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Kriminalstatistik des Bundes Mehr häusliche Gewalt: Ist das Zuhause unsicherer geworden?

Mehr als die Hälfte der Tötungsdelikte ereigneten sich 2025 im häuslichen Bereich – Opfer sind vor allem Frauen. Eine Kriminologin schätzt ein.

Mehr als die Hälfte der Tötungsdelikte in der Schweiz, nämlich 34, ereigneten sich 2025 im häuslichen Bereich. Das sind acht mehr als noch im Jahr davor. Auch versuchte Tötungen, einfache Körperverletzungen, Drohungen und Nötigungen in den eigenen vier Wänden wurden mehr registriert, wie die Kriminalstatistik des Bundes zeigt.

Das muss laut Kriminologin Nora Markwalder nicht unbedingt bedeuten, dass das Zuhause unsicherer wurde. Es kann auch damit zu tun haben, dass die Polizei genauer hinschaut.

Der Graubereich bei häuslichen Delikten sei gross. «Normalerweise ist es beim häuslichen Bereich wirklich so, dass sehr viele dieser Delikte nicht angezeigt werden vonseiten der Opfer, sondern im Dunkeln bleiben», sagt Markwalder.

Dies bestätigt auch Karina Nasaeva von der Organisation Brava (ehem. «Terre des Femmes»): «Viele Betroffene wenden sich aus Angst, Abhängigkeit oder fehlendem Vertrauen in die Behörden nicht an die Polizei. Dennoch ist die Kriminalstatistik hoch relevant, weil sie Entwicklungen sichtbar macht und bestätigt, was Fachstellen seit Jahren beobachten.»

Frauen werden hauptsächlich im häuslichen Bereich getötet.
Autor: Nora Markwalder Kriminologin

Laut der Kriminologin gibt es jedoch die Entwicklung, dass die Polizei in der Regel schneller einschreitet und selbst zum Mittel der Anzeige greift. Das schlage sich in der Kriminalstatistik nieder.

Person hinter zerbrochenem Spiegel mit gesenktem Kopf.
Legende: Drei von vier Opfern von häuslichen Tötungsdelikten sind Frauen. Gesprochen wird in diesem Zusammenhang von Femiziden – also die Tötung von Frauen aufgrund ihres Geschlechts. Keystone / Jonas Walzberg

Ins Auge sticht zudem der Geschlechtergraben. «Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer schweren Straftat zu werden, auch eines Tötungsdelikts, ist für Männer im ausserhäuslichen Bereich deutlich höher – und für Frauen im häuslichen Bereich», sagt die Kriminologin.

Kanton Bern will Femizide in Polizeistatistik aufführen

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Die Forderung des grünen Berner Grossrats Manuel C. Widmer und seinen Mitstreitenden aus FDP, EVP, SP und GLP hat zum Ziel, Femiziden entgegenzuwirken. Noch immer werde Gewalt gegen Frauen häufig als privates Problem betrachtet. Der Begriff Femizid sei bislang nicht fest in der politischen Sprache verankert, schreiben die Vorstösserinnen und Vorstösser in ihrer Motion.

Femizide seien keine seltenen Ausnahmen, sondern Ausdruck einer tiefgreifenden strukturellen Gewalt, «die ihren Ursprung in patriarchalen Machtstrukturen unserer Gesellschaft hat». Die Berner Kantonsregierung zeigte sich bereit, Femizide künftig in der Kriminalstatistik explizit aufzuführen. Allerdings will sie keinen Alleingang starten, sondern zuerst eine schweizweite Definition und Kriterien zur Erfassung solcher geschlechterspezifischen Gewalttaten abwarten. (sda)

Den Geschlechterunterschied gibt es ebenso beim Tatbestand der Vergewaltigung. Auch hier kam es zu einer starken Zunahme um 29 Prozent. Das habe zum Teil mit der Revision des Sexualstrafrechts zu tun, das seit 2024 in Kraft ist, so Markwalder.

Verschiebung in der Statistik

«Der Tatbestand der Vergewaltigung ist nun breiter gefasst. Er umfasst mehr Handlungen als früher. Das hat sicher dazu geführt, dass wir in der Statistik jetzt eine Zunahme der Vergewaltigungen sehen.» Und gleichzeitig aber weniger Fälle von sexueller Nötigung und Übergriffe – hier kam es also zu einer Verschiebung in der Statistik.

Wobei dieser Effekt die grosse Zunahme bei den Vergewaltigungen nicht ganz zu erklären vermag. Es kam ganz grundsätzlich zu mehr Meldungen. Auch das könne indirekt mit der Einführung des neuen Sexualstrafrechts zu tun haben, ist Markwalder überzeugt.

Wieso sind Frauen stärker von häuslicher Gewalt betroffen?

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Gewalt gegen Frauen ist laut der Organisation Brava kein Zufall, sondern Ausdruck struktureller Ungleichheiten. Häusliche Gewalt sei eng mit Macht- und Kontrollverhältnissen verbunden. Faktoren wie wirtschaftliche Abhängigkeit, soziale Rollenbilder oder gemeinsame Betreuungspflichten führten dazu, dass Frauen besonders häufig und besonders schwer betroffen sind. Femizide sind laut Brava nicht isoliert zu betrachten, sondern stehen am Ende einer Eskalationsdynamik von Gewalt.

«Es hat auch ein wichtiger Diskurs in der Öffentlichkeit stattgefunden. Themen wie ‹Nur Ja heisst Ja› wurden adressiert», so Markwalder. Frauen seien dadurch mehr für das Thema sensibilisiert und hätten sich erst dadurch getraut, Sexualstrafdelikte zu melden.

«Postleitzahlen-Lotterie» in der Schweiz

Für die Organisation Brava bestätigen die aktuellen Zahlen: «Geschlechtsbezogene Gewalt in der Schweiz ist ein strukturelles Problem, das weiterhin nicht ausreichend adressiert wird», sagt Karina Nasaeva von Brava.

Die bestehenden Massnahmen in der Schweiz gingen zwar in die richtige Richtung, ihre Wirkung bleibe jedoch begrenzt. Zentraler Grund dafür sei die fragmentierte Umsetzung: Die Verantwortung liege weitgehend bei den Kantonen, was zu grossen Unterschieden führe. «Diese ‹Postleitzahlen-Lotterie› schafft erhebliche Ungleichheiten für Betroffene. Hinzu kommt ein strukturelles Unterfinanzierungs­problem», sagte die Brava-Sprecherin.

Das tut die Politik gegen häusliche Gewalt

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In der Schweiz sollen verschiedene Kampagnen und politische Massnahmen gegen häusliche und geschlechterspezifische Gewalt umgesetzt werden. Ab Mai 2026 startet eine nationale Sensibilisierungskampagne des Bundes gegen häusliche und sexualisierte Gewalt.

Die SP will eine Volksinitiative gegen geschlechtsspezifische Gewalt starten. Sie fordert nationale Mindeststandards zu Prävention und Schutz sowie eine Kostenbeteiligung des Bundes an den Massnahmen von jährlich rund 500 Millionen Franken. Weiterhin hat der Ständerat drei Motionen zugestimmt, die unter anderem einheitliche Regeln für Prävention, Opferschutz und Strafverfolgung fordern.

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Rendez-vous, 23.3.2026, 12:30 Uhr; wilh

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