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Berset passt Tarife an Psychiater befürchten schlechtere Behandlung von Patienten

Legende: Audio «Wir müssen uns anpassen – oder aussterben» abspielen. Laufzeit 02:12 Minuten.
02:12 min, aus HeuteMorgen vom 19.08.2017.
  • Psychiater und Psycho-Therapeuten schauen sorgenvoll in die Zukunft, nachdem Bundesrat Alain Berset die ambulanten Tarife für 2018 bekannt gegeben.
  • Gleichzeitig erhalten auch die psychiatrischen Kliniken für die stationäre Behandlung neue Tarife.
  • Die Psychiater befürchten, dass die Patienten darunter leiden – und folglich auch sie selber.

Pierre Vallon ist ein stattlicher Mann mit Brille, den wohl nichts so rasch aus dem Gleichgewicht bringt. Und doch ist der Psychiater mit Praxis in der Westschweiz besorgt.

Die Pläne von Bundesrat Alain Berset für die Leistungsabrechnungen hätten für Psychiater schwerwiegende Folgen, sagt der Präsident der Schweizerischen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie.

«Psychiater werden immer mehr an Papierkram leiden, und sie werden zunehmend überfordert wegen Dingen, die mit dem Patienten nicht direkt etwas zu tun haben», sagt Vallon.

Bei einem Suizidalen können wir doch nicht ständig auf die Uhr schauen
Autor: Pierre VallonPräsident der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie

Hätten sie dann direkt mit den Patienten zu tun, in Gesprächen, dann würden die Neuerungen zeitliche Einschränkungen bringen. Das sei «unmöglich», sagt Pierre Vallon und fügt hinzu: «Wir können doch nicht ständig auf die Uhr schauen bei einem Telefonat mit jemandem, der in einer Krisenlage oder gar suizidal ist.»

Die Psychiater befürchten, psychisch Kranke nicht mehr angemessen ambulant behandeln zu können. Möglicherweise führe das zu mehr Klinik-Einweisungen und somit zu mehr Kosten.

Experte warnt vor unsicherer Zeit

Doch auch in den psychiatrischen Kliniken bringt das Jahr 2018 komplett neue Tarife. Eine Zeit der Unsicherheit stehe bevor, sagt etwa René Bridler. Er ist ärztlicher Direktor des Sanatoriums Kilchberg im Kanton Zürich und befasst sich seit Jahren mit der Tarif-Entwicklung.

Psychisch Kranke werden schneller aus der Klinik entlassen
Autor: René Bridlerärztlicher Direktor des Sanatoriums Kilchberg

«Die Entschädigung, die ein Spital erhält, sinkt jeden Tag. Das führt dazu, dass die Aufenthaltsdauer unter Druck geraten wird», sagt Bridler.

Das heisst: Psychisch Kranke werden schneller aus der Klinik entlassen. Heute bleiben sie rund 30 Tage. Würden sie früher entlassen, suchten sie unter Umständen schneller wieder Hilfe in der psychiatrischen Klinik, so Bridler weiter.

Psychiater sorgen sich um Nachwuchs

Diesen Drehtür-Effekt will Pierre Vallon verhindern, am besten mit guter Zusammenarbeit zwischen Fachleuten in der ambulanten und der stationären Psychiatrie.

Sarkastisch meint der Präsident der Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie jedoch zum Schluss: «Wir müssen uns anpassen oder vielleicht aussterben.»

Vallon sorgt sich also nicht nur um die Patienten im neuen Jahr, sondern auch um seine Berufskollegen, die seit Jahren von Sorgen um den Nachwuchs geplagt sind.

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48 Kommentare

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  • Kommentar von László Schink (Schink)
    Psychiatrie ist auch nur eine Geisteswissenschaft und keine präzise Wissenschaft. Ansonsten hätten wir nicht solche krassen Wiederholungstäter wie Fabrice A. in Genf.
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    1. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Psychiatrie gehört nicht zur Geisteswissenschaft sondern zur Medizin. Es Ist eine Facharztausbildung wie z.Bsp. Chirurgie oder Dermatologie etc.
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    2. Antwort von Olaf Schulenburg (freier Schweizer)
      Wieviele gibt es denn?
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    3. Antwort von Christa Wüstner (Saleve2)
      Ich glaube Sie verwechseln Psychiatrie mit Psychologie. In der Psychologie gibt es auch die medizinische Psychologie. Auch die Psychoanalyse gehört dazu und noch viele Beispiele. Wir hatten auch zwei "Grosse" in der Schweiz: Freud und C.G.Jung mit ganz unterschiedlichen Meinungen In der Psychoanalyse.Auf meinem Büchertisch liegt immer C.G. Jung: Erinnerungen, Träume, Gedanken in dem ich zur Erholung gerne lese.
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  • Kommentar von Manuela Fitzi (Mano)
    Die Rolle der Gefühle, Emotionen in CH ist pervers unterbewertet. Man muss funktionieren, bestehen, Eigenverantwortung übernehmen, aber Emotionen zeigen in der Öffentlichkeit ist verpönt. Wenn es für jemandem ins Unertragbare steigt, kommt der Krach - dies gehört verschwiegen, sonst winkt das Stigma.Viel eher sollte sich die CH-Gesellschaft fragen, warum wir psychische Krankheiten als IV-Grund Nr. 1 haben und warum wir in Europa die höchste Dichte an Psychiatern haben. Paradigmenwechsel nötig!
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  • Kommentar von Denise Casagrande (begulide)
    Es ist an der Psychiatrie, dass nicht die Behandlungs-Qualität gegenüber PatientenInnen darunter zu leiden hat.
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    1. Antwort von Pflege Fachmann (Pflege Fachmann HF)
      Wir an der Basis werden die Konsequenzen tragen müssen. Mehr Verwaltungsaufwand für Abrechnung heisst weniger Zeit für die direkte Arbeit mit dem Patienten. Zu frühe Entlassungen wird die Genesungsqualität und die damit einhergegende Patientenzufriedenheit negativ beeinflussen. Drehtürpatienten als Alltag. Auszugleichen hat dies die Basis, wir werden wahrscheinlich mehr Überstunden leisten. Der jetzt schon enorme Druck wird steigen. Hoffentlich bleiben wir und unsere Patienten dabei gesund...
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    2. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Warum soll es nur an der Psychiatrie sein die Qualität zu sichern? Wenn ein Gespräch mit einem suizidalen Menschen 60 Minuten geht und nur 30 bezahlt werden soll der Psychiater die anderen 30 gratis leisten um die Qualität nicht leiden zu lassen? Haben Sie schon einmal versucht eine Schachtel Medikamente in der Apotheke zu beziehen und nur die Hälfte zu bezahlen? Wahrscheinlich bekommen Sie dann gar nichts. Bestenfalls eine halbe Schachtel. Aber sicher nicht eine ganze.
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