Nach Tragödie in Crans-Montana - Experte: «Manchmal fehlen Grundkenntnisse zum Brandschutz»
Im Wallis sind die Gemeinden zuständig für die Kontrolle der Brandschutzvorschriften. Gerade kleinere Gemeinden seien damit häufig überfordert, sagt ein Brandschutzexperte. Nun zeigt sich: Sogar grössere Gemeinden wie Zermatt kamen an den Anschlag.
Nach der Tragödie in Crans-Montana mit 40 Toten und 116 zum Teil schwer Verletzten steht die Frage nach dem Brandschutz nach wie vor im Zentrum. Es gibt zwar Brandschutzvorschriften von der Vereinigung Kantonaler Feuerversicherungen, die in der gesamten Schweiz gültig sind. Allerdings werden sie je nach Kanton unterschiedlich umgesetzt und kontrolliert.
Walliser Gemeinden in der Verantwortung
Grundsätzlich sind überall die Eigentümer oder Betreiberinnen eines Gebäudes verantwortlich für den Brandschutz. Zudem gibt es in den meisten Kantonen eine obligatorische Gebäudeversicherung, die für die Kontrolle zuständig ist.
Nicht so im Kanton Wallis. Das wirkt sich unter anderem darauf aus, wie die Brandschutzvorschriften kontrolliert werden. Im Wallis sind die Gemeinden in der Verantwortung, die Gebäude zu kontrollieren. Das funktioniert nicht überall, wie das Beispiel Zermatt zeigt. Aber zuerst die Hintergründe.
Legende:
Beim Trauermarsch am Sonntag legten auch Feuerwehrleute Blumen nieder.
KEYSTONE / Jean-Christophe Bott
Hugo Cina ist für verschiedene Oberwalliser Gemeinden als Brandschutzexperte tätig. Er ist immer noch geschockt: «Ich kannte solche Ereignisse nur aus dem Fernsehen aus dem fernen Ausland und machte mir jeweils schon meine Gedanken. Aber ich hätte nie gedacht, dass so etwas bei uns passieren kann.»
Denn die geltenden Brandschutzvorschriften würden eigentlich dafür sorgen, dass ein solcher Brand wie in Crans-Montana nicht möglich sei, so Cina. Doch er wolle niemandem etwas unterstellen. Es liege häufig daran, dass Sachen unbewusst nicht gemacht oder im Stress vergessen worden seien.
So machen es andere Kantone
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«Im Kanton Zürich werden Lokalitäten bis 300 Personen alle vier Jahre durch die Gemeinden kontrolliert. Bei Räumlichkeiten über 300 Personen ist die Gebäudeversicherung zuständig. Diese Kontrollen werden alle zwei Jahre gemacht», sagt Lars Mülli, Direktor der zürcherischen Gebäudeversicherung. Die Kontrollen erfolgten angemeldet, zum Teil aber auch unangemeldet, zum Beispiel auf Hinweise aus der Bevölkerung. Dieser Rhythmus sei gut genug, sie würden alles unternehmen, damit im Kanton Zürich keine schlimmen Ereignisse passieren würden. Überprüft würden insbesondere die Fluchtwege, Löscheinrichtungen und – falls vorhanden – Brandmelder. Zudem würden allfällige Dekorationen auf Brennbarkeit geprüft.
Im Kanton Bern ist die Fachstelle Brandschutz der Gebäudeversicherung Bern verantwortlich für die Umsetzung des präventiven Brandschutzes. Die Brandschutzexpertinnen und -experten prüfen im Baubewilligungsverfahren und kontrollieren periodisch die Einhaltung der schweizweit gültigen Brandschutzrichtlinien. Dies insbesondere in öffentlichen Gebäuden oder solchen mit grossen Personenansammlungen wie Kinos, Gastgewerbebetrieben, Spitälern oder Einkaufszentren, heisst es auf Anfrage. «Aus unserer Sicht wird vieles getan für die Sicherheit in Clubs und Nachtlokalen und wir beurteilen die Sicherheit als hoch», schreibt die Gebäudeversicherung Bern. Die Verantwortung für die Einhaltung der Brandschutzvorschriften liege bei der Eigentümer- und Betreiberschaft. Ein Restrisiko lasse sich kaum auf null Prozent reduzieren, aufgrund von Technik oder menschlichem Verhalten seien Gefahren kaum gänzlich auszuschliessen – selbst bei allen Anstrengungen aller Akteure.
