Ein «Maulwurf» im Bundesamt für Polizei (Fedpol): Ein heutiger Mitarbeiter des Bundessicherheitsdienstes soll einer im Drogenhandel aktiven Mafia-Gruppierung vertrauliche Informationen verkauft haben. Das gab das Fedpol vor wenigen Tagen bekannt. Die Enttarnung des mutmasslichen «Maulwurfs» erstaunt die frühere Mafia-Jägerin und heutige Anwältin Rosa Maria Cappa nicht. Sie warnt: Die Mafia unterwandere Polizei und Justizbehörden mit System.
SRF News: Ein Fedpol-Mitarbeiter soll einer Mafia-Gruppierung Informationen verkauft haben. Überrascht Sie das?
Rosa Maria Cappa: Nein. Es gab seit Langem Hinweise, dass Mafia-Gruppen Schweizer Institutionen infiltrieren. Auch die Polizei.
Wie konkret waren diese Hinweise?
Ziemlich konkret. 2021 haben europäische Polizeibehörden unter Leitung von Europol das verschlüsselte Chatprogramm Sky ECC geknackt. Auch die Schweiz hat die Daten erhalten. In manchen Chats diskutierten Kriminelle, wie man die Schweizer Justiz beeinflussen könnte. Mafiosi versuchen gezielt, das Justizsystem zu infiltrieren. Es gab bereits Fälle in Genf und im Wallis – dort liess sich ein Polizist von kosovarischen Drogenhändlern bestechen. Auch beim Fedpol wurden schon Polizisten wegen Beziehungen zu Drogenhändlern verwarnt.
Wie wertvoll können Fedpol-Informationen für die Mafia sein?
Mafia-Gruppierungen studieren die Arbeit der Polizei. Sie wollen Polizei-Informationen abfangen, insbesondere von einer international tätigen Polizeibehörde wie dem Fedpol. Denn Mafia-Gruppen agieren international. «Welche Ermittlungen laufen? Mit welchen Polizeibehörden kooperiert das Fedpol?», sind Fragen, die sie interessieren. So können sie polizeiliche Aktivitäten antizipieren.
Ich gehe davon aus, dass es noch weitere ‹Maulwürfe› zu entdecken gibt.
Wie gehen Mafia-Gruppen vor, wenn sie einen «Maulwurf» rekrutieren?
Sie suchen Personen mit Schwachstellen. Sie analysieren die Profile der Polizisten, die sie ansprechen könnten. Der Walliser Polizist, der mit Drogenhändlern zusammenarbeitete, hatte Spielschulden.
Weshalb lässt sich ausgerechnet ein Polizist auf die Mafia ein?
Die Mafia wird immer noch unterschätzt. Der betreffende Polizist könnte sich gedacht haben: Ich allein werde den Kampf gegen die Mafia nicht verändern, die Mafia wird so oder so einen Weg finden. Informanten kooperieren aus wirtschaftlichen Gründen mit der Mafia. Aber auch, weil wir in der Schweiz noch keine Kultur des Anti-Mafia-Kampfs haben.
Gehen Sie davon aus, dass es noch weitere unentdeckte «Maulwürfe» in Schweizer Polizeikorps gibt?
Ich gehe davon aus, dass es noch weitere zu entdecken gibt. Und die Polizei ist nur die erste Ebene. Danach kämen Magistratspersonen, dann können es Politikerinnen und Politiker sein. Das sind historisch belegte Vorgehensweisen der Mafia.
Wie kann sich die Polizei schützen?
Man muss die Polizei besser ausbilden, vielleicht auch mit Polizeikräften aus Nachbarländern. Und man muss immer und überall über die Mafia sprechen: über die Methoden, mit denen sie die Gesellschaft infiltriert.
Ist das Risiko bei Polizisten mit Migrationshintergrund höher, weil sie von Mafia-Mitgliedern mit gleicher Herkunft rekrutiert werden könnten?
Nein, im Gegenteil: Ich bin der Meinung, dass Polizistinnen und Polizisten mit ausländischem Hintergrund ein Vorteil sein können im Kampf gegen die Mafia. Aber man muss sie richtig einsetzen. Unabhängig von der Herkunft der Polizisten braucht es Sensibilisierung, Aufklärung und natürlich auch interne Kontrollen.
Das Gespräch führte Dominik Meier.