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Kampf gegen Hass im Netz Verein Netzcourage hört auf – wie geht es weiter?

Zehn Jahre lang hat sich Netzcourage gegen digitale Gewalt engagiert und Betroffene beraten. Jetzt ist Schluss. Bleibt die Frage: Wer übernimmt?

Was war Netzcourage? Netzcourage war eine Beratungsstelle für Betroffene von Cybermobbing, Deepfake-Pornografie und generell digitaler Gewalt. Der Verein hat sich zehn Jahre lang in diesem Themenbereich engagiert – als erste spezialisierte Stelle in der Schweiz. Gegründet hat ihn unter anderem die ehemalige Zuger Kantonsrätin Jolanda Spiess, die den Verein auch oft nach aussen hin vertreten hat. Laut eigenen Angaben hat Netzcourage «mehrere hundert Betroffene» beraten. Hinzu kamen Workshops und Öffentlichkeitsarbeit.

Wir wissen nicht, wie wir uns als privater Verein da noch wehren sollen.
Autor: Jolanda Spiess Mitgründerin von Netzcourage und ehemalige Zuger Kantonsrätin

Warum löst sich Netzcourage auf? «Von der Technologie überrannt» – so erklärt Jolanda Spiess gegenüber Radio SRF das, was in den letzten zehn Jahren geschehen ist. Netzcourage sei den technischen Möglichkeiten der Aggressoren nicht mehr gewachsen, in Zeiten von KI-gestützter Hetze, Deepfake-Pornografie und Identitätsmissbrauch. «Wir wissen nicht, wie wir uns als privater Verein da noch wehren sollen.» Und: Netzcourage sei selbst zur Zielscheibe von Attacken geworden. «Wer sich mit uns gezeigt hat, geriet dann auch in den Fokus der Hater.» Bei einer Kooperation oder einem Sponsoring hätten entsprechende E-Mails zur Normalität gehört.

Kritik an Netzcourage

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Netzcourage hat eine durchaus turbulente Geschichte hinter sich. Oft stand Jolanda Spiess selbst im Zentrum der Diskussion, wegen verschiedener öffentlicher Auseinandersetzungen.

Innerhalb des Vereins rumorte es im Jahr 2021. Die Nationalrätinnen Tamara Funiciello (SP) und Greta Gysin (Grüne) legten ihr Amt als Co-Präsidentinnen nieder – sie hatten sich mit Spiess nicht über die Ausrichtung des Vereins einigen können.

Im gleichen Jahr strich das Gleichstellungsbüro des Bundes dem Verein die Gelder. Zuvor hatte der Bund die Kommunikation des Vereins bemängelt – und speziell die Rolle von Jolanda Spiess.

Welche Anlaufstellen bleiben? Betroffene können sich nach wie vor an die Opferhilfe wenden. Für Kinder und Jugendliche bietet zudem Pro Juventute eine niederschwellige Anlaufstelle. Die Stiftung betreut auch Fälle von Cybermobbing. Sie redet mit den Betroffenen und vermittelt bei Bedarf an andere Stellen wie die Opferhilfe oder die Polizei. Eine nationale Beratungsstelle, spezialisiert auf digitale Gewalt – das gibt es in der Schweiz aktuell nicht.

Wie läuft es mit der Plattformregulierung in der Schweiz?

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Im Herbst 2025 hat der Bundesrat einen Gesetzesentwurf in die Vernehmlassung geschickt, der Nutzerinnen und Nutzer im digitalen Raum besser schützen soll.

Dafür sollen die grossen Social-Media-Plattformen und Suchmaschinen in die Verantwortung genommen werden. Die Dienste sollen zu mehr Fairness und Transparenz verpflichtet werden. Zum Beispiel sollen Instagram, Tiktok und Co. den Nutzerinnen und Nutzern ein Verfahren anbieten, auf dem sie rechtswidrige Inhalte unkompliziert melden können.

An der Vorlage gibt es auch Kritik. Pro Juventute bemängelt zum Beispiel, es fehle ein expliziter Jugendschutz: Mit dem aktuellen Entwurf würden Kinder und Jugendliche schlechter geschützt als Gleichaltrige in der EU.

Was sagen die Hilfswerke? Eine solche Anlaufstelle fordert etwa das Kinderhilfswerk Unicef – und legt dabei ein besonderes Augenmerk auf den Kinder- und Jugendschutz. «Für die Betroffenen ist es oft unklar, welche Stelle überhaupt zuständig ist», sagt Mediensprecher Jürg Keim. Es brauche deshalb eine spezialisierte, niederschwellige Stelle, mit klarem Auftrag und sicherer Finanzierung. «Digitale Gewalt bringt ganz spezifische und neue Herausforderungen mit sich. Ich denke da an Deepfakes, an koordinierte Online-Belästigung und allgemein daran, wie schnell sich Inhalte im Netz verbreiten.» Bestehende Angebote – wie etwa die Sensibilisierungs­workshops an Schulen – seien wertvoll und wichtig, aber nicht ausreichend.

Wie geht es weiter? Eine Motion für eine solche nationale Anlaufstelle hat 2025 die Grünen-Nationalrätin Meret Schneider eingereicht. Der Ball liegt momentan beim Bundesrat, der verschiedene Fragen zu klären hat: Braucht es eine Stelle mit einer solchen Spezialisierung? Wie würde sie finanziert, wo würde sie institutionell angesiedelt? Und dann hängt die Beratung von Betroffenen auch mit dem grösseren Ganzen zusammen: In welche Richtung geht es bei der Plattformregulierung? Braucht es für Cybermobbing, Identitätsdiebstahl und Deepfake-Pornografie auch neue Straftatbestände? Diese Diskussion dürfte dauern – auch nach dem Aus von Netzcourage.

SRF 4 News, 20.5.2026, 16:25 Uhr ; 

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