Auch in Basel-Stadt ist diekantonale Gebäudeversicherung für Brandschutz-Massnahmen und deren Kontrollen zuständig. In Basel hat der Fall Crans-Montana Fragen zu den ebenso beliebten wie oft engen Fasnachtscliquen-Kellern aufgeworfen. Cliquen-Verantwortliche winken aber ab: Offenes Feuer sei in diesen Temporär-Beizen ohnehin tabu, Brandmelder seien gerade erneuert worden und Schulungen sollen den Besuch noch sicherer machen – die Fasnacht findet heuer vom 23. bis 25. Februar statt.
Im Kanton Aargau ist die Zuständigkeit im Brandschutz zwischen Gemeinden und der Aargauischen Gebäudeversicherung aufgeteilt. Ab einer Belegung von mehr als 300 Personen pro Raum bewilligt und kontrolliert die AGV solche Betriebe, unter 300 Personen macht dies in der Regel die Gemeinde. Betriebe mit über 300 Personen werden alle vier Jahre kontrolliert, heisst es bei der Gebäudeversicherung auf Anfrage. Bei weniger als der Hälfte der AGV-Kontrollen gebe es Mängel, sagt die Gebäudeversicherung weiter. Oft handle es sich um einfach zu behebende Mängel wie Keile unter Brandschutztüren. Gravierende Mängel seien selten.
Bis auf wenige Ausnahmen ist in den Bündner Gemeinden die Gebäudeversicherung Graubünden für Bewilligungen und Brandschutzkontrollen zuständig. Die GVG führe jährlich rund 5000 Kontrollen durch, bei Mängeln wird auch das Beheben kontrolliert. Eine generelle Aussage zur Brandschutz-Situation im Kanton sei nicht möglich, heisst es auf Anfrage. Die GVG verweist zudem darauf, dass sie – nicht nur in Bars – oftmals verstellte oder eingeschränkt begehbare Fluchtwege wie Türen oder Treppenhäuser feststelle. Bezüglich verschärfter Kontrollen oder anderen Schlussfolgerungen auf kantonaler Ebene heisst es, man wolle zuerst die Ergebnisse der Ermittlungen von Crans-Montana abwarten.
Dass im Wallis die einzelnen Gemeinden für die Kontrollen der Brandschutzvorschriften zuständig sind, will Hugo Cina nicht werten. Was er jedoch feststelle, sei, «dass gerade kleinere Gemeinden mit dem Brandschutz überfordert sind».
Manchmal fehlen die Grundkenntnisse zu den Brandschutzvorschriften.
Einige seien durchaus professionell organisiert, andere arbeiteten im Milizsystem, das reiche häufig nicht: «Manchmal fehlen die Grundkenntnisse zu den Brandschutzvorschriften. Wer nur einen oder zwei Weiterbildungstage besucht, ist nicht für die heutigen Anforderungen zum Brandschutz gewappnet», so Cina.
Er fordert eine gewisse Professionalisierung der Kontrolle: «Mein Wunsch wäre, dass sich kleinere Gemeinden zusammenschliessen und einen Brandschutzexperten ernennen, der die Kontrollaufgaben übernimmt.»
Legende:
Der Tourismushotspot Zermatt stockte letztes Jahr die Stellenprozente auf, um die Kontrollen der Brandschutzvorschriften regelmässig abdecken zu können.
KEYSTONE / Christian Beutler
Beim Brandschutz braucht es regelmässige Kontrollen. Wird das gemacht? In der Gemeinde Zermatt beispielsweise sei das in der Vergangenheit nicht möglich gewesen: «Wir konnten die regelmässigen Kontrollen, die das Gesetz fordert, nicht vollumfänglich abdecken», sagt die Gemeindepräsidentin Romy Biner:
Zermatt ist schnell gewachsen und verfügte nicht mehr über die nötigen Ressourcen.
Deshalb habe man letztes Jahr Stellenprozente aufgestockt und die Zusammenarbeit mit der Berner Gebäudeversicherung gesucht, sagt Biner auf Anfrage von SRF. «Zermatt ist schnell gewachsen und verfügte nicht mehr über die nötigen Ressourcen.»
Romy Biner betont, die Anteilnahme in Zermatt gegenüber den Opfern und den Angehörigen in Crans-Montana sei gross. Und das habe auch Auswirkungen. Die Katastrophe sensibilisiere die Behörden, aber auch die Betreibenden von Restaurants. In Zermatt werde der Brandschutz jetzt nochmals genau angeschaut.