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Wenn Covid-19 den Boden unter den Füssen wegzieht: Ein Verein soll Betroffene unterstützen
Aus Regionaljournal Zürich Schaffhausen vom 10.11.2020.
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Leben nach Corona Covid-Langzeitfolgen: «Den Kampf gewinnt man nur gemeinsam»

Das Ehepaar Constanze Jacke, 56, und Wolfgang Gerteisen, 65, hat eine lange Leidensgeschichte hinter sich. Nachdem sich beide im März in einem französischen Skigebiet mit dem Corona-Virus anstecken, erkrankt Wolfgang Gerteisen schwer. Auch sechs Monate danach hat er sich noch nicht vollständig erholt. Um anderen Betroffenen zu helfen, gründet Constanze Jacke daraufhin den Verein «Leben mit Corona».

Als Wolfgang Gerteisen aus dem Koma erwacht, ist er abgemagert, wiegt nur noch 40 Kilogramm. Constanze Jacke erinnert sich, dass sie bei der ersten Begegnung nicht sicher gewesen sei, ob ihr Mann sie überhaupt erkennt.

Die Besuche waren der Wendepunkt.
Autor: Constanze JackeEhefrauvon Wolfgang Gerteisen und Mitgründerin des Vereins «Leben mit Corona»

Trotzdem sind die Besuche sehr wichtig, der Wendepunkt sozusagen, sind beide überzeugt. Die Besuche seiner Frau hätten ihm geholfen, weiterzukämpfen, sagt Wolfgang Gerteisen. Sechs lebensgefährliche Lungenentzündungen muss er durchstehen, seine Nieren drohen zu versagen. Dazu kommen schreckliche, surreale Alpträume: «Da waren Ängste, dass mich Ärzte falsch behandeln, dass sie mir irgendwelche Medikamente geben.»

Langzeitfolgen von Covid 19

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Was für Langzeitfolgen hat eine schwere Covid-19 Erkrankung? Und wie viele Patienten sind davon betroffen? Eine verlässliche Studie, die dazu Antworten liefern könnte, liegt noch nicht vor. Eine aktuelle, vorläufige Studie der Universität Zürich deutet darauf hin, dass es mehr sind als gedacht, in der Befragung erzählte offenbar fast jede vierte Person, sie habe sich nach sechs Monaten noch nicht erholt.

Nach drei Monaten hat Wolfgang Gerteisen Covid-19 überwunden, gesund ist er noch nicht. In der Reha-Klinik wird er aufgepäppelt, in kleinen Schritten ins Leben zurückgeholt. Physiotherapie, Ergotherapie und psychologische Beratung helfen ihm dabei.

Konditionell bin ich bei 50 Prozent.
Autor: Wolfgang GerteisenCovid19-Patient

Ein halbes Jahr nach Ausbruch der Erkrankung, geht es Wolfgang Gerteisen besser, doch er kämpft immer noch mit den Folgen: «Ich habe mit der Atmung Probleme. Im Rachenraum entwickelte sich ein Schleim, der sehr lästig ist und das Atmen behindert.» Konditionell sei er bei 50 Prozent.

Die vollständige Genesung braucht Geduld

Dass es lange gehen kann bis zur Genesung nach einer schweren Covid-Erkrankung, beobachten auch Ärzte. Thomas Sigrist, Chefarzt und Pneumologe in der Reha-Klinik Barmelweid, hat seit dem Frühling rund 130 Covid-Patienten und Patientinnen in seiner Praxis behandelt.

Sigrist sagt, das Schicksal von Wolfgang Gerteisen sei kein Einzelfall, auch wenn viele Patienten wieder vollständig genesen würden. In jedem Fall sollte aber auch die Erholungsphase ärztlich begleitet werden «Gibt es Lungenschäden? Gibt es psychische Beeinträchtigungen? Gibt es andere Folgen für das Herz-Kreislaufsystem? Das muss man alles anschauen.»

