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Heilbar, aber unbezahlbar? Wenn das Geld für die Krebstherapie fehlt

Die gute Nachricht: Krebsmedikamente werden immer besser. Die schlechte: Sie sind teuer – zu teuer für viele Kassen.

Legende: Audio Bestmögliche Therapie für Krebskranke? abspielen. Laufzeit 04:04 Minuten.
04:04 min, aus Rendez-vous vom 18.05.2018.

Eigentlich beginnt diese Geschichte gut: Es gibt immer mehr Medikamente gegen Krebs. Damit sind die Chancen für Krebskranke gestiegen – mehr Menschen werden wieder gesund. Jetzt kommt das Problem: Diese neuen Medikamente sind sehr teuer – und die Krankenkassen weigern sich offenbar immer häufiger, sie zu bezahlen.

Zu dieser Diagnose kommt Rolf Marti von der Krebsliga Schweiz, weil er systematisch Ärzte befragt: «Von Onkologen hören wir, dass sich die Situation im letzten Jahr verschlechtert hat.» Noch kann die Krebsliga das nicht mit einer Studie untermauern, diese soll aber folgen.

Ärzte müssen vermehrt Gesuche stellen

Doch wie ist es möglich, dass Krankenkassen nicht bezahlen für Therapien, die Ärzte verordnen? Der Grund ist das Gesetz. Weil die neuen Krebsmedikamente so teuer sind, regelt das Gesetz ganz genau, in welchen Fällen die Grundversicherung dafür bezahlen muss.

Das kann heissen: Der Arzt darf ein Medikament nur gegen eine bestimmte Krebsart verschreiben. Oder er darf zwei Medikamente nur in einer bestimmten Reihenfolge verordnen. Nur: Was, wenn es medizinisch sinnvoller ist, die Medikamente anders einzusetzen?

Dann muss der Arzt bei der Krankenkasse ein Gesuch stellen. Immer häufiger komme das vor, sagt Marti: «Die Zahl der Fälle, in denen man Gesuche stellen muss, hat zugenommen.» Mit der steigenden Zahl an Gesuchen würde natürlich auch die Zahl der Ablehnungen steigen.

Revision des Bundesrats ohne Erfolg?

Martis Diagnose erstaunt. Denn eigentlich sollte es inzwischen etwas besser laufen bei den Krebsmedikamenten. Vor gut einem Jahr hat der Bundesrat nämlich neue Spielregeln aufgestellt. Sie sollten dafür sorgen, dass die Krankenkassen einheitlicher – und damit fairer – über Krebstherapien entscheiden.

Wenn wir uns umhören, ob es sich verbessert hat, ist eher das Gegenteil der Fall: Es gibt Ablehnungen, man muss eine Revision des Gesuchs schicken. Es wird eine Verzögerungstaktik angewandt.
Autor: Rolf MartiKrebsliga Schweiz

Hat das nichts gebracht? «Leider nein. Wir haben auch gehofft, dass die Situation dadurch besser wird. Aber die Revision hat wenig bis gar nichts gebracht – sie hat die Situation eher noch verschlechtert.»

Taktische Manöver der Krankenkassen?

Da ist zum Beispiel folgende Vorgabe: Neu müssen die Kassen die Gesuche von Ärzten innerhalb von zwei Wochen beantworten. «Wenn wir uns umhören, ob es sich verbessert hat, ist eher das Gegenteil der Fall: Es gibt Ablehnungen, man muss eine Revision des Gesuchs schicken. Es wird eine Verzögerungstaktik angewandt.» Die Willkür gehe also weiter.

Solange wir keine Zahlen sehen, können wir das nicht bestätigen, heisst es bei Santésuisse, dem Verband der Krankenkassen. Und: Es sei kein Wunder, dass die Kassen oft länger brauchten als zwei Wochen für ihre Antwort auf Arztgesuche – denn diese Gesuche seien oft nicht vollständig.

Bund sieht keine willkürlichen Ablehnungen

Auch beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) bekommt man eine ganz andere Diagnose zu hören als bei der Krebsliga: «Das BAG hat keine Hinweise, die deren Annahmen bestätigen. Es ist natürlich möglich, dass unterschiedliche Entscheide zustande kommen», sagt Mediensprecher Jonas Montani.

Schliesslich stelle jeder Entscheid einen Einzelfall dar, der auch individuell beurteilt werden müsse. Willkür oder Zweiklassenmedizin seien nicht festzustellen. «Derzeit besteht kein Handlungsbedarf», der BAG-Sprecher überzeugt. Bloss: Das kann sich ändern.

Stellt die Politik neue Regeln auf?

Im Moment sammelt der Bund Daten über alle Gesuche von Krebsärzten. Er will wissen, wofür die Kassen bezahlen und wofür nicht. Noch bis Ende 2019, dann wird ausgewertet. «Sollte diese Evaluation weiteren Handlungsbedarf aufzeigen, wird der Bundesrat dies prüfen.» Vielleicht gibt es also noch einmal neue Regeln.

Klar ist: Irgendwann müssen sich Krankenkassen, Staat und Pharmafirmen grundsätzlich darauf einigen, wer wie viel für die teuren, neuen Krebsmedikamente bezahlt. Sonst ist Krebs zwar heilbar, aber unbezahlbar.

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20 Kommentare

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  • Kommentar von Barbara Lampérth (Luk 12/3)
    Der Staat muss festlegen, was eine Therapie kosten darf und die Krankenkassen sollen diesen Preis dann zahlen müssen. Alternativ hätte die Einheitskasse mit der Pharmaindustrie verhandeln können. Noch ein paar Jahre so weiter und die Einheitskasse kommt wieder aufs Tapet und hat Chancen angenommen zu werden.
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  • Kommentar von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
    Das Gesundheitswesen der Schweiz ist Pofitorientiert und kapitalistisch aufgebaut. Das hätten wir mit der Einheitskasse ändern können, wollten wor, auf Geheiss der Rechtskonservativen aber nicht. Nun muss sich niemand über die Folgen beklagen. Genau diese wollten die Befürworter bremsen. Und wer glaubt der Bund würde etwas ändern trägt eine Rosa Brille. Unsere Parlamentarier sind zu verstrickt mit den KK und der Pharmaindustrie. Zumal unsere Regierung das kapitalistische System unterstützt.
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  • Kommentar von Franz NANNI (igwena ndlovu)
    Deckelt die Boni und Salaere der Grossklotzer und es ist genug... oder macht eine Kebssteuer auf Cigis, 50 Rappen pro Paeckli... und es ist genug!
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