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Gefährliches Munitionslager «Hat uns kaputt gemacht»: Ex-Mitholz-Bewohner kritisieren VBS

Unerwartete Munitionsfunde verzögern die Räumung in Mitholz und sorgen für Unsicherheit.

Seit einem Jahr ist klar: Die Überreste des 1947 explodierten Munitionslagers Mitholz im Berner Kandertal sollen endlich geräumt werden. Doch trotz bewilligter 2.59 Milliarden Franken verzögert sich das Vorhaben.

Der ursprüngliche Zeitplan für den Beginn der Vorarbeiten zur Räumung verschiebt sich um mindestens ein Jahr. Der Grund: ungeahnte Gefahren und Verzögerungen bei der Schadstoffanalyse.

Munitionsdepot
Legende: Bei den Bohrungen im Innern des Schuttkegels hat das VBS mehr Munition entdeckt als gedacht. ZVG/VBS

Der Start des Plangenehmigungs-Verfahrens ist neu 2026 vorgesehen. Die definitive Räumung des Munitionslagers soll frühestens ab 2033 beginnen.

Explosive Überraschungen im Schutt

Rund 3500 Tonnen Munition und Giftstoffe befinden sich noch immer in und um das frühere Munitionsdepot. Dass die Belastung im Schuttkegel der Anlage deutlich höher ist als erwartet, zeigte sich bei Bohrungen. «Wir haben schon in den oberen Schichten Munition gefunden, was wir ursprünglich nicht vermutet hatten», erklärt Adrian Goetschi, Projektleiter beim VBS. Der Schuttkegel sei stärker mit Munition belastet als bislang angenommen.

Die Katastrophe von Mitholz 1947

Bereits kam es zu einem Zwischenfall: Eine Granate führte bei einer Bohrung zu einer Mini-Explosion, einer Verpuffung. Diese beschädigte den Bohrkopf.

Das Projekt musste unter anderem angepasst werden, weil im Schuttkegel vor der Anlage mehr explosives Material liegt als bisher von Fachleuten vermutet. «Jetzt stellen wir fest, dass wir eigentlich von Anfang an unter grösster Vorsicht arbeiten müssen, weil die Munition eben bis zu oberst im Schuttkegel liegt», so Gotschi.

Bevölkerung von Mitholz soll Munition abgeben

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In Mitholz tauchen immer wieder Munitionsreste auf – nicht nur im ehemaligen Armeedepot, sondern auch in Gärten, Garagen oder sogar auf Estrichen und in Bücherregalen. Einige Bewohnerinnen und Bewohner haben solche Funde ausgestellt, was das VBS als Risiko einstuft. Es ruft daher dazu auf, Munitionsreste umgehend abzugeben. «Es ist Munition, das ist gefährlich», sagt Matthias Matti, Sprecher Mitholz des VBS. Für die Entsorgung wurde nun ein Sammelsystem eingerichtet, bei dem das Kampfmittelkommando der Armee die fachgerechte Entsorgung übernimmt. «Leute haben uns schon kesselweise Munition übergeben», so Matti.

Neben den explosiven Resten birgt auch die Umweltbelastung massive Herausforderungen. 77 Jahre nach der Explosion sind Schwermetalle und Sprengstoffrückstände im Boden noch immer nachweisbar. In Gärten, Wiesen und Dorfgebieten von Mitholz wurden fast 4000 Bodenproben entnommen. Laut Fachpersonen dauert die Analyse länger als geplant, sodass die konkreten Massnahmen erst später definiert werden können.

Hin und her des VBS macht Betroffene «kaputt»

Für die Bewohnerinnen und Bewohner von Mitholz bedeutet das zusätzliche Jahre der Unsicherheit. Zehn Häuser liegen in einem Bereich, der für die Räumung evakuiert werden muss. Ursprünglich war ein Auszug bis 2025 geplant, nun dürfen die Betroffenen bis Ende 2026 bleiben. Manche haben ihre Heimat jedoch bereits aufgegeben.

Mitholz
Legende: Walter Lüthi hat Mitholz bereits verlassen. Er hätte gerne mehr Zeit gehabt, sich eine neue Bleibe zu suchen. SRF

Walter Lüthi, ein ehemaliger Bewohner, der das Dorf bereits verlassen hat, schildert: «Das Hin und Her hat uns kaputtgemacht. Heute denke ich oft, dass wir unter anderen Bedingungen noch nicht gegangen wären.» Denn eigentlich hätte der 70-Jährige unbedingt im Kandertal bleiben wollen.

Stand heute hätte er so drei Jahre länger Zeit gehabt, sich eine neue Bleibe zu suchen. «Wir hatten Land und alles, jetzt wohnen wir in einem Haus ohne Umland. Die Pferde sind auswärts platziert. Damals haben wir dem Druck des VBS nachgegeben. Mit besserer Kommunikation wäre alles anders gekommen.»

Hat die Armee die Leute zu früh weggeschickt?

Das VBS steht vor einer enormen Aufgabe. Und muss sich unangenehmen Fragen stellen. Hat das VBS den Dorfbewohnenden zu früh, zu viel Druck gemacht, schon wegzuziehen?

Mitholz
Legende: 77 Jahre nach der Explosion beschäftigt das frühere Munitionslager Mitholz die Anwohnenden noch immer. Keystone/Anthony Anex

Die Räumung sei komplex, ein Zusammenspiel aus Kampfmittelbeseitigung, Strassen- und Bahnschutz sowie Umweltsanierung. «Wir betreten Neuland», räumt Projektleiter Goetschi ein. Die Komplexität und die Vielzahl der beteiligten Disziplinen seien eine enorme Herausforderung.

Regionaljournal Bern Freiburg Wallis, 29.11.2024, 6:31 Uhr ; 

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