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Schweiz Kollektives Warten: «Zum Umdenken fehlte bisher der Anreiz»

Der Mensch ist ein Gewohnheitstier. Er will früh zur Arbeit und abends wieder nach Hause. Das möchte die Regierung jetzt ändern. Ihre einfache wie geniale Idee: Wer unterwegs ist, wenn alle unterwegs sind, soll zahlen. Erziehung über das Portemonnaie quasi. Nicht der falsche Weg, findet ein Experte.

Legende: Video «Mobility Pricing braucht Zeit und Anreize» abspielen. Laufzeit 0:35 Minuten.
Vom 30.06.2016.

Am Morgen oder zum Feierabend hin wird es eng auf Schweizer Strassen und in den Schweizer Bahnen. Dann ist Geduld gefragt. Denn dem Ausbau des Strassen- und Schienennetzes sind hierzulande Grenzen gesetzt – topografische wie finanzielle.

Was also tun? Der Bundesrat hat daher heute angeregt, «die Kapazitäten besser zu nutzen und die Verkehrsspitzen zu brechen». Zu gut Deutsch heisst das, es sollen nicht mehr alle zur selben Zeit zur Arbeit fahren und sich zudem genauer überlegen, ob die Fahrt überhaupt notwendig ist.

Erste Tests frühestens ab 2019

Eine Kerbe, in die auch der St. Galler Verkehrsexperte Christian Laesser schlägt. «Wenn sich jeder von uns ganz ernsthaft fragt, muss ich diesen Weg wirklich nehmen oder gäbe es auch andere Möglichkeiten, dann muss man feststellen: Ja, es gäbe andere Möglichkeiten.» Doch um die Erkenntnis in die Tat umzusetzen, dazu fehle es an geeigneten Anreizen. Noch.

Das weiss auch Verkehrsministerin Doris Leuthard. Ihr Zauberwort heisst: Mobility Pricing. In Pilotprojekten soll es zunächst in verschiedenen Städten und Regionen getestet werden – allerdings erst ab 2019.

«Mensch ist ein Gewohnheitstier»

«Wir sind in der Vorversuchsphase von Testphasen, also ganz am Anfang», sagt Bundeshausredaktor Hanspeter Trütsch und mahnt zu einem unaufgeregten Umgang. Denn das alles Entscheidende sei am Ende die Bevölkerung.

Legende: Video «Mobility Pricing, aus heutiger Sicht nicht mehrheitsfähig» abspielen. Laufzeit 1:39 Minuten.
Vom 30.06.2016.

«Wenn die nicht mitzieht, dann kann man die Übung abbrechen. Das ist der Sinn dieser Testläufe.» Was auf lokaler Ebene nicht funktioniere, werde auch nicht auf Bundesebene klappen. Und auch einen Blick in die Glaskugel wagt Trütsch. «Ich würde sagen, dass das Ganze aus heutige Sicht nicht mehrheitsfähig ist.»

Doch was nicht ist, kann noch werden. Ohnehin steht eine landesweite Einführung nicht vor 2030 zur Debatte. «Richtig so», findet Verkehrsexperte Christian Laesser. «Der Mensch ist ein Gewohnheitstier, und braucht Zeit und Anreize, um sein Verhalten zu ändern.» Vor diesem Hintergrund sei auch der Zeithorizont von 15 Jahren für das Mobility Pricing zu sehen. «Weil wir alle Zeit brauchen, um uns an dieses neue System zu gewöhnen.»

54 Kommentare

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  • Kommentar von m. mitulla (m.mitulla)
    @ Thomas Leu (tleu), Adetswil,Freitag, 01.07.2016, 10:22. Weltweit wird der ÖV subventioniert - in unserem Land sind die Preise mit am höchsten. Deshalb ist es eine Selbstverständlichkeit, dass ÖV mit Steuergeldern subventioniert wird. Meine Kritik zielt aber nicht in erster Linie auf die Preispolitik, sondern auf die Überwachungspolitik, die das "Mobility Pricing" erfordert, sowohl im PW als auch im Zug. Zudem würden hunderte neuer Verwaltungsstellen geschaffen - das kostet den Steuerzahler...
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  • Kommentar von M. Keller (tgmike)
    Ich wär dafür, das sämtliche UVEK-Mitarbeiter und "pro-Mobility-Pricing"-Menschen, allen voran Bundesrätin Leuthard, auf eigene Kosten, ohne Gratis-GA od. Limousinen-Service!!, für eine Woche das Leben eines normalen Büezers führen , der eben nicht aussuchen kann, wann er auf der Arbeit zu sein hat, der sich nicht aus 100 Jobangeboten das Beste aussuchen kann, oder keine Wohnung in Downtown Zürich anmieten kann. Wetten, die echte Problemlösung geht dann ganz schnell?
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  • Kommentar von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
    Sehr geehrter Herr Leu, ich glaube wir haben alle mitbekommen dass Sie ein großer Fan dieser Idee sind, aber bitte hören Sie doch auf ständig zu behaupten quasi jeder könne selbst entscheiden wann und wo er arbeitet... Dann kann nämlich auch jeder selbst entscheiden ob er überhaupt arbeitet. Ich mag es Ihnen gönnen wenn dies auf Sie zutrifft, aber schließen Sie dann bitte nicht von sich selbst auf andere... Vielen Dank
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    1. Antwort von Thomas Leu (tleu)
      @ Daniel Fuchs: 1. Auch ich muss arbeiten, wie alle anderen, denn auch ich wohne nicht im Paradies. 2. Es geht bei dieser Diskussion nicht um meine Befindlichkeit - auch ich hätte gerne alles gratis - sondern um eine effizientere Auslastung der Verkehrsinfrastruktur. Fakt ist, auch ohne differenzierte Preise zahlen wir einen Preis: Wir vertrödeln unsere Zeit in Staus. Zeit ist mir sehr wertvoll, da ich nicht ewig lebe, deshalb wäre ich froh, wenn sich die Auslastung so besser verteilen würde.
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    2. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      @Thomas Leu: Fakt ist aber eben auch dass die meisten sich halt nicht aussuchen können wann und wo sie arbeiten. Daran ändern dann auch die Preise nichts.
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