Nach dem Postautobrand am Dienstagabend steht die Bevölkerung von Kerzers FR unter Schock. Sechs Menschen sind ums Leben gekommen. Fünf weitere wurden beim Brand verletzt. Innert weniger Minuten wurde das Dorf in eine Ausnahmesituation katapultiert.
Auch die Schule musste schnell handeln und einen Umgang mit der Tragödie finden. Denn auch ein Schüler der Orientierungsschule (Oberstufe) ist im Feuer umgekommen. Was ist in einer solchen Situation wichtig? Was brauchen die Schülerinnen und Schüler? Andreas Maag, Vorsteher des Amtes für deutschsprachigen Unterricht des Kantons Freiburg, erzählt von den ersten Tagen an der Schule nach dem Brand.
SRF: Wann wurden Sie über den Vorfall informiert?
Andreas Maag: Am Dienstagabend gegen 21 Uhr hat mich die Freiburger Bildungsdirektorin via Mobiltelefon informiert. Ich nahm sofort mit der Schuldirektion Kontakt auf. Dort erfuhr ich, dass ein Schüler der Orientierungsschule Kerzers vermisst wird. Das war der Moment, in dem klar wurde: Wir müssen handeln. Ab Mitternacht stand fest, dass wir den Krisenstab aktivieren. Um 6:30 Uhr fand die erste Sitzung statt.
Die Zeit bis zum Schulbeginn war extrem knapp. Wie gingen Sie vor?
In einer Krise zählt die Priorisierung: Wer braucht welche Information? Wie soll der Tag aussehen? Am Mittwochmorgen um 7:10 Uhr wurden die Lehrpersonen instruiert, kurz darauf kamen bereits die ersten Schülerinnen und Schüler. Wir beschlossen, die Klassen nicht zu trennen.
Nicht alle wollen reden – aber man muss die Möglichkeit bieten.
Unser wichtigster Grundsatz war: Niemand ist allein. Es ging darum, Raum für Gespräche zu schaffen. Lehrpersonen, die Unterstützung wollten, konnten sich melden. Zusätzlich waren ein Care-Team, die Schulsozialarbeit und eine Schulpsychologin vor Ort. Auch der Schulperimeter wurde abgesichert und beaufsichtigt.
Wie wichtig war das Reden?
Nicht alle wollen reden – aber man muss die Möglichkeit bieten. Gleichzeitig braucht es Übersicht. Einige Jugendliche waren am Dienstagabend vor Ort, als es zum Brand kam, manche hatten Videos erhalten. Es kursierten viele Falschmeldungen unter den Schülerinnen und Schülern. Wir haben erklärt, dass man nur weitergibt, was gesichert ist, und dass man belastende Videos löschen soll, auch um sich selbst zu schützen.
Es gibt in Kerzers auch eine Primarschule. Wie wurden diese Schülerinnen und Schüler einbezogen?
Auch dort wurden Lehrpersonen vorbereitet. Viele Kinder wussten bereits etwas – etwa, weil Eltern in Feuerwehr oder Sanität im Einsatz standen. Wichtig war eine sachliche Erklärung. Eine Schulsozialarbeiterin war als Anlaufstelle vor Ort. Zudem baten wir die Kinder, auf dem Schulweg vorsichtig zu sein und in Gruppen nach Hause zu gehen – wegen der vielen Medienschaffenden. Wir klärten sie auf, dass sie keine Auskunft geben müssen.
Gab es bereits einen gemeinsamen Gedenkmoment?
Ja. Nachdem die Polizei alle Beteiligten informiert hatte, dass ein Schüler beim Brand ums Leben gekommen ist, wurde in der Schule eine Gedenkstätte eingerichtet – mit Kondolenzbuch und Kerze. Später liessen die Klassen Ballone steigen. Solche Rituale geben Halt.
Am Freitag fand wieder regulärer Unterricht statt. Ist das nicht zu früh?
Irgendwann braucht es wieder Struktur. Die Schule hat einen Bildungsauftrag. Die Entscheidung, wieder Schule nach Stundenplan zu machen, hat die Schuldirektion zusammen mit den Lehrpersonen gefällt. Schon am Mittwoch sagten einige Jugendliche: «Wir müssen uns bewegen – wir brauchen Sport.»
Das Gespräch führte Dominik Meienberg.