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«Heute beraten wir auch andere Formen von Extremismus»: Urs Allemann im Interview
Aus Regionaljournal Zürich Schaffhausen vom 07.09.2021.
abspielen. Laufzeit 08:38 Minuten.
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Islamismus in Winterthur Extremismus-Experte: «Das Problem ist nicht gelöst»

Während fünf Tagen steht derzeit eine Gruppe von mutmasslichen Islamisten in Zürich vor Gericht. Die Angeklagten sollen 2016 zwei andere Gläubige in der Winterthurer An’Nur-Moschee bedroht, beschimpft und geschlagen haben.

In anderen Fällen sorgten in der Vergangenheit auch junge Dschihad-Reisende aus Winterthur für Schlagzeilen. Die Stadt hat deshalb vor fünf Jahren die Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention gegründet. Laut dem Zuständigen Urs Allemann gibt es auch heute noch Handlungsbedarf.

Urs Allemann

Urs Allemann

Abteilungsleiter Prävention und Frühintervention der Stadt Winterthur

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Urs Allemann hat die Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention im Oktober 2016 gegründet. Auslöser dafür war, dass radikalisierte Winterthurer Jugendliche nach Syrien gereist sind. Seit dem März dieses Jahres leitet Allemann die Abteilung Prävention und Frühintervention, zu welcher die Fachstelle gehört.

SRF News: Nebst dem Prozess hört man derzeit im Zusammenhang mit Islamismus nicht mehr so viel von Winterthur. Wie schätzen Sie die Situation heute ein – ist das Problem gelöst?

Urs Allemann: Nein, dieses Problem ist an sich nicht gelöst. Seit der Gründung der Fachstelle im Oktober 2016 haben wir einen konstanten Beratungsbedarf. Während es in der ersten Zeit nur um gewalttätigen Dschihadismus ging, hat sich das Themenspektrum nun vergrössert. Wir beraten auch rund um Fälle von Rechts- und Linksextremismus. Bei der Hälfte der vierzig Beratungen, welche wir durchschnittlich jährlich machen, stehen islamistische Radikalisierungen im Vordergrund.

Im jüngsten Sicherheitsbericht wird Winterthur als sicherste Grossstadt der Schweiz gelobt. Doch darin steht auch, dass der Nachrichtendienst des Bundes die Stadt noch immer als «Hotspot» bezüglich Islamismus bezeichnet. Inwiefern ist das Problem also noch vorhanden?

Es ist so, dass wir in diesem Bereich demütig sein müssen. Das Problem von Extremismus ist nicht nur davon abhängig, wie eine Stadtverwaltung reagiert oder ob Fachstellen eröffnet werden. Es kommt auch sehr stark auf die geopolitische Lage an, wie sich die Szene und die Bewegungen entwickeln. Dies kann man nur bedingt beeinflussen.

Das Netzwerk verfügt über ein grosses Wissen. Dies gibt Sicherheit
Autor: Urs Allemann Abteilungsleiter Prävention und Frühintervention

Wir haben es aber geschafft, eine rege genutzte Fachstelle aufzubauen, welche anonyme und vertrauliche Beratungen macht. Das Netzwerk verfügt über ein grosses Wissen im Bereich von verschiedenen politischen und religiösen Bewegungen. Dies gibt Sicherheit.

Die Fachstelle Extremismus und Gewaltprävention

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Das Winterthurer Angebot wurde im Oktober 2016 gegründet. Der Auslöser dafür war, dass sich in Winterthur Jugendliche radikalisiert und dem Islamischen Staat angeschlossen hatten.

Zu den Zielen der Fachstelle gehört es, Radikalisierungen frühzeitig zu erkennen. Zum einen können sich Fachleute an die Beratungsstelle wenden. Zum anderen ist sie für Privatpersonen vorgesehen, die in ihrem Umfeld eine Radikalisierung befürchten.

Im Zusammenhang mit Islamismus und Dschihadismus hat sich in Syrien oder im Irak viel verändert. Wirkt sich dies auch auf die Winterthurer Szene aus?

Es hat nicht nur Auswirkungen auf die Szene in Winterthur, sondern allgemein auf islamistische Bewegungen und Gruppierungen. Der Prävention spielt in die Hände, dass das territoriale Kalifat, welches 2014 noch bestanden hat, mit der Zurückdrängung des Islamischen Staates an Kraft verloren hat. Früher war es ein wichtiger Bezugspunkt für radikale Personen, welche darin eine Alternative zu ihrem Lebensumfeld gesehen haben. Doch dieser Bezugspunkt fiel bald weg – und damit schwindet auch die Anziehungskraft.

Legende: Die Winterthurer An’Nur-Moschee geriet mehrmals wegen mutmasslicher Radikalisierung von Jugendlichen in die Schlagzeilen. Seit Sommer 2017 ist das Gebetshaus geschlossen. Keystone

Wäre es nicht möglich, dass gerade die jüngsten Entwicklungen in Afghanistan wieder solche Bezugspunkte schaffen?

Dies kann sein, ist aber natürlich rein spekulativ. Wie sich die geopolitische Lage heute verändert, beeinflusst die lokale Extremismus-Prävention von morgen. Nur können wir schlecht in die Zukunft blicken.

Was machen Sie, um die Situation zu kontrollieren?

Wichtig ist, dass wir seismografisch arbeiten, mit unseren vorhandenen Winterthurer Partnerinnen und Partnern in unserem Netzwerk Extremismus und Gewaltprävention. Das heisst: Wir achten darauf, wer wo Trends beobachtet und ob es neue Gruppierungen gibt. So sind wir mit extremistischen Entwicklungen wenigstens im Gleichschritt.

Das Gespräch führte Hans-Peter Künzi.

SRF 1, Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 06.09.2021, 17.30 Uhr;

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Vinzenz Böttcher  (AfroKaiser)
    Warum wird nicht einfach erstmal jedem bekannten Extremisten egal welche Schule sofort die Staatsbürgerschaft entzogen? Warum sollte man Verantwortung für Leute haben, die ablehnen sich dafür an Regeln zu halten?
    1. Antwort von Urs Müller  (Jackobli)
      Ja, manchmal würde ich auch gerne irgendwelchen Menschen in der Schweiz die Staatsbürgerschaft absprechen.
      Nur, wohin würden Sie und die halbe SVP dann gehen, Herr Böttcher? ;-)
      Menschen ohne Staatsbürgerschaft haben es übrigens sehr schwer, legal zu reisen.
  • Kommentar von Rolf Michel  (Mosses01)
    Natürlich nicht... ist schlicht nicht lösbar!
  • Kommentar von Gerry Hess  (Hegard)
    Da ist die Schweiz genau so Naiv,
    Wie bei anderen Sekten und der Mafia .Viel konsoquenter vorgehen.
    Sonst wird die Schweiz noch lange als Paradies angesehen und ausgenutzt