Unterstützung für Senioren Mehr Vertrauen in die eigene Stärke

Mit Pflegediensten wie der Spitex lässt sich der Gang ins Altersheim hinausschieben. Das Projekt «Daheim statt Heim» verfolgt einen anderen Ansatz. Ein Besuch bei den Gerbers.

Seit ihrer Heirat vor 49 Jahren leben die Gerbers im selben Haus. Einem schmucken Häuschen gewiss, aber Theres Gerbers liebstes Plätzchen ist der Garten vor dem Haus. «Da kann ich einfach…», sagt sie, dann fehlt das passende Wort. Ehemann Ruedi muss nachhelfen. «Auftanken?» «Ja, das habe ich gesucht.»

Theres Gerber, die eigentlich anders heisst, aber ihren richtigen Namen nicht im Radio hören will, leidet schon seit vielen Jahren an Parkinson. Das beeinträchtigt ihr Gedächtnis und ihr Sprechvermögen, vor allem aber werden ihre Bewegungen zunehmend unsicher. Der Gang in den Garten wird zum Abenteuer, vor dem sie Angst hat – und ihr Mann noch viel mehr. «Ich darf nicht mehr in den Garten», sagt sie. «Sie darf, einfach mit Vorbehalt, die Pflanzen etwas streicheln und mit ihnen reden, das erlaube ich schon», erklärt Ruedi.

Mehr Lebensqualität dank mehr Risiko

Die Gerbers haben sich mit Hilfe von Bernhard Müller ein Stück Lebensqualität zurück erkämpft. Der Dozent am Institut Alter der Berner Fachhochschule besucht die beiden seit zwei Monaten einmal die Woche und ermuntert sie zu etwas mehr Risiko, einem Spaziergang zum Beispiel. Das ist zwar nicht ganz ungefährlich, ein Sturz ist immer möglich. Doch auch die Angst vor dem Sturz kann lähmend sein.

«  Es ist eine Angst im System, die verhindert, dass Fähigkeiten genutzt werden. »

Bernhard Müller
Projektleiter «Daheim statt Heim»

Statt sich aus lauter Vorsicht nicht mehr zu bewegen, lerne man besser, nach einem Sturz wieder aufzustehen: «Wenn du aufstehen würdest, wie würdest du das machen?» fragt Müller die Seniorin. «Erst einmal aufsitzen», sagt Frau Gerber schnaufend. «Das braucht Kraft. Probiere mal, auf alle viere zu gehen.»

Ein Nusskuchen mit den Buchstaben DsH («Daheim statt Heim») aus Puderzucker. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Ruedi Gerber hat einen Nusskuchen für seine an Parkinson erkrankte Frau gebacken. SRF/Max Akermann

Für Ehemann und Tochter von Theres Gerber ist es nicht einfach mitanzusehen, wie die alte Dame mühsam versucht, sich aufzurappeln. Doch das Vertrauen in die eigene Stärke ist ein zentrales Element des Konzeptes «Daheim statt Heim», erklärt Projektleiter Müller von der Berner Fachhochschule. «Wir schauen auf das, was da ist oder noch da sein könnte, und nutzen das für schwierige Situationen.»

Angst verhindert Selbständigkeit im Alltag

Spitex und Pflegedienste seien wunderbar; bauliche und technische Hilfsmittel ein Segen für pflegebedürftige Menschen, betont Müller. Sollen Heimeintritte aber möglichst lange hinausgezögert oder ganz vermieden werden, brauche es zusätzlich den Mut und das Selbstvertrauen der pflegebedürftigen Menschen selber. Das zu fördern sei im heutigen Pflegesystem aber nicht vorgesehen.

«  Ich probiere ständig, auch an mir noch zu arbeiten und dem Risiko einfach seinen Lauf zu lassen. »

Ruedi Gerber
Projektteilnehmer

«Es werden viele Fähigkeiten zur Selbständigkeit gar nicht genutzt. Im Gegenteil», kritisiert Müller. «Es ist eine Angst im System, die sogar verhindert, dass Fähigkeiten genutzt werden. Unser Ansatz geht in Richtung befähigen statt helfen.» Das brauche viel Zeit. Zeit, die professionelles Pflegepersonal nicht hat.

