Zum Inhalt springen

Header

Audio
Studie: Insektenschwund ist real
Aus HeuteMorgen vom 31.10.2019.
abspielen. Laufzeit 01:45 Minuten.
Inhalt

Forscher schlagen Alarm «Erschreckender Insektenschwund»

  • In den letzten zehn Jahren sind fast ein Drittel der 2700 Insektenarten verschwunden. Das belegt eine Studie, die drei Regionen Deutschlands untersucht hat.
  • Auf Wiesen reduzierte sich demnach die Artenvielfalt um 34 Prozent. Die Insekten-Biomasse verzeichnete einen Verlust um zwei Drittel.
  • Laut der Studie sind vom Artensterben besonders Insekten betroffen, die sich auf Wiesen, in landwirtschaftlich stark genutzter Umgebung und Wälder sowie Schutzgebieten aufhalten.

Auch wenn es sie noch gibt – blühende Wiesen, auf denen im Sommer unzählige Insekten summen und brummen – es ist stiller geworden in vielen Naturlandschaften. Das zeigt eine neue Studie.

Daten zwischen 2008 und 2017 erhoben

Die Ökologen werteten Daten aus den Jahren 2008 bis 2017 aus – zehn Jahre also, und das in drei Regionen Deutschlands. Das Ergebnis: Auf Wiesen verschwand innerhalb dieser zehn Jahre eine von drei Insektenarten. Die Masse aller Insekten zusammengerechnet ging um zwei Drittel zurück.

Der Studienansatz

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
  • Die Forscher hatten von 2008 bis 2017 regelmässig Insekten und andere Gliederfüsser an insgesamt 290 Standorten in folgenden Regionen gesammelt: auf der Schwäbischen Alb in Süddeutschland, im Hainich - einem bewaldeten Höhenrücken in Thüringen - sowie in der brandenburgischen Schorfheide.
  • Die Wissenschaftler untersuchten 150 Standorte in Graslandschaften jährlich zwei Mal. Mit Netzen sammelten sie die Tiere von der Grasfläche.
  • Von den 140 Waldstandorten wurden 30 jährlich unter die Lupe genommen, der Rest an drei Jahren innerhalb des Jahrzehnts. Sie fingen die Insekten dort mit Fallen.
  • Insgesamt analysierten die Wissenschaftler Daten von mehr als einer Million Insekten und anderen Krabbeltieren, die zu mehr als 2700 Arten gehörten.

Diese Ergebnisse überraschen nicht, sie sind denen älterer Studien ähnlich. Neu sind Daten zum Wald, sagt Martin Gossner von der Eigenössischen Forschungsanstalt für Wald Schnee und Landschaft. Er war an der neuen Studie beteiligt. Bisher sei man davon ausgegangen, «dass dort die Artengemeinschaften viel besser gepuffert sind. Aber unsere Studie zeigt, dass wir auch dort einen Rückgang der Biomasse und der Diversität feststellen konnten.»

Rückgang auch in der Schweiz erwartet

Und die Forscher schauten genauer hin, welche Insekten es besonders trifft. Da zeigt sich: Auf den Wiesen sind es die sesshaften Arten, die also, die negativen Einflüssen vor Ort nicht so leicht entkommen können. Im Wald dagegen leiden vor allem die Arten, die gerne weit wandern oder fliegen – jene also, die auch weit weg von «zuhause» Schaden nehmen können. Das ist ein recht klarer Hinweis darauf, dass die intensive Nutzung der Landschaft auf offenen Flächen das Problem ist.

Klar werde laut Gossner aus den Daten auch: Ein sehr intensiv genutzter Acker in der Nähe macht keinen grossen Unterschied, es zählt die Summe, was grossflächig in einer Landschaft passiert. Daten aus der Schweiz gibt es nach wie vor nicht, aber «wir gehen davon aus, dass wir genauso auch in der Schweiz diesen Rückgang in der Biomasse und in der Diversität der Insekten feststellen.»

