Am 6. August 1656 wurde Elsbetha Bünzli in Zürich als Hexe verbrannt. Die 44-Jährige war übel zugerichtet worden: Auf der Streckbank gefoltert, gequält und geköpft. Danach wurde ihr Körper verbrannt und die Asche im Wasser der Sihl zerstreut. Unter Folter hatte sie alles gestanden, was ihr vor vorgeworfen wurde: Verführung fremder Ehemänner, Inzest, Hexerei, Geschlechtsverkehr mit dem Teufel.
In Armut und am Rande der Gesellschaft aufgewachsen
«Sie wurde unter der Folter fast getötet, bis sie sagte, irgendjemand solle ihr doch sagen, was eine Hexe sei, dann könne sie sagen, was sie hören wollten», sagt Matthias Rüsch, reformierter Pfarrer von Uster, der sich dafür eingesetzt hat, dass der Name der Frau, die als Hexe hingerichtet worden war, in Uster nicht vergessen geht. Die Gerichtsakten aufgearbeitet hat der kürzlich verstorbene Otto Sigg, ehemaliger Staatsarchivar des Kantons Zürich. Er hat insgesamt über 80 Fälle von Hexenmorden im Kanton gesammelt.
Elsbetha Bünzlis Fall ist äussert gut dokumentiert: Sie ist im Weiler Nossikon bei Uster ohne Eltern und in grosser Armut aufgewachsen. Ihre Eltern waren früh an der Pest gestorben. Sie lebte am Rande der Gesellschaft und fiel als ledige Mutter auf. Es hiess, sie fluche, habe ihre Schwester mit dem Tod bedroht und entblösse sich öffentlich. Zudem wurde sie mehrfach wegen Ehebruchs eingesperrt.
Elsbetha Bünzli war ohne Schutz eines Ehemannes den Vorwürfen der Dorfgemeinschaft ausgeliefert. «Als 1655 ein Sturm den Kirchturm von Uster zum Einstürzen brachte, war in ihr schnell ein Sündenbock gefunden», sagt Matthias Rüsch.
Täter-Opfer-Umkehr
Anders als bei ähnlichen Hexenmorden war Elsbetha Bünzli keine Kräuterfrau oder Heilerin. «In den Prozessakten gab es Hinweise, dass sie mehrfach und von mehreren Männern vergewaltigt worden war – dann kam es zur klassischen Täter-Opfer-Umkehr», sagt Matthias Rüsch. Sie wurde beschuldigt, die Männer verführt zu haben. Dass diese ihr Unrecht getan hatten, ist jedoch bewiesen. Die Männer wurden verurteilt, noch bevor Bünzli hingerichtet wurde: «Aber vom Hexereivorwurf kam sie nicht mehr los. Es war ein einfacher Weg, sie aus dem Weg zu schaffen.»
Als Zeichen, dass Uster Elsbetha Bünzli nach all dieser Zeit in der Gemeinschaft aufnehmen wolle, steht nun ein Mahnmal bei der Kirche Uster: Ein abgehackter Baumstrunk, der mit Verwachsungen versucht, seine Wunde zu schliessen.
Es sei auch ein Mahnmal für alle Frauen, sagt Sonja Feldmeier, die Künstlerin, die die Skulptur entworfen hat: «Was Elsbetha Bünzli erlebt hat, sexuelle Gewalt, Gewalt gegen Frauen und den Ausschluss von Randgruppen, das sind auch heute noch aktuelle Themen.»
Auseinandersetzung mit eigener Beteiligung
In der Mitte des Baumstrunks ist eine Glasplatte eingelassen, die das Gesicht derjenigen spiegelt, die hineinschauen. Es lässt sie fragen, ob sie sich im Schicksal der Frau aus dem 17. Jahrhundert widerspiegeln oder auch Anteil haben könnten an einer solchen Ausgrenzung.
Diese Auseinandersetzung wünscht sich Sonja Feldmeier: «So hat Elsbetha Bünzli einen Platz gefunden in der Gegenwart, aber auch wir reflektieren, wo wir stehen in der heutigen Gesellschaft.»