Die Psyche leidet mit

Posttraumatische Belastungsstörungen, wie das Wolfgang Gerteisen mit Alpträumen und Flashbacks erlebt hat, würden auf die extreme, mentale Belastung in der Zeit auf der Intensivstation zurückgehen, sagt Daniela Gisler, Oberärztin an der psychiatrischen Klinik der Universität Zürich. Covidspezifisch seien, soweit man das heute wisse, gewisse Gefässerkrankungen. Wenn Gefässe im Gehirn betroffen seien, könne dies zu psychischen Erkrankungen wie Depressionen führen. Noch fehlen dazu aber weitere Studien und belastbare Daten.

«Leben mit Corona» – der Verein

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Der Verein «Leben mit Corona» wurde am 19. September 2020 von der Pflegefachfrau Constanze Jacke gegründet. Der Verein will Langzeiterkrankten und ihren Angehörigen Unterstützung und Informationen bieten. Dazu gehört unter anderem Begleitung in kritischen Lebenssituationen, Tipps für den Alltag oder Hilfe bei der Gründung einer Selbsthilfegruppe. Der Verein hat bis jetzt 20 Mitglieder.

Für Constanze Jacke und Wolfang Gerteisen ist klar: Den Kampf gegen die Krankheit gewinnt man nur gemeinsam. Ihre Erfahrungen und ihr Wissen aus dem gemeinsamen Kampf wollen sie deshalb weitergeben. Constanze Jacke hat dazu den Verein «Leben mit Corona» gegründet.

Constanze Jacke
Legende: Nach der Erkrankung ihres Mannes will die 56-jährige Pflegefachfrau Erfahrung und Wissen mit anderen Betroffenen teilen. zvg

«Entstanden ist die Idee, als ich meinen Mann auf der Intensivstation besucht und gesehen habe, wie hilflos und wie schwer krank er ist. Da habe ich mich gefragt, was passiert eigentlich mit den Menschen, die es schaffen, aus dieser schweren Erkrankung wieder ins Leben zurückzukehren?

Was passiert mit den Menschen, die von dieser schweren Erkrankung zurückkehren?
Autor: Constanze JackeGründerin des Vereins «Leben mit Corona»

Constanze Jacke will so etwas zurückgeben, will, dass sich möglichst viele Leute gegenseitig unterstützen und das Leben bewältigen können – trotz Corona.

Regionaljournal Zürich Schaffhausen, 12:03 Uhr, kerf;buec

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14 Kommentare

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  • Kommentar von Simon Pfister  (Simon Pfister)
    Unsere Leitmedien kennen sie schon früh, die Spätfolgen.
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  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Allen alles Gute und weiter viel Lebensenergie. Allerdings: mir fällt es schwer, nach 7Monaten von "Langzeit"-Folgen zu sprechen. Bei einer mittleren Krebsgeschichte beginnt man/frau nach 4,5 Jahren vorsichtig mit dem Begriff: was ist jetzt noch, neu, nicht mehr. Auch fehlen mir Parallel-Geschichten. Es gibt viele Menschen, die März/April an ganz anders erkrankten. Wie geht es so jemandem? Und dann gibt es noch die, die nicht zum Arzt, ins Spital gingen und jetzt einen schweren Verlauf haben.
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  • Kommentar von Urs Imboden  (Noba)
    Forscher um Claire Steves vom King’s College werteten Daten von rund 4200 Covid-19-Patienten aus. Die Erkrankung dauerte im Mittel 11 Tage. Nicht alle Probanden kamen allerdings so glimpflich davon. Bei 13 Prozent hielt sich mindestens ein Symptom länger als 4 Wochen, bei 4 bis 5 Prozent länger als 8 Wochen und bei 2 Prozent länger als 12 Wochen. An erster Stelle standen dabei Erschöpfung (98%) und Kopfschmerzen (91%), denen ein Verlust des Geruchssinns (72%) und Kurzatmigkeit (71%) folgten.
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    1. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Das trifft (ausser vielleicht dem Geruchssinn) alles auch zu auf beispielsweise Status nach Brustkrebs-OP mit Bestrahlung und Tamoxifen; oder auf Befinden nach Herzinfarkt; ich könnte noch vieles aufzählen. Also: ich will diese Verläufe nicht herabmindern, möchte aber alles andere nicht vergessen. Diese Menschen sind auch da mit ihrem Weiter-Leben.
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