«Insektenschwund ist real»

Auf Wiesen und in Wäldern sind deutlich weniger Insekten unterwegs als noch vor einem Jahrzehnt, wie eine Studie unter Leitung von Forschern der Technischen Universität München (TUM) belegt. Die Wissenschaftler hatten in drei Regionen des Landes Insekten und andere Gliederfüsser wie Spinnentiere oder Tausendfüsser in Wäldern und Graslandschaften gezählt. Zumindest in letzteren hänge der Tierschwund vermutlich mit der Landwirtschaft zusammen, schreiben sie im Journal «Nature»., Link öffnet in einem neuen Fenster

Reaktionen aus der Politik

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
  • Die deutsche Umweltministerin Svenja Schulze zeigte sich alarmiert: Die Studie führe ein weiteres Mal vor Augen, wie ernst die Lage sei, sagte sie. «Eines belegt die Studie aber auch: Die Art und Weise der landwirtschaftlichen Nutzung entscheidet maßgeblich mit, ob Insekten in der Umgebung überleben können», sagte Schulze.
  • Deutschlands Landwirtschaftsministerin Julia Klöckner sagte, die Ursachen des Insektensterbens seien sehr komplex und beträfen nicht nur die Landwirtschaft. «Es geht ebenso um die Siedlungsentwicklung, um Lichtverschmutzung in den Städten, die Versiegelung von Flächen, zugepflasterte Gärten vor den Haustüren sowie den Verkehr und die Verkehrsinfrastruktur. Da müssen wir alle ran.»
  • Erstaunlich sei der ermittelte Insektenrückgang im deutschen Wald. «Der Wald ist vorratsreicher, älter, naturnaher und gemischter als vor zehn Jahren. Wir haben auch mehr Totholz und mehr Laubholz.»

Die Studie liefere den stärksten bisher verfügbaren Beleg für den Rückgang der Insekten, schreibt William Kunin von der University of Leeds in einem Kommentar zu der Studie. «Das Urteil ist klar. Mindestens in Deutschland ist der Insektenschwund real – und er ist so schlimm wie befürchtet.»

«Das ist erschreckend»

Sowohl auf Wiesen als auch in Wäldern ging die Artenzahl im Studienzeitraum um etwa ein Drittel zurück. Auch deren Gesamtmasse nahm ab, besonders ausgeprägt in den Graslandschaften – um 67 Prozent. In den Wäldern schrumpfte sie um etwa 40 Prozent.

«Dass solch ein Rückgang über nur ein Jahrzehnt festgestellt werden kann, haben wir nicht erwartet – das ist erschreckend, passt aber in das Bild, das immer mehr Studien zeichnen», sagt Wolfgang Weisser von der TUM.

Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Push-Mitteilungen aktivieren

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

88 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Beppie Hermann  (Eine rechte Grüne)
    T.Steiner, was glauben Sie, wieso so viele dieser 90% nach Europa ziehen, etwa, um uns zu zeigen, wie man einfach und nachhaltig leben kann? Selbst Neandertaler hätten Autos u.Flieger benutzt, hätte es dies damals gegeben. Menschen sind so, niemals zufrieden, die Armen nicht, die Reichen nicht. CHer/innen hätten es damals in den 70ern klugerweise bei 6Mio belassen, kein Land sollte mehr Einwohner haben, als die Lebengrundlage aller es erlaubt. Die CH hat längst über dieses Ziel hinausgeschossen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Hans Wüthrich  (Hans007)
    Es ist still geworden bei uns auf dem Land. Wir schlafen mit offenem Fenster, keine Mücke stört. Wir sitzen im Freien, keine Fliegen, nichts. Unsere Tür zum Garten ist oft offen, da kamen früher ganz Heerscharen von Ameisen rein, heute nichts. Unsere Trauben brauche ich nicht mehr vor den Vögeln zu schützen, es gibt keine mehr. Wir hatten immer viele Schwalbennester im Stall, dieses Jahr war es noch eines, und die Jungen sind verhungert. Vögel füttern im Winter? Vergiss es, es hat keine mehr.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Werner Christmann  (chrischi1)
    Jeden Morgen in der früh begrüssen mich die Spatzen, Amseln, Staren, Tauben,Grün- und Buntspechte, Rotkelchen, Raben, Milane, Graureiher, selbst die Bienen, Fliegen, Mücken aller Art und die Regenwürmer, dass hier ihr Lebensraum immer noch erhalten bleibt. Selbst auf den Feldern des Bauern finden sie es toll. Sie klagen jedoch darüber, dass ihnen bereits unweit von hier ihre Lebensgrundlage zerstört wird.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen