig war, dass diese 80-jährigen Flugzeuge bisher regelmässig mit Passagieren in die Luft durften.

Urs Holdenegger

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Urs Holdengger leitet die Kommunikation des Bazl. Er ist auch Mitglied der Amtsleitung.

SRF News: Das Absturzwrack wird seit drei Monaten untersucht – wieso hat man die möglicherweise gefährlichen Roststellen erst jetzt bemerkt?

Urs Holdenegger: Ein solches Wrack muss zuerst gereinigt und konserviert werden. Erst dann wird jede einzelne Schraube von der Untersuchungsbehörde akribisch untersucht. Das dauert seine Zeit. Deshalb wurde das Bazl erst letzte Woche von der Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (Sust) entsprechend benachrichtigt.

Unsere Inspektoren kamen bei der Begutachtung der betroffenen Teile zu den gleichen Schlüssen wie die Spezialisten der Sust. Deshalb nun dieses vorläufige Flugverbot für die Ju-52.

Es geht um Einzelmängel, die erst bei der Untersuchung des Absturzwracks entdeckt werden konnten.

Auch wenn die festgestellten Mängel an der Absturzmaschine nicht direkt mit dem tragischen Unfall zu tun hatten: War es nicht grob fahrlässig, dass diese Oldtimer-Flugzeuge noch bis vor kurzem regelmässig in die Luft abhoben?

Von Grobfahrlässigkeit kann man sicher nicht sprechen. Das Problem ist, dass die am abgestürzten Flugzeug gefundenen Roststellen bei einer intakten Maschine nicht zugänglich sind. Sie konnten bei der regelmässigen Wartung oder bei der Inspektion der inzwischen 80-jährigen Maschine durch das Bazl nicht entdeckt werden.

Auch gab es keinerlei Hinweise darauf, dass sich das ganze Flugzeug in einem schlechten Zustand befinden könnte. Es handelt sich um Einzelmängel, die wir erst jetzt bei der Untersuchung des Absturzwracks festgestellt haben.

Man kann nicht grundsätzlich sagen, dass ein Flugzeug gefährlich ist, bloss weil es alt ist.

Ist es angesichts der festgestellten Mängel nicht grundsätzlich ein allzu grosses Risiko, solche jahrzehntealte Oldtimer-Flugzeuge weiterhin herumfliegen zu lassen?

Es ist immer etwas schwierig zu definieren, wo der Staat eingreifen und etwas verbieten soll. Das Bazl kann Flugzeuge nur aus dem Verkehr ziehen, wenn wir ganz klare Hinweise auf Mängel haben – wie im aktuellen Fall der Ju-52. Doch grundsätzlich kann man nicht sagen, dass ein Flugzeug gefährlich ist, bloss weil es alt ist. Inzwischen haben wir zusammen mit der Ju-Air ein Programm entwickelt, das beim Umgang mit alten Flugzeugen, zu denen keine Herstellerdaten mehr vorliegen, helfen kann.

Es geht um die Definition von Prüfmethoden und möglichen weiteren Untersuchungen. Ganz klar muss dabei sein, dass solche Flugzeuge in einem technisch guten Zustand sein müssen. Sonst dürfen sie nicht mehr in die Luft.

Welches ist die Hauptkritik des Bazl an die Adresse der Ju-Air?

Wir können nicht von Kritik sprechen. Denn auch wir selber haben die Schäden bei unseren Inspektionen ja nicht feststellen können.

Das Gespräch führte Iwan Santoro.

Christian Gartmann, Sprecher der Ju-Air, nimmt Stellung

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«Wir müssen die Flugzeuge durch das Flugverbot im Hangar behalten. Das hätten wir aber sowieso, weil wir uns in der Winter-Wartungsperiode befinden. Der Schaden am Flügel-Holmrohr, der aus dem Untersuchungsbericht hervorging, ist für uns natürlich nicht schön. Er war von aussen aber nicht erkennbar, weil er durch ein Teil verdeckt wurde, das aufgenietet war. Von innen haben wir das Rohr jedes Jahr mit einer Videokamera kontrolliert. Vor einem Jahr war er noch nicht sichtbar. Es ist daher noch nicht sicher, ob der Schaden vom Unfall selber stammt. Wir müssen das abklären.

Wir hatten weder von den Behörden Einschränkungen, noch haben wir heute aus dem Untersuchungsbericht einen technischen Grund gesehen, der das Flugzeug zum Absturz brachte. Der Schaden hat nichts mit der Unfallursache zu tun.

Wir werden nun alles Nötige in den Weg leiten, um auszuschliessen, dass die weiteren Flugzeuge Schäden haben. Und: Die Ju-Flugzeuge sind nicht zu alt zum Fliegen. Sie werden sehr engmaschig kontrolliert und 50 Prozent mehr gewartet als jüngere Flugzeuge. Wir schauen die Flugzeuge alle 35 Stunden an.»

Legende: Video Ju-Air-Sprecher Gartmann: «Der Schaden ist für uns nicht schön» abspielen. Laufzeit 01:07 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.11.2018.

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26 Kommentare

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  • Kommentar von Mike Steiner (M. Steiner)
    Zwar könnte man das Flugzeug komplett auseinander- und wieder zusammenbauen, Materialuntersuchungen durchführen und alle Schwachstellen beseitigen/neu verschweissen. Das ist aber kaum finanzierbar. Ehrlicherweise muss man dann wohl jetzt sagen: Das Flugzeug ist zu alt, um es kommerziell nutzen zu können. Es gehört definitiv ins Museum.
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  • Kommentar von Martin Hess (MH)
    Mich erstaunt sehr, dass Untersuchungsmethoden mittels X-Ray, Ultraschall o.ä. nicht längst zu den Standartmethoden bei so alten Flugzeugen gehören. Das sind bekannte, einfache und kostengünstige und nicht-zerstörende Methoden, die längst in vielen Industrien, u.A. auch in der Luftfahrt eingesetzt werden. Ich finde das Unterlassen solcher Inspektionen als grobfahrlässig.
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  • Kommentar von Reinhard Grunder (Reinhard Grunder)
    Die Tante JU wird halt auch nicht jünger, wie wir alle :-(
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