Mehr als die Hälfte der Tötungsdelikte in der Schweiz, nämlich 34, ereigneten sich 2025 im häuslichen Bereich. Das sind acht mehr als noch im Jahr davor. Auch versuchte Tötungen, einfache Körperverletzungen, Drohungen und Nötigungen in den eigenen vier Wänden wurden mehr registriert, wie die Kriminalstatistik des Bundes zeigt.
Das muss laut Kriminologin Nora Markwalder nicht unbedingt bedeuten, dass das Zuhause unsicherer wurde. Es kann auch damit zu tun haben, dass die Polizei genauer hinschaut.
Der Graubereich bei häuslichen Delikten sei gross. «Normalerweise ist es beim häuslichen Bereich wirklich so, dass sehr viele dieser Delikte nicht angezeigt werden vonseiten der Opfer, sondern im Dunkeln bleiben», sagt Markwalder.
Dies bestätigt auch Karina Nasaeva von der Organisation Brava (ehem. «Terre des Femmes»): «Viele Betroffene wenden sich aus Angst, Abhängigkeit oder fehlendem Vertrauen in die Behörden nicht an die Polizei. Dennoch ist die Kriminalstatistik hoch relevant, weil sie Entwicklungen sichtbar macht und bestätigt, was Fachstellen seit Jahren beobachten.»
Frauen werden hauptsächlich im häuslichen Bereich getötet.
Laut der Kriminologin gibt es jedoch die Entwicklung, dass die Polizei in der Regel schneller einschreitet und selbst zum Mittel der Anzeige greift. Das schlage sich in der Kriminalstatistik nieder.
Ins Auge sticht zudem der Geschlechtergraben. «Die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer schweren Straftat zu werden, auch eines Tötungsdelikts, ist für Männer im ausserhäuslichen Bereich deutlich höher – und für Frauen im häuslichen Bereich», sagt die Kriminologin.
Den Geschlechterunterschied gibt es ebenso beim Tatbestand der Vergewaltigung. Auch hier kam es zu einer starken Zunahme um 29 Prozent. Das habe zum Teil mit der Revision des Sexualstrafrechts zu tun, das seit 2024 in Kraft ist, so Markwalder.
Verschiebung in der Statistik
«Der Tatbestand der Vergewaltigung ist nun breiter gefasst. Er umfasst mehr Handlungen als früher. Das hat sicher dazu geführt, dass wir in der Statistik jetzt eine Zunahme der Vergewaltigungen sehen.» Und gleichzeitig aber weniger Fälle von sexueller Nötigung und Übergriffe – hier kam es also zu einer Verschiebung in der Statistik.
Wobei dieser Effekt die grosse Zunahme bei den Vergewaltigungen nicht ganz zu erklären vermag. Es kam ganz grundsätzlich zu mehr Meldungen. Auch das könne indirekt mit der Einführung des neuen Sexualstrafrechts zu tun haben, ist Markwalder überzeugt.
«Es hat auch ein wichtiger Diskurs in der Öffentlichkeit stattgefunden. Themen wie ‹Nur Ja heisst Ja› wurden adressiert», so Markwalder. Frauen seien dadurch mehr für das Thema sensibilisiert und hätten sich erst dadurch getraut, Sexualstrafdelikte zu melden.
«Postleitzahlen-Lotterie» in der Schweiz
Für die Organisation Brava bestätigen die aktuellen Zahlen: «Geschlechtsbezogene Gewalt in der Schweiz ist ein strukturelles Problem, das weiterhin nicht ausreichend adressiert wird», sagt Karina Nasaeva von Brava.
Die bestehenden Massnahmen in der Schweiz gingen zwar in die richtige Richtung, ihre Wirkung bleibe jedoch begrenzt. Zentraler Grund dafür sei die fragmentierte Umsetzung: Die Verantwortung liege weitgehend bei den Kantonen, was zu grossen Unterschieden führe. «Diese ‹Postleitzahlen-Lotterie› schafft erhebliche Ungleichheiten für Betroffene. Hinzu kommt ein strukturelles Unterfinanzierungsproblem», sagte die Brava-Sprecherin.