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Lockerung der Corona-Massnahmen: Die Wissenschaft ist besorgt
Aus Rendez-vous vom 22.06.2020.
abspielen. Laufzeit 03:41 Minuten.
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Mangelhaftes Contact Tracing Das sind die Sorgen der Wissenschaft

Schritt für Schritt befreit sich die Schweiz von den Corona-Massnahmen. Was die Wirtschaft freut, sorgt so manchen Wissenschaftler – so auch die Corona-Science-Taskforce des Bundes. Denn: Das Contact Tracing ist ihrer Ansicht nach noch nicht auf dem Stand, auf dem es sein sollte.

Die Idealvorstellung: Wo sind die neuen Corona-Fälle in der Schweiz, und wer hat sich wo und bei wem angesteckt. Eine schnelle Antwort auf diese Frage wäre gut, und zwar möglichst für alle neu auftretenden Fälle. Dann wüsste man schnell, ob es neue Hotspots gibt, Ansteckungscluster auf die man besonders aufpassen muss. Wer Ansteckungsketten kennt, kann sie frühzeitig durchbrechen und lokal Massnahmen ergreifen.

Die Realität: Von 67 neuen Fällen im Kanton Zürich ist seit Anfang Juni nur bei etwa einem Drittel klar, wo sie sich angesteckt haben. Anderes Beispiel: In Bern waren es 27 Fälle in diesem Zeitraum. Nachverfolgen konnte man die Hälfte der Ansteckungen. In Basel-Stadt und Baselland waren von insgesamt 12 Fällen nur 3 rückverfolgbar. Keine guten Voraussetzungen, um die Lage schnell zu erfassen und in den Griff zu kriegen, wenn die Zahlen wieder schnell steigen sollten und es grössere Ausbreitungsherde gäbe. Matthias Egger, der Chef der Corona-Science-Taskforce des Bundes, sieht daher den Lockerungen besorgt entgegen: «Es ist natürlich anspruchsvoll. Man muss schnell handeln und, wenn die Fallzahlen ansteigen, sofort die Kapazitäten erhöhen. Hier wurden wichtige Fortschritte gemacht. Wir sind sicher viel besser vorbereitet als zu Beginn Anfang März. Aber eben: Die Science-Taskforce ist der Auffassung, dass hier doch noch nicht ganz alles bereit ist. Sie hätte es begrüsst, wenn man mit den grossen Lockerungsschritten zugewartet hätte, bis das eben der Fall ist.»

So funktioniert Contact Tracing

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  • Wenn das Labor bestätigt, dass eine Infektion vorliegt, erhalten die kantonsärztlichen Dienste vom Labor eine Meldung innerhalb kurzer Zeit, dass es einen positiven Fall gibt.
  • Die Dienste erhalten konkret die Personalien und die Telefonnummer der betreffenden sogenannten Indexperson, also der positiv getesteten Person.
  • Die Person wird kontaktiert und systematisch befragt.
  • Die Struktur der Fragen: Kontakte in den letzten 48 Stunden vor der Diagnose, unter zwei Metern (oder neu unter 1.5 Metern) und mindestens über 15 Minuten.
  • Danach wird wiederum eine Liste erstellt mit den neuen zu kontaktierenden Personen. Es wird eine Liste erstellt mit der Erreichbarkeit der betreffenden Personen.
  • Diese Kontakte werden dann wieder nach einem bestimmten Schema abgefragt und je nach dem über das weitere Vorgehen instruiert.

Das BAG hat die Grundzüge, Link öffnet in einem neuen Fenster eines Contact Tracing festgehalten.

Die Kritik: «Nicht gut», sagt Egger mit Blick auf die bescheidene Rückverfolgungsrate in Zeiten tiefer Fallzahlen: «Das ist besorgniserregend. Das bedeutet nämlich, dass man eigentlich nicht weiss, was abgeht. Wo die Übertragungsketten passieren. Das ist genau das, was man jetzt unbedingt in der Lage sein sollte, zu verstehen. Dass man jeden Fall einer Übertragungskette – im Idealfall – zuordnen kann. Und verstehen kann: Wo sind die Hotspots? Und dort dann eben auch gezielt eingreifen kann. Um Massnahmen in einigen Wochen, die wieder alle betreffen, zu verhindern.»

Der Wunsch: Die Kantone sind also noch nicht so aufgestellt, dass sie Daten zu den neu auftretenden Fällen so erfassen und weitergeben, dass die Forscher auch etwas damit anfangen können. «Es braucht eine zentrale Datenbank, eine Übersicht über das ganze Land», sagt Egger. «Das Virus macht ja nicht an den Kantonsgrenzen halt. Eine Leitungsgruppe muss das jeden Tag analysieren und die entsprechenden Massnahmen in Absprache mit den Kantonen natürlich diskutieren und einleiten.» Die Taskforce dringt deshalb auf eine schweizweite, schlanke Datenerfassung für neue Corona-Fälle. Das sei noch nicht gegeben.

Matthias Egger

Matthias Egger

Leiter der Covid-19-Taskforce

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Der Professor für Epidemiologie und öffentliche Gesundheitspflege an der Universität Bern präsidiert neben der Covid-19-Taskforce des Bundes auch den Forschungsrat des Schweizerischen Nationalfonds.

Video
Hilfe naht: So soll die App des Bundes bei Contact Tracing helfen
Aus SRF News vom 22.05.2020.
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Heute Morgen, 22.06.2020, 06:00 Uhr

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15 Kommentare

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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Herr Egger geht stillschweigend von der Möglichkeit weiterer Verordnungen, wohl Schliessungen im Kleinen und Eingriffe ins Privatleben aus. Etwas länger zuwarten, um Weiteres abzuwenden. Ist den Verantwortlichen eigentlich klar, wie gross die Probleme wären, falls alles so bedrohlich wäre, wie man nach wie vor, wenn auch tatsächlich nicht so richtig konsequent, den Anschein zu erwecken sucht? Gedenkt man sie zu lösen, indem man Einzelne - Branchen und besonders betroffene Menschen, leiden lässt?
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  • Kommentar von Gerbrand Ronsmans  (GRo)
    Die Totale Lückenlose Tracing ist eine Theoretische Lösung von Akademiker, nicht praxistauglich. Aber lenkt die Bevölkerung vom wesentliche ab. Auch wenn jeder der App hätte und keine sich um Privacy sorgt wäre das contact tracing unzuverlässig. Es stellt voraus das dass Instrumentarium lückenlos und fehlerfrei ist, was es natürlich nicht ist. Also braucht es Volksnahe und pragmatiker wie Herrn Koch. Wie die Alte Patrons, die konnten ein Geschäft führen ohne SAP und Excel.
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  • Kommentar von Jean Piere Grano  (J.-P. Grano)
    Den ORT der Infektionen rasch zu ermittelt wird schon lange gewünscht, insbesondere bei tiefen Zahlen. Auf Android-Phones MUSS die "Standorterkennung" aktiviert sein, damit die Tracing-Funktion funktioniert (das nicht zu glauben, löst das Problem nicht). Wenn im Google-Konto (Webseite) die "Standortverfolgung" aktiviert bleibt, wird das Bewegungsprofil im Zeitverlauf gespeichert. Die Tracing-Funktion speichert den Zeitpunkt der Kontakte. Damit wäre der Ort der Kontakte ermittelbar - wenn nötig
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Habe gedacht, Sie lehnen die App genau aus diesem Grund ab, aus Bedenken bzgl. Datenschutz?
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