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Startups und KMU abgehängt von «Horizon»
Aus Rendez-vous vom 13.08.2021.
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Forschungskooperation mit EU Die stillen Opfer der «Horizon»-Strafaktion

Das Aus für das Rahmenabkommen trifft auch KMU und Start-ups in der Schweiz. Ihre Chancen auf Bundeshilfe sind gering. Glück und Pech liegen nah beieinander, wie zwei Beispiele zeigen.

Jannis Fischer hatte Glück. Er hat sich letztes Jahr mit seinem Zürcher Start-up beim europäischen Förderprogramm «Horizon» beworben – und überzeugt: Über zwei Millionen Euro Startgeld und nochmals «eine Handvoll» Millionen Investitionsgeld, die das Start-up tranchenweise aus Brüssel erhält.

Viel Geld zu einem wichtigen Zeitpunkt. «Wir konnten es zuerst gar nicht glauben und lasen die unspektakuläre Mail gleich mehrmals», erinnert sich Fischer, der mit seiner Firma direkt ab Universität nun bereits einen wertvollen Ausweis gegenüber weiteren Investoren vorlegen kann.

Wir konnten es zuerst gar nicht glauben und lasen die unspektakuläre Mail gleich mehrmals.
Autor: Jannis Fischer Gründer von Start-Up Positrigo

Das Start-up von Fischer heisst Positrigo und hat mittlerweile elf Angestellte. Sie haben einen Scanner entwickelt, der frühe Anzeichen von Alzheimer erkennen kann. Er ist kleiner und günstiger als die heutigen Gehirnscanner.

Knapp zu spät

Fischer kann sich, wie gesagt, glücklich schätzen. Hätte er nämlich mit der Bewerbung für «Horizon» zugewartet, wäre es ihm vermutlich ergangen wie Daniela Marino. Sie ist Gründerin des Start-ups Cutiss, das Hauttransplantationen vereinfachen will.

Marino hoffte dieses Jahr auf europäisches Fördergeld. Auch sie erhielt von der EU eine sehr gute Bewertung, hätte aber ihr Konzept in einem Punkt überarbeiten müssen, um den Millionen-Zuschuss zu bekommen.

«Eigentlich eine kleine Sache und angesichts des guten Resultats mit intakter Aussicht auf eine zweite Chance», sagt Marino. Doch diese zweite Chance sei für den Standort Schweiz momentan weggefallen.

Normalerweise eine kleine Sache und angesichts des guten Resultats mit intakter Aussicht auf eine zweite Chance.
Autor: Daniela Marino Gründerin von Start-Up Cutiss

Seit Monaten ist Schluss: Schweizer Start-ups und KMU können sich nicht mehr mit Einzelprojekten beim «Horizon»-Programm bewerben. Hintergrund sind die gescheiterten Verhandlungen mit der EU zum Rahmenabkommen.

Dem Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation (SBFI) sei die verzwickte Situation für KMU und Start-Ups bewusst, sagt die stellvertretende Abteilungsleiterin Mascha Zurbriggen.

Limitierte Sonderlösung

Immerhin konnte laut Zurbriggen für die 24 Start-ups, die bei der letzten Bewerbungsrunde im Frühsommer noch ein «Goۚ» vonseiten EU erhalten hatten, eine Sonderlösung gefunden werden.

Denn auch bei ihnen drehte die EU den Geldhahn zu: «Hier springt nun der Bund ein. Erfolgreich evaluierte Projektanträge werden eine Direktfinanzierung vom SBFI erhalten», so Zurbriggen. Knapp 60 Millionen Franken zahlt der Bund den Unternehmen mit positivem «Horizon»-Entscheid aus.

Erfolgreich evaluierte Projektanträge werden eine Direktfinanzierung vom SBFI erhalten.
Autor: Mascha Zurbriggen Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI

Das gilt aber eben nicht im Fall von Marino, welche die letzte Bewerbungsrunde knapp nicht schaffte. Sie geht leer aus – und mit ihr Dutzende Schweizer Start-ups und KMU.

Keine Bundesfinanzierung

Eine vergleichbare Alternative zum «Horizon»-Förderprogramm gibt es hierzulande nicht und könne auch nicht einfach aus dem Boden gestampft werden, betont Zurbriggen: «Bei der Innovationsförderung in der Schweiz gilt ganz klar der Grundsatz, dass der Staat nicht marktverzerrend wirkt. Daher gibt es keine Bundesmittel zur Finanzierung.» Man setze aber alles daran, dass die Schweiz ihren alten Status bei «Horizon» zurückbekomme.

Viel Trost gibt das der Start-up-Gründerin Marino allerdings nicht: «Wir verlieren Zeit, und Zeit ist für ein Start-up wie Blut. Wir müssen die Ersten und die Besten sein. Wenn wir sechs Monate oder ein Jahr verlieren, ist das eine Katastrophe.» Je länger diese unsichere Situation andauere, desto mehr Start-ups müssten sich den Wegzug ins Ausland überlegen, ist Marino überzeugt.

Schweiz betreibt keine Industriepolitik

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«Horizon Europe» umfasst nicht nur die universitäre Forschung, sondern ist auch ein Start-Up-Förderungsprogramm für bestimmte Technologien. Auch CH-Firmen konnten sich erstmals bewerben und erhielten zum Teil auch Geld. Und zwar viel mehr als über den Schweizer Weg via die Schweizerische Agentur für Innovationsförderung (Innosuisse). Mit dem Abbruch des Rahmenabkommens versiegt der neue Geldkanal. Denn die Schweiz betreibt an sich keine Industriepolitik wie etwa Frankreich oder Deutschland, jetzt – via Brüssel – nun aber doch.

Rendez-vous, 13.08.2021, 12:30 Uhr

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44 Kommentare

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  • Kommentar von Sebastian Demlgruber  (SeDem)
    «Bei der Innovationsförderung in der Schweiz gilt ganz klar der Grundsatz, dass der Staat nicht marktverzerrend wirkt. Daher gibt es keine Bundesmittel.“ Aber sich an die EU dranhängen und von dort Geld abschlauchen, ohne einen Beitrag leisten zu wollen, und die Türe nach sieben Jahren Verhandlungen zuzuschlagen, das geht? Und wenn die EU das nicht mehr mitmacht, wird über eine „Strafaktion“ geklagt? Das kann doch keiner mehr ernst nehmen.
  • Kommentar von Werner Gürr  (FrMu)
    Es gibt kein Argument, mit dem man die Tatsache wegerklären kann, dass Forschung auf engste internationale Zusammenarbeit angewiesen ist und dass man als Alleinkämpfer eben alleine dasteht. Da muss man nur unter die aktiv Forschenden, das heisst die unmittelbar Betroffenen und jetzt Forschung Betreibenden gehen und sich umhören. Für diese Leute ist der Fall klar. Ausschluss aus einem Forschungsprogramm, ist immer ein Desaster.
  • Kommentar von Silvan Marty  (Silvan Marty)
    Jetzt ist sicherlich auch wieder mal die EU schuld!
    Die schweiz ist ja immer politisch korrekt und neutral - ohnehin die besten und besser.
    Soll unser bund auch selber investieren!
    Subventionen sprudeln in gewissen bereichen auch.
    Hauptsache wir buttern in US militärindustrie milliarden.