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Messerangriff in Winterthur Sind Täter mit psychiatrischen Problemen die grösste Gefahr?

Ein Mann hat am Donnerstagmorgen in Winterthur drei Personen angegriffen. Jérôme Endrass ist Forensik-Professor und erklärt, welche Herausforderungen im Zusammenspiel zwischen Behörden und psychiatrischen Kliniken existieren.

Jérôme Endrass

Co-Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie, Uni Konstanz

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Jérôme Endrass ist seit 2011 Co-Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie an der Universität Konstanz. Zudem ist er seit 2019 Forschungsleiter im Zürcher Justizvollzug.

SRF News: Der Mann hat sich am 25. Mai bei der Polizei gemeldet. Dabei habe er wirre Aussagen gemacht, sagen die Behörden. Darauf gab es einen fürsorgerischen Freiheitsentzug (FU). Wie beurteilen Sie diese Entscheidung?

Jérôme Endrass: Wenn jemand irre Aussagen macht und ein Verhalten zeigt, das psychotisch anmutend ist, dann ist es richtig, dass man den Notfallpsychiater ruft. Und dann ist es auch folgerichtig, dass er per FU in eine Klinik eingewiesen wird.

Der Mann wurde nach einer fachärztlichen Untersuchung weder als Gefahr für sich selbst noch für andere eingestuft. Der Zürcher Sicherheitsdirektor sprach diesbezüglich von einem Fehlentscheid. Teilen Sie diese Einschätzung?

Man muss differenzieren. Die fürsorgerische Unterbringung hat im Kern vor allem eine Aufgabe, und das ist zu prüfen, dass keine Selbstgefährdung vorliegt. Die Fremdgefährdung, die ist implizit darin enthalten, aber nicht einmal Teil des Gesetzestextes, wenn es um die fürsorgerische Unterbringung geht. Es sind auch nicht Kolleginnen und Kollegen, die das machen, die eine forensische Ausbildung haben und wirklich in der Lage sind, eine Fremdgefährdung sauber zu beurteilen. Die haben diese Informationen auch nicht.

Informationsaustausch zwischen Behörden und Kliniken

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Ob der Informationsaustausch in solchen Fällen nicht besser sein sollte, erklärt Endrass, sei eine politische Frage und müsse aus seiner Sicht politisch geklärt werden.

«Es gibt gute Gründe, wieso man nicht will, dass alles irgendwo an einem Ort zusammenkommt. Das wird auch als wichtiges Rechtsgut angeschaut, dass man da nicht der gläserne Bürger ist, wo es eine Behörde gibt, die alles über einem weiss», so Endrass. Er sagt, dass dies immer wieder überprüft werden müsse.

«Ich denke, in der Praxis ist es aber so, dass die Zusammenarbeit zwischen den Behörden eine sehr gute ist. Dafür gibt es auch ein Bedrohungsmanagement im Kanton Zürich, das vorbildlich arbeitet und versucht, all diese Informationen zusammenzubringen. Man muss aber ganz klar sagen: Es gibt keine absolute Sicherheit, auch wenn die Kolleginnen und Kollegen in den unterschiedlichen Behörden noch so gut zusammenarbeiten», führt der Forensiker aus.

Zudem hätten, so Endrass, die Kliniken auch nicht viele Ressourcen und sie müssten einen Entscheid relativ schnell treffen. Dabei müssten Kliniken gleichzeitig an das Umfeld denken und dies «zigfach pro Tag» machen, erklärt er.

Die Leute treten ein und dann ist auch die Klinik angehalten, zu prüfen, ob die Voraussetzungen noch gegeben sind, dass die Person in der Klinik behalten werden kann. Da geht es dann darum, dass man prüft: Gibt es nicht auch ein minder intensives Mass als die Unterbringung auf der Akutabteilung? Offensichtlich ist ein Facharzt zum Schluss gekommen, dass es Alternativen gibt. Natürlich, im Nachhinein hat sich die Einschätzung als fehlerhaft erwiesen, aber ihm liegen nicht die gleichen Informationen vor, wie sie zum Beispiel einem Forensiker vorliegen würden.

Warum ist es so, dass in diesem Moment, wenn die Polizei diesen Menschen einliefert, das Gesamtbild nicht zur Verfügung steht?

Das Gesamtbild hat in dem Moment niemand. Es ist sehr viel leichter, wenn dann eine Strafuntersuchung läuft. Aber in dem Moment, in der Akutsituation, muss man mit den vorhandenen Informationen arbeiten.

Sind Einzeltäter mit psychiatrischen Problemen die derzeit grösste Gefahr?

Ja, im Bereich des Extremismus eindeutig. Zusätzlich problematisch ist, dass durch die Berichterstattung, die natürlich notwendig ist, neue Fantasien ausgelöst werden. Es gibt auch so etwas wie einen Werther-Effekt, den man aus der Suizidforschung kennt.

Werther-Effekt

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In der Suizidforschung wird der Werther-Effekt untersucht. Jérôme Endrass beschreibt diesen so: Es heisse, dass, wenn intensiv über Taten berichtet wird, junge und gewaltgeneigte Menschen, denen es nicht gut geht, von der Tat «inspiriert» werden.

Wie soll die Gesellschaft auf dieses Risiko reagieren?

Es ist wichtig, dass wir auch die entsprechenden Angebote haben, wo man frühzeitig reagieren kann. Stichwort Bedrohungsmanagement. Das ist schon gut etabliert im Kanton Zürich.

Es gibt diese Fälle, die gewissermassen durch die Maschen fallen.

Es geht in solchen Situationen darum, nochmals darüber nachzudenken, dass man das, was man schon hat, auch weiterhin stützt – etwa dass man gut qualifiziertes Personal hat, das helfen kann. Was man vielleicht nicht sieht, ist, wie viel auch verhindert wird. Da funktioniert etwas sehr gut. Es gibt diese Fälle, die gewissermassen durch die Maschen fallen. Das heisst nicht automatisch, dass die Behörden insgesamt nicht sehr gute Arbeit leisten würden.

Das Gespräch führte Andreas Stüdli.

HeuteMorgen, 29.05.2026, 6 Uhr ; 

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