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Mit Beginn der Schule nimmt auch der soziale Stress wieder zu
Aus SRF 4 News aktuell vom 29.09.2020.
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Psychiatrie-Notfälle Jugendpsychiaterin: «Vielen ging es während des Lockdowns besser»

Vielen jugendlichen Psychiatrie-Patienten ging es während des Lockdowns besser, zeigt eine Umfrage der Psychiatrischen Uniklinik Zürich. Doch jetzt nähmen die Notfälle wieder zu, sagt Klinikdirektorin Susanne Walitza.

Susanne Walitza

Susanne Walitza

Kinder- und Jugendpsychiaterin

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Prof. Dr. med. Dipl.-Psych. Susanne Walitza ist Kinder- und Jugendpsychiaterin und seit 2008 Direktorin der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie und Psychotherapie an der Psychiatrischen Universitätsklinik Zürich. Sie ist zudem im Vorstand der Schweizerischen Gesellschaft für Angst und Depression (SGAD).

SRF News: Wie hat sich die Corona-Sitaution auf die Patientinnen und Patienten ausgewirkt?

Susanne Walitza: Bei einer grossen Gruppe unserer Patienten haben sich die Probleme während des Lockdowns nicht verschlechtert. In einer Gruppe gab es sogar eine Verbesserung – und diese Gruppe war grösser als jene, bei der sich die Symptome verschlimmert haben.

Bei depressiven Jugendlichen haben sich die Symptome tendenziell verstärkt.

Bei welchen Erkrankungen kam es tendenziell zu einer Verschlechterung der Situation?

Das waren vor allem depressive Jugendliche. Es sind junge Menschen, die viel nachdenken, grübeln, manchmal verzweifelt sind und sich schon unter normalen Umständen zurückziehen. Für sie gab es unter dem Lockdown noch weniger Möglichkeiten des sozialen Kontakts als sonst. Dadurch verstärkten sich ihre Symptome.

Umfrage unter Patientinnen und Patienten

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Für die Umfrage hat die Psychiatrische Universitätsklinik Zürich, Link öffnet in einem neuen Fenster rund 270 ihrer Patientinnen und Patienten und knapp 500 Eltern einen Fragebogen ausfüllen lassen. Dabei wurde unter anderem gefragt, wie sich die Symptome der Krankheit vor, während und nach dem Lockdown verändert haben.

Welchen Patientengruppen hat der Lockdown schon fast ein bisschen gutgetan?

Besonders aufgefallen ist hier die Gruppe der ängstlichen Patienten. Sie schilderten eher eine Verbesserung bei ihren Symptomen als ein Gleichbleiben. Wir denken, durch die Schulschliessungen hatten sie weniger Stress, weniger soziale Begegnungen, die für sie oft mit Angst besetzt sind. Für sie war es eine Art Schonung.

Ein Grund dürfte die Klarheit sein, mit der kommuniziert wurde: Für alle galt Homeschooling, alle mussten sich an die Regeln halten, ausserdem hat man viel gegenseitige Unterstützung erlebt.

Ängstliche Patienten schilderten eher eine Verbesserung – durch die Schulschliessungen hatten sie weniger Stress.

Das heisst aber nicht, dass die jetzt länger anhaltenden Massnahmen nicht doch noch negative Auswirkungen haben könnten. Derzeit besteht eine grosse Unsicherheit, es gibt widersprüchliche Mitteilungen. Entsprechend relativieren sich die positiven Beobachtungen aus dem Lockdown jetzt im Vergleich zu diesen Risikofaktoren.

Notfälle – verzweifelte Jugendliche

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Notfälle – verzweifelte Jugendliche
Legende: Imago

Notfälle – das sind vor allem völlig verzweifelte Jugendliche, die denken, sie könnten ihr Leben so nicht mehr bewältigen. Dabei nimmt die Zahl der Fälle ab dem Alter von zwölf Jahren rapide zu. Sie wenden sich entweder selber an uns oder werden von den Eltern oder der Schule bei uns angemeldet, Link öffnet in einem neuen Fenster. Grundsätzlich geht es immer um Verzweiflung: die Stressoren überwältigen die Jugendlichen, deshalb brauchen sie unsere Unterstützung. (Susanne Walitza)

In der Tat verzeichnen Sie derzeit eine Zunahme der Notfälle...

