Seit einem Jahr ist klar: Die Überreste des 1947 explodierten Munitionslagers Mitholz im Berner Kandertal sollen endlich geräumt werden. Doch trotz bewilligter 2.59 Milliarden Franken verzögert sich das Vorhaben.
Der ursprüngliche Zeitplan für den Beginn der Vorarbeiten zur Räumung verschiebt sich um mindestens ein Jahr. Der Grund: ungeahnte Gefahren und Verzögerungen bei der Schadstoffanalyse.
Der Start des Plangenehmigungs-Verfahrens ist neu 2026 vorgesehen. Die definitive Räumung des Munitionslagers soll frühestens ab 2033 beginnen.
Explosive Überraschungen im Schutt
Rund 3500 Tonnen Munition und Giftstoffe befinden sich noch immer in und um das frühere Munitionsdepot. Dass die Belastung im Schuttkegel der Anlage deutlich höher ist als erwartet, zeigte sich bei Bohrungen. «Wir haben schon in den oberen Schichten Munition gefunden, was wir ursprünglich nicht vermutet hatten», erklärt Adrian Goetschi, Projektleiter beim VBS. Der Schuttkegel sei stärker mit Munition belastet als bislang angenommen.
Die Katastrophe von Mitholz 1947
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Bild 1 von 10. Nach der Schreckensnacht in Mitholz zeugen Trümmer und beschädigte Häuser von der Katastrophe. Es ist die Nacht vom 19. auf den 20. Dezember 1947, als sich in der Gemeinde Kandergrund im Berner Oberland eine der grössten Explosionskatastrophen der Schweiz ereignet. Bildquelle: Keystone.
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Bild 2 von 10. In einem Munitionslager der Schweizer Armee kommt es zu einer Reihe schwerer Explosionen. Rund 4000 von 7000 Tonnen eingelagerter Munition explodieren oder verbrennen. Im Bild: Die zugemauerten Stolleneingänge des ehemaligen Munitionslagers. Bildquelle: VBS.
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Bild 3 von 10. Einer der Stollen nach der Explosion. Bildquelle: VBS.
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Bild 4 von 10. Die Felswand, in der sich das Munitionsdepot befindet, stürzt ein, wobei sich etwa 250'000 Kubikmeter Gestein lösen. Bildquelle: VBS.
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Bild 5 von 10. Neun Menschen sterben, mehrere werden verletzt. 200 Personen sind obdachlos. Bildquelle: Keystone.
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Bild 6 von 10. Die Explosionen sind so gewaltig, dass 40 Häuser zerstört oder beschädigt werden. Der Sachschaden wird auf 100 Millionen Franken geschätzt, was heute 490 Millionen Franken entspricht. Bildquelle: VBS.
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Bild 7 von 10. Im Kirchlein Kandergrund findet die Trauerfeier für die Opfer der Explosionskatastrophe statt. Bildquelle: Keystone.
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Bild 8 von 10. Die Katastrophe löst eine Solidaritätswelle in der Bevölkerung aus. Im Schulzimmer in Kandergrund türmen sich bald Spenden und Pakete aller Art (Foto vom Januar 1948). Bildquelle: Keystone.
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Bild 9 von 10. Aufräumen nach der Katastrophe: Bahnarbeiter reparieren die Gleise. Die Bahnstrecke ist tagelang unterbrochen und die Station Blausee-Mitholz der Lötschbergbahn zerstört. Bildquelle: Keystone.
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Bild 10 von 10. Wohin mit den Munitionsrückständen? Um den Gefahren durch überalterte Munitionsbestände zu begegnen, beschloss der Bundesrat im März 1948, 2500 Tonnen Artilleriemunition im Thuner-, Brienzer- und Vierwaldstättersee zu versenken. Zusätzlich wurden rund 1500 Tonnen von Rückständen aus Mitholz im Thunersee versenkt. Bildquelle: VBS.
Bereits kam es zu einem Zwischenfall: Eine Granate führte bei einer Bohrung zu einer Mini-Explosion, einer Verpuffung. Diese beschädigte den Bohrkopf.
Das Projekt musste unter anderem angepasst werden, weil im Schuttkegel vor der Anlage mehr explosives Material liegt als bisher von Fachleuten vermutet. «Jetzt stellen wir fest, dass wir eigentlich von Anfang an unter grösster Vorsicht arbeiten müssen, weil die Munition eben bis zu oberst im Schuttkegel liegt», so Gotschi.
Neben den explosiven Resten birgt auch die Umweltbelastung massive Herausforderungen. 77 Jahre nach der Explosion sind Schwermetalle und Sprengstoffrückstände im Boden noch immer nachweisbar. In Gärten, Wiesen und Dorfgebieten von Mitholz wurden fast 4000 Bodenproben entnommen. Laut Fachpersonen dauert die Analyse länger als geplant, sodass die konkreten Massnahmen erst später definiert werden können.
Hin und her des VBS macht Betroffene «kaputt»
Für die Bewohnerinnen und Bewohner von Mitholz bedeutet das zusätzliche Jahre der Unsicherheit. Zehn Häuser liegen in einem Bereich, der für die Räumung evakuiert werden muss. Ursprünglich war ein Auszug bis 2025 geplant, nun dürfen die Betroffenen bis Ende 2026 bleiben. Manche haben ihre Heimat jedoch bereits aufgegeben.
Walter Lüthi, ein ehemaliger Bewohner, der das Dorf bereits verlassen hat, schildert: «Das Hin und Her hat uns kaputtgemacht. Heute denke ich oft, dass wir unter anderen Bedingungen noch nicht gegangen wären.» Denn eigentlich hätte der 70-Jährige unbedingt im Kandertal bleiben wollen.
Stand heute hätte er so drei Jahre länger Zeit gehabt, sich eine neue Bleibe zu suchen. «Wir hatten Land und alles, jetzt wohnen wir in einem Haus ohne Umland. Die Pferde sind auswärts platziert. Damals haben wir dem Druck des VBS nachgegeben. Mit besserer Kommunikation wäre alles anders gekommen.»
Hat die Armee die Leute zu früh weggeschickt?
Das VBS steht vor einer enormen Aufgabe. Und muss sich unangenehmen Fragen stellen. Hat das VBS den Dorfbewohnenden zu früh, zu viel Druck gemacht, schon wegzuziehen?
Die Räumung sei komplex, ein Zusammenspiel aus Kampfmittelbeseitigung, Strassen- und Bahnschutz sowie Umweltsanierung. «Wir betreten Neuland», räumt Projektleiter Goetschi ein. Die Komplexität und die Vielzahl der beteiligten Disziplinen seien eine enorme Herausforderung.