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Gratis-Tampons an Westschweizer Schulen
Aus 10 vor 10 vom 02.06.2021.
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Gratis-Binden an Schulen Schülerinnen brechen das Tabu – Kantone der Romandie folgen

In der Westschweiz gibt es an immer mehr Schulen Gratis-Hygieneartikel. In der Deutschschweiz ist das oft «Privatsache».

«Das ist doch allen schon mal passiert, dass die Menstruation kommt und man merkt: Mist, ich habe nicht das dabei, was ich brauche!» Die 18-jährige Gymnasiastin Justine Delieutraz ist darum aktiv geworden. Zusammen mit einer Schulkollegin hat sie an der Emilie-Gourd-Schule in Genf eine Sammelaktion für Binden und Tampons gestartet, die nun gratis in den Toiletten zur Verfügung stehen.

Schachtel mit Binden und Tampons.
Legende: An der Emilie-Gourd-Schule in Genf werden Binden und Tampons gratis in den Toiletten zur Verfügung gestellt. SRF

«Es ist nie besonders angenehm, wenn die Regel einsetzt», sagt die 17-jährige Inès Malka-Forster. «Man fühlt sich unwohl, wenn man danach fragen muss.» Darum sei das Angebot wohl auch so gut angekommen. Die Hygieneprodukte stünden allen offen – gehamstert werde trotzdem nicht.

Und wenn doch jemand mehr als eine Binde oder ein Tampon auf einmal mitnehme? «Ich glaube, dann macht die Person das nicht einfach so», sagt Inès. «Das heisst, dass sie es braucht. Und dafür ist die Gratis-Abgabe ja auch gedacht.»

Wenn der Kanton den Tampon bezahlt

Während es in Genf handbemalte Boxen sind, in denen die Binden und Tampons aufliegen, sind es im Kanton Waadt industriell gefertigte Dispenser, die neu in einem breit angelegten Pilotprojekt an fast der Hälfte der Schulen des Kantons getestet werden.

Industriell hergestellter Dispenser mit Hygiene-Artikel.
Legende: In der Waadt wurden in Schultoiletten Dispenser für die Gratis-Abgabe von Binden und Tampons installiert. SRF

Die Nachfrage der Schülerinnen sei gross – entsprechend motiviert seien die Schulen gewesen, am Projekt teilzunehmen, erklärt Staatsrätin Cesla Amarelle (SP). Es gehe aber um weit mehr, als um die reine Gratis-Abgabe. «Es geht darum, ein Tabu zu brechen», so Amarelle. Und es gebe auch in der Schweiz Mädchen und jungen Frauen, die die Hygieneartikel nicht bloss vergessen würden, sondern sie sich nicht leisten können – ein Problem, das in der Schweiz bisher wenig bekannt sei.

Cesla Amarelle will das ändern: «Das Projekt ist auch ein politisches Signal, dass der Kanton Waadt das Problem der Periodenarmut ernst nimmt.» Es könne nicht sein, dass Mädchen und junge Frauen deswegen in der Schule abwesend seien und schlimmstenfalls abhängten.

Kantone der Romandie auf dem Vormarsch

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In der Deutschschweiz haben Gratis-Binden und -Tampons an Schulen einen schwereren Stand. So wurden sie in Bern, Wallis und Luzern auf kantonaler Ebene abgelehnt. Angenommen wurden sie von den Kantonsparlamenten Waadt, Jura und Genf, sowie Basel-Stadt. In verschiedenen anderen Kantonen und Gemeinden sind entsprechende Vorstösse hängig.

Im Kanton Bern hat das bürgerlich geprägte Parlament schon vor einem Jahr Nein gesagt zur Gratis-Abgabe von Binden und Tampons an Schulen. Auch die FDP stimmte geschlossen dagegen. Für den Parteipräsidenten Stephan Lack sind die Intim-Hygiene und die Hygieneprodukte nicht Sache der öffentlichen Hand. Sie seien Teil der individuellen Verantwortung – eines Mädchens und seiner Familie.

«In der Westschweiz ist man wegen des Einflusses von Frankreich grundsätzlich staatsgläubiger», so Lack. Und falls sich jemand wirklich keine Hygieneprodukte leisten könne, so solle diesen Personen und Familien in ihrer Armut direkt geholfen werden.

Diskussionen dank der Bindenschachtel

In der Westschweiz hingegen will man die Hygieneartikel nicht nur in den Schultoiletten frei zugänglich machen – sie seien auch der Weg, um das Thema zu enttabuisieren, zusammen mit Sensibilisierungsmassnahmen.

