Die Statistik des Bundes zeigt eine klare Tendenz: Gewalt in den eigenen vier Wänden nimmt zu, vor allem bei schweren Gewaltstraftaten wie Femiziden oder Vergewaltigungen.
In verschiedenen Kantonen gibt es mittlerweile Spezialisten, die nicht erst eingreifen, wenn ein Mann einer Frau gegenüber handgreiflich wird. Sie handeln präventiv. Bei der Kantonspolizei St. Gallen leitet Manuel Niederhäuser das Bedrohungs- und Risikomanagement (BRM). Er sagt: «Das Ziel ist klar: Gewalttaten verhindern.»
Gefährder hat die Ortswahl
Damit Gewalttaten verhindert werden können, durchforstet das siebenköpfige Team des BRM seit 2019 die Protokolle. Jeden Morgen gehen die Polizisten die Einsätze der letzten 24 Stunden durch – auf der Suche nach Fällen von häuslicher Gewalt oder Stalking. Mithilfe einer Checkliste versuchen die Spezialisten herauszufinden, ob es sich um einen harmlosen Einsatz handelt oder ob etwas Grösseres dahintersteckt.
Ist es Letzteres, versuchen die Polizisten, mit den sogenannten Gefährdern in Kontakt zu treten. Am Telefon könnte das so tönen: «Guten Tag, ich arbeite bei der Gewaltprävention der Kantonspolizei und würde gerne einmal mit Ihnen sprechen. Ich weiss, dass es letztes Wochenende einen Vorfall gab mit Ihrer Frau, bei dem Sie weggewiesen wurden. Können wir uns treffen?»
Das Treffen? «Sehr häufig im öffentlichen Raum, in einem Café oder Restaurant», sagt Mathis Kelemen. Er ist einer der Kantonspolizisten, der Gefährder aufspürt und mit ihnen spricht. «Wir arbeiten in Zivil. Und wir überlassen den betroffenen Personen, wo wir uns treffen – öffentlich oder auf einem Polizeiposten.»
Es geht nicht um Schuld.
Rund 90 Prozent der Kontaktierten seien zu einem Treffen bereit. Die Kapo St. Gallen rückte 2025 rund 2000 Mal wegen häuslicher Gewalt aus. Daraus resultierten 200 Gefährderansprachen. Es gebe viele Arten von Reaktionen, sagt Teamleiter Manuel Niederhäuser: «Wut, Ärger, Trauer, Tränen oder auch Ausraster. Die Gespräche sind authentisch, es wird selten etwas vorgespielt.»
Wichtig sei: «Es geht nicht um Schuld.» Es gehe auch nicht darum, zu urteilen, sondern darum, Druck zu mindern. «Diese Menschen stecken in einer Krise. Wir versuchen, Empathie zu zeigen, ohne Gewalt gutzuheissen.»
In einem Erstgespräch könne es hochemotional werden, sagt Mathis Kelemen: «Wir hatten Situationen, in denen wir an die frische Luft mussten. Es gibt aber auch Situationen, wo wir merken: Hier geht etwas, wir können die Person dort abholen, wo der Schuh drückt. So können wir Einfluss nehmen und entsprechend deeskalieren.»
Organisationen wie die Opferhilfe der Kantone St. Gallen und beider Appenzell sind froh, dass das BRM der Kantonspolizei eine Stelle schuf, die sich präventiv um häusliche Gewalt kümmert. Geschäftsleiterin Margot Vogelsanger sagt: «Das spüren wir. Es ist ein grosser Schutz für die Opfer, weil präventiv eine Eskalation verhindert werden kann.»
Ähnlich tönt es beim Frauenhaus in St. Gallen. Es sei wichtig, etwas zu unternehmen, bevor es zu einer Gewalttat komme. Strafrechtliche Massnahmen für Täter dürften aber nicht vernachlässigt werden.
Genau beziffern lässt es sich nicht, wie viele Gewalttaten durch die Arbeit des Bedrohungs- und Risikomanagements verhindert wurden. Polizist Mathis Kelemen sagt aber: «Wenn wir zurückschauen, können wir sagen: Wo wir eine Gefährdungsanalyse gemacht haben, ist es zu keinem schweren Vorfall gekommen. Das zeigt: Unsere Arbeit wirkt.»