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Pillen-Mekka Niederlande «Es lohnt sich nicht, Ecstasy in der Schweiz zu produzieren»

19 Milliarden Euro: Diese immense Summe wird in den Niederlanden jährlich mit dem Verkauf von synthetischen Drogen umgesetzt. Die Studie der niederländischen Polizeiakademie in Apeldoorn bezeichnet das Land als weltweit grösste Hersteller-Nation von Ecstasy und Amphetaminen.

Sucht-Experte Frank Zobel erklärt, warum auch Schweizer Konsumenten ihre Pillen aus den Niederlanden beziehen und wie der Handel mit synthetischen Drogen hierzulande funktioniert.

Frank Zobel

Frank Zobel

Vize-Direktor Sucht Schweiz

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Der Sucht-Experte Frank Zobel ist Vize-Direktor der unabhängigen Stiftung Sucht Schweiz und fungiert dort auch als stellvertretender Leiter der Forschung.

SRF News: Frank Zobel, woher kommen die synthetischen Drogen, die in der Schweiz konsumiert werden?

Frank Zobel: Im Falle von Ecstasy und Amphetaminen kommt die grosse Mehrheit aus den Niederlanden und dem Norden Belgiens. Das ist schon seit ungefähr 30 Jahren so. Seit den 1980er-Jahren werden dort diese Drogen produziert. Es hat sich eine Art Silicon Valley mit grossem Know-how entwickelt.

Die Produzenten sind in einem gewissen Sinne auch sehr innovativ und verstehen es, der Polizei aus dem Weg zu gehen – beispielsweise mit mobilen Drogenlabors. Anders sieht es bei den Methamphetaminen aus: Crystal Meth wird insbesondere in Osteuropa produziert. Thai-Pillen kommen aus Asien, meistens aus Thailand oder den Philippinen.

Werden synthetische Drogen auch in der Schweiz produziert?

In der Deutsch- und der Westschweiz wurden in den letzten Jahren ein paar Labors aufgedeckt. Es handelte sich dabei aber um ziemliche Anfänger: Konsumierende, die zu viel «Breaking Bad» gesehen haben und selbst ihre Drogen herstellen wollten. Dies kann aber sehr gefährlich sein.

Drogen wie Ecstasy sind spottbillig.

Gemessen am Gesamtkonsum ist die Produktion in der Schweiz also vernachlässigbar.

Das ist so. Drogen wie Ecstasy sind zudem spottbillig. In den Niederlanden kosten solche Pillen vielleicht zwei Franken das Stück und werden hier für 15 Franken verkauft. Im Vergleich zu Kokain, welches man strecken kann, sind bei Ecstasy die Margen nicht sehr hoch. Es lohnt sich also gar nicht, diese Drogen hier zu produzieren.

Legende:
Verteilung des Drogenkonsums pro Jahr in der Schweiz nach Drogenart Konsum mindestens einmal im Jahr Suchtreport

Wie beschafft sich denn der Schweizer Konsument die Pillen aus den Niederlanden oder Belgien?

Im Vergleich zu Kokain spielen die Konsumierenden selbst eine viel grössere Rolle. Die klassischen Dealer, die auf der Strasse die Drogen verkaufen, sind viel seltener. Es gibt Netzwerke von Konsumierenden, von denen ein paar sicherlich auch ganz gut verdienen. Aber in der Regel ist es so, dass Leute in Amsterdam die Pillen holen und sie dann hier unter ihren Freunden verkaufen. Die Anzahl der importierten Pillen geht von ein paar Dutzend bis zu mehreren Tausend.

Anders ist es bei Crystal Meth: Es gibt hier zwar viel weniger Konsumierende, die Drogen macht aber abhängig und der Drang nach Konsum ist bei den Süchtigen natürlich viel grösser. Einige von ihnen reisen nach Tschechien und bringen den Stoff in die Schweiz. Aber auch dieser Markt lohnt sich wegen der relativ bescheidenen Mengen nur für wenige. Die Händler finanzieren sich hauptsächlich ihren Eigenkonsum und ihre Reise mit dem Weiterverkauf.

Der typische Ecstasy-Konsument ist eher jung und unabhängig und geht an viele Partys.

Kann man sagen, dass der Konsum von synthetischen Drogen in der Schweiz zugenommen hat?

Dies ist nicht so einfach zu sagen, da die Messung schwierig ist. Es gibt zwei Instrumente, den Drogenkonsum zu messen. Erstens kann man Umfragen in der Bevölkerung durchführen. Das ist aber heikel, weil viele ihren Drogenkonsum nicht zugeben. Zudem ist es schwierig, überhaupt an diese Leute zu kommen.

Die zweite Möglichkeit ist die Messung des Abwassers nach Inhaltsstoffen oder Metaboliten von Drogen. Diese zeigen eine Zunahme von Ecstasy und auch Kokain in der Schweiz. Die Studien werden allerdings nur in Städten gemacht. Hinzu kommt, dass in den letzten Jahren der Reinheitsgrad (Pulver) und der psychoaktive Inhalt (Pillen) der Substanzen gestiegen ist. Es ist deshalb schwierig zu sagen, wie weit der Anstieg im Abwasser auf die höhere Reinheit des Stoffes und beziehungsweise oder auf den höheren Konsum zurückzuführen ist.

Grafik Drogenkonsum in Schweizer Städten

Wie lässt sich der typische Ecstasy-Konsument charakterisieren? Ist das vor allem der junge Partygänger?

Er ist im Schnitt älter geworden. Es gibt Leute aus der Technoszene der 1990er-Jahre, die immer noch gelegentlich an Festivals oder Partys konsumieren. Für sie gehört das einfach dazu. Aber der typische Ecstasy-Konsument ist schon eher jung und unabhängig und geht an viele Partys.

Das Gespräch führte Philipp Schneider.

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7 Kommentare

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  • Kommentar von Martin Meier (Hagel Hans)
    Drogen (Konsum, Handel) rauben einem die Freiheit. Lohnt sich das? Tauchen, fliegen, musizieren, tanzen, lesen oder schreiben, Leuten in der Umgebung weiterhelfen etc Junge Menschen: Es gibt so viele Dinge, die besser einfahren als der Güsel dieser asozialen Geschäftemacher... Entdecken Sie die Welt!
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  • Kommentar von Achim Frill (Afri)
    ...und weil in Europa die Grenzen offenstehen wie ein Scheunentor, sprich gar nicht mehr existieren, ist der Vertrieb der Drogen ja auch kein Problem mehr. Und die paar Stichproben, die unsere - dank EU-Turbos unterbesetzte -Schweizer Grenze macht, jucken Amateur- und Profidealer ja auch kaum noch.
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  • Kommentar von Beni Fuchs (Beni Fuchs)
    'Lohnen' tut es sich eh niemals, Synthetische Drogen herzustellen, doofer Titel... Erschreckend vor allem ist aber der naive Umgang mit Crystal Meth, ganz übles Gift...
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