Zumindest in Genf hat das funktioniert, wie Lehrer Miguel Angel Vidal von der Genfer Schule Emilie-Gourd erzählt: «Ich habe beobachtet, wie die Schüler an der Sammelbox mit dem Infomaterial angehalten haben. Zuerst haben sie nur geschaut, später diskutiert, und dann brachten sie selber Hygieneartikel vorbei – und zwar Mädchen wie Jungen.»

10vor10, 02.06.21, 21:50

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53 Kommentare

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  • Kommentar von Michel Koller  (Mica)
    Spricht grundsätzlich nichts dagegen, solche Hygieneartikel kostenlos an Schulen abzugeben aber jetzt plötzlich eine Periodenarmut zu erschaffen ist einfach lächerlich. Armut ist ein grundsätzliches Problem aber wir sprechen hier von 5-15 Rappen pro Stück. Diese Art der Überdramatisierung sorgt immer wieder für entsprechende Widerstände/Gegenreaktionen und schadet dem eigentlichen Thema.
    1. Antwort von Katharina Bleuer  (Blk)
      Ein Tampon, das länger als 30 Minuten hält, kostet 20 Rp/Stk.
      Wenn Sie pro Monat 10.- für Körperpflegeprodukte zur Verfügung haben (Zahnpasta, Seife, Shampoo, Deo, Rasierzeug, Monatshygiene...) dann schenken die 8.- für Tampons schon ein!
  • Kommentar von Andreas Meier  (Epikur)
    Schon ziemlich amüsant, dass jene Kreise, welche partout keinen natürlichen oder biologischen Unterscheid bei den Geschlechtern als Kriterium für gewisse körperliche Voraussetzungen und Gegebenheiten akzeptieren wollen, umgekehrt kein Problem damit haben, wenns was rauzuholen gibt. Nach deren Ideologie müsste man den Jungs jetzt auch was spendieren. Was natürlich nicht passieren wird, und wenn jemand ernsthaft auf den Widerspruch hinwiese, er sogleich mit dem Moralfinger niedergestreckt würde.
    1. Antwort von Franziska Stäheli  (Franziska Stäheli)
      Als erwachsener fast zehn Prozent mehr Lohn sollte reichen. Und der Frisör, eure Klamotten, euer rasierschaum usw.
    2. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Sie haben ja auch noch nie in der Schule gemerkt, oh Mist ich hab meine Periode bekommen. Da möchte man nicht unbedingt alle Kolleginnen fragen, bis man was gefunden hat.
      Diese Lösung ist einfach und diskret.
      Wenn Sie mal ne Binde brauchen, bekommen sie diese dann sicher auch gratis.
    3. Antwort von Claudia Beutler  (Claudia)
      Was hätten die Jungs denn gerne, was sie unbedingt brauchen? Machen Sie eine Vorschlag, dann kann man auch das besprechen. Aber nur meckern, die Frauen bekommen was gratis und wir nicht.
      Ich geb ihnen gerne meine Mens.
  • Kommentar von jean-claude albert heusser  (jeani)
    Die Romandie ist in Sachen Sexualität viel weniger verklemmt wie die zum Teil prüde Deutschschweiz!
    Wäre an der Zeit das "ganz Normale" offener anzusprechen!
    1. Antwort von Anita Rusterholz  (Anita Rusterholz)
      @Heusser: nicht nur: bessere Essenskultur haben die auch.
    2. Antwort von Andreas Meier  (Epikur)
      Wo drück der Schuh? Als würde nicht überall darüber berichtet. Die Vermehrungsrate scheint da anderes anzudeuten. Und waren Sie schon mal an der Fasnacht? Komplett absurd, als ginge es hier um prüde oder nicht, das ist gar nicht die Frage. Was klar ist, dass die Westschweiz um Meilen weiter links steht, und in gewissen Teilen schon fast neo-marxistische Parolen verzapft. Der Unterschied zur Deutschschweiz ist, dass hier niemand wirklich einsieht, wieso der Staat nur Mädchen was spendieren soll.
    3. Antwort von Urs Müller  (Jackobli)
      Kchkchkch, neo-marxistisch, aus welcher Mottenkiste holen Sie Ihre Worte? Die welsche Schweiz ist vielleicht staatsgläubiger, also mindestens gewisse Kantone, aber neo-marxistisch? Gucken Sie mal die Parteienlandschaft an.
      Zu ihrem absurden Vorwurf, dass die Mädchen bevorteilt werden. Dann geben wir den Jungs doch auch Tampons ab. Ah, Biologie, stimmt, da war doch was?
      Aber dass beiden Geschlechtern Toilettenpapier, Wasser und Seife spendiert wird, ist dann noch kein Problem, oder?