Während der Sommerferien hatten wir weniger Notfälle, doch mit dem Beginn der Schule haben die Stressfaktoren und der soziale Druck zugenommen. Wir beobachten seither denn auch einen starken Anstieg der Notfälle.

Mit Beginn der Schule haben die Stressfaktoren wieder zugenommen – wir verzeichnen mehr Notfälle.

Glauben Sie, dass sich die Lage jetzt eher wieder normalisieren oder eher verschlimmern wird?

Sicher ist: Aus der Umfrage können wir sehr viel lernen – etwa über die Schutzfaktoren: Die Familien sind im Lockdown enger zusammengerückt, in der Nachbarschaft hat man sich trotz Social Distancing stark unterstützt. Das war alles sehr positiv – daraus müssen wir eine Lehre ziehen. Insgesamt bin ich angesichts des starken Anstiegs der Notfälle aber eher pessimistisch – und ein Ende der Corona-Krise ist ja nicht abzusehen.

Das Gespräch führte Valerie Wacker.

SRF 4 News aktuell vom 29.9.2020, 10.20 Uhr;

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23 Kommentare

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  • Kommentar von Andrea Laimbacher  (Alaim)
    Einigen Jugendlichen gefiel offensichtlich die kleine 'Auszeit' von Alltag, Stress, Leistungsdruck, Lärm, Dichtestress, Verpflichtungen, usw. während des shutdowns. Es gibt jedoch auch Jugendliche, die überfordert waren wegen Stress, Lärm, Verpflichtungen und nicht altersentsprechender Verantwortung innerhalb des Familiensystems genau wegen des shutdowns. Zum Glück gab es in der CH Institutionen, die sich um diese Jugendlichen und Kinder weiterhin kümmerten. Danke!!!
  • Kommentar von Nick Zürcher  (linksgrünversifft.)
    Ich (16) kann nur aus meiner eigenen Erfahrung heraus sprechen. Ich empfand die Zeit während des Lockdowns, auch viel angenehmer und ruhiger. So gerne ich auch mit anderen Menschen interagiere, so schön war es auch, dass einmal nicht zu tun. Man konnte sich die Arbeit selber einteilen und musste nicht alles auf einmal fertig haben.
    Wenn die Welt ein bisschen langsamer dreht, scheint es vielen besser zu gehen.
  • Kommentar von Fritz Hostettler  (hoss)
    Die „verwöhnte“ Jugend.
    Wer schon im Kindesalter den Eltern zur Hand gehen kann oder lernt kleinere Aufgaben zu erledigen erlebt das Gefühl des Stolzes auf sich selber etwas geleistet zu haben.
    Körperliche Betätigung hat noch niemandem geschadet. Darum gab es früher auch weniger psychische Probleme unter den Jugendlichen.
    Zudem kann ich mir gut vorstellen das sich die Jugendlichen abgeschoben fühlen da beide Elternteile arbeiten müssen.
    1. Antwort von Angela Nussbaumer  (Angela N.)
      Jein, Herr Hostettler. Wenn das Elternhaus ein konstruktives ist, Neugier und natürlicher Nachahmungsdrang nicht unterdrückt werden, wachsen den Kindern Wurzeln in den Boden. Früher gab es viel mehr Möglichkeiten, sich auf die Welt vorzubereiten. Es gab im Dorf, auf dem Hof, ums Haus herum viel Platz und Möglichkeiten, die für die heutigen Kinder gar nicht mehr vorhanden sind. In destruktivem Umfeld, egal welcher Schicht, sind Kinder heut' wie damals (aus-) geliefert, zahlen den Preis.