Zu Hause, im gewohnten sozialen Umfeld, sollen die alten und pflegebedürftigen Menschen möglichst viel selber machen, auch wenn es länger dauert. Es gelte, das grosse Privileg des Alters zu nutzen, mahnt Müller: «Es ist Zeit vorhanden, um sich Zeit zu nehmen.» Etwa für alltägliche Verrichtungen wie Schuhe binden zum Beispiel; vielleicht kann sogar Velofahren wieder zum Thema werden.

Umfeld der Person wird auch miteinbezogen

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«Daheim statt Heim»

Es gibt Hilfen für alte oder kranke Menschen, um einen Heimeintritt zu vermeiden. Dazu gehören Spitex, Pflegedienste, oder auch bauliche Massnahmen an den Wohnungen. Das alles sei wichtig, reiche aber nicht, finden Altersexperten der Berner Fachhochschule. Ihr Projekt «Daheim statt Heim» will Menschen befähigen, statt ihnen lediglich zu helfen.

Oft seien mehr Fähigkeiten vorhanden, als die Betroffenen selber oder die Angehörigen vermuteten. Müller zieht deshalb immer Verwandte, Bekannte, Freunde oder Nachbarn mit ein. Bei den Gerbers macht Tochter Jacqueline auch bei den regelmässigen Entspannungsübungen mit – immer mit einem Ziel vor Augen, dem Ziel des ganzen Entwicklungsprojektes «Daheim statt Heim»: «Dass meine Mutter mit einer relativ guten Lebensqualität länger zuhause sein kann.»

Die Idee dazu kam Müller bei Schulungskursen in Altersheimen. Immer wieder hätten ihm Heimbewohnerinnen und -bewohner gesagt, die Schulung käme zu spät. Hätten sie all das, was er ihnen beibrachte, früher gewusst und gekonnt, wäre ein Heimeintritt vielleicht gar nicht nötig gewesen. Deshalb betreut der Projektleiter nun versuchsweise drei Gruppen zu Hause. Jede besteht aus einer pflegebedürftigen Person und mindestens zwei ihr nahestehenden Menschen.

Weiterbildungskurse für «Befähiger» als Ziel

Bewährt sich das Modell, soll an der Fachhochschule für solche Befähiger, wie Müller sie nennt, ein Weiterbildungskurs angeboten werden. Für Leute, die alten oder kranken Menschen nicht einfach Arbeit abnehmen, sondern ihnen helfen, den Alltag selber zu bewältigen. Dazu gehört auch das Gemütliche: Kaffee und Kuchen, Klatsch und Tratsch sind ebenso wichtig wie Training und Besorgungen.

Therese Gerber findet, sie sei in den letzten Wochen schon deutlich mutiger geworden. Und auch Ruedi ist einen grossen Schritt weiter. «Ich probiere ständig, auch an mir noch zu arbeiten und dem Risiko einfach seinen Lauf zu lassen statt alles zu verbieten. Das darf ich ja nicht.» Die Chancen, dass die Gerbers ihre anstehende goldene Hochzeit zu Hause feiern können, stehen jedenfalls gut.

Sendungsbeitrag zu diesem Artikel

  • Pflege von Angehörigen – Daheim oder im Heim?

    Aus Puls vom 3.10.2016

    Kommt ein Elternteil oder ein Partner ins hohe Alter, übernehmen oft Angehörige die Pflege. Viele wissen nicht, worauf sie sich da einlassen. Zur zeitlichen Belastung kommen auch psychische Stress-Situationen und finanzielle Herausforderungen – der Grat zur Überforderung ist schmal. «Puls» zeigt, worauf zu achten ist und wo man bei Bedarf Hilfe bekommt.