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Selbst der amerikanische Entdecker wird nicht verschont
Aus Tagesschau vom 11.06.2020.
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Rassismus-Debatte um Denkmäler Diese Schweizer Statuen rücken in den Fokus

Nicht nur in den USA und in Grossbritannien werden wegen der Demonstrationen gegen Polizeigewalt historische Statuen zum Ziel der Proteste. Auch in der Schweiz ist die Debatte über den Umgang mit solchen Denkmälern wieder neu entfacht.

Nachdem im kalifornischen Sacramento die Statue des Schweizer Generals Johann August Sutter mit Farbe beschmiert worden ist, haben Aktivisten der Juso Baselland eine Gedenktafel in dessen Heimatort Rünenberg (BL) verhüllt.

Im Fokus stehen neben Sutters Gedenktafel auch weitere Statuen und Denkmäler in der Schweiz. Ein Überblick.

Gedenktafel für General Sutter

Mit einem Laken verhülltes Denkmal
Legende: Juso Baselland

Johann August Sutters Heimatort Rünenberg (BL) erinnert seit 1953 mit einer Gedenktafel an ihn. 1834 wanderte er nach Amerika aus und gründete in Kalifornien die Kolonie Neu-Helvetien.

Er legte den Grundstein für Kaliforniens Hauptstadt Sacramento, war aber laut Historikern auch ein Sklaventreiber und auf den Handel mit Kindern von amerikanischen Ureinwohnern spezialisiert.

Statue von David de Pury

Statue von David de Pury in Neuenburg
Legende: Keystone

In Neuenburg hat die Gruppierung «Collectif pour la mémoire» eine Petition zur Entfernung der Statue von David de Pury lanciert. Der Bankier hinterliess der Stadt nach seinem Tod 1786 in Lissabon ein riesiges Vermögen.

Allerdings: «Den Grossteil seines Vermögens erwarb er durch Diamanten-, Finanz- und Sklavenhandel am portugiesischen Hof», zitiert die «Luzerner Zeitung» den St. Galler Historiker Hans Fässler, der bereits vor zwölf Jahren gegen die Statue von de Pury protestierte.

Wie sinnvoll ist der Sturm auf die Statuen?

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«Der Sturm auf die Statuen ist nur dann sinnvoll, wenn er nicht das Ziel, sondern das Instrument für grundlegendere strukturelle Reformen ist», sagt Bernhard Schär, Historiker an der ETH Zürich, zu SRF News. «Das Narrativ des Helden, welches diese Bilder und Statuen vermitteln, passt nicht mehr. Die Problematik um Sklavenhaltung und Rassismus wird in diesem Narrativ ausgeblendet», sagt der Forscher.

Das sei heute nicht mehr haltbar. Reformen seien angezeigt bei den Institutionen, die sich der Produktion von Wissen, Kultur und Geschichte verschrieben haben – also bei den Universitäten, gerade unter Historikern und Historikerinnen, aber auch bei Theatern und anderen Kultureinrichtungen. Diese müssten sich öffnen für andere Perspektiven und Erfahrungen. «Die einseitige Erzählung darf nicht einfach fortgeführt werden, sondern auch in der Schweiz lebende Minderheiten wie People of Colour oder Kosovo-Schweizer sollten sich repräsentiert fühlen.»

Statue von Alfred Escher

Escher-Statue am Zürcher Hauptbahnhof
Legende: Keystone

Die Statue des Schweizer Politikers, Wirtschaftsführers und Eisenbahnpioniers Alfred Escher steht seit 1889 auf dem Bahnhofplatz in Zürich. Dessen Erbe, so bestätigten Historiker, beruht auf den Erträgen einer Kaffeeplantage auf Kuba von Eschers Vater Heinrich, die von knapp 90 Sklaven bewirtschaftet wurde.

Deshalb werden Stimmen laut, die fordern, die Statue eher im Museum auszustellen oder zumindest eine Information anzubringen, die auf diesen Umstand hinweist.

Statue und Wappen der Berner Mohrenzunft

Zunfthaus zum Mohren
Legende: Keystone

Statue und Wappen der Berner Mohrenzunft sorgten schon vor Jahren für rote Köpfe bei zwei Stadträten: Sie kritisierten die Darstellung auf dem Wappen und traten eine mediale Debatte los.

Mit dem Mann ist zwar historisch gesehen ein Heiliger gemeint: Mauritius, ein schwarzer Legionär, der wegen seiner Verdienste um das Christentum im Mittelalter heiliggesprochen wurde. Doch das Wappen aus dem späten 19. Jahrhundert zeigt keinen Helden, sondern einen Mann mit wulstigen Lippen und flacher Stirn – damals ein Zeichen für niedere Intelligenz.

Naturforscher Louis Agassiz

Eingang der Jordan Hall an der Stanford University
Legende: Mauritius Images | Jason O. Watson

Der schweizerisch-amerikanische Naturforscher Louis Agassiz aus dem Kanton Freiburg ist als Gletscherforscher bekannt, gilt aber auch als ein Vordenker der Rassenhygiene im Nationalsozialismus. Seine Statue ist neben der des deutschen Forschungsreisenden Alexander von Humboldt an der Stanford-Universität in Kalifornien zu sehen.

Auch in der Schweiz sind oder waren Strassen und Plätze nach ihm benannt. In Neuenburg ist der Espace Louis Agassiz inzwischen umbenannt in Espace Tilo Frey. Eine Avenue Agassiz in Lausanne ist mit einem Hinweis auf sein rassistisches Gedankengut versehen. Und im Wallis gibt es seit Jahren die Forderung, das Agassizhorn umzubenennen.

Nationalparkgründer Paul Sarasin

Gedenktafel für Paul Sarasin
Legende: Keystone | Gaetan Bally

Im Schweizerischen Nationalpark in Graubünden erinnert eine Gedenktafel an den Mitgründer Paul Sarasin. Er und sein Vetter Fritz Sarasin gelten als angesehene Naturforscher.

Historiker Bernhard Schär zeigte jedoch vor einigen Jahren, wie die beiden Forscher in Südostasien von der Kolonialpolitik europäischer Grossmächte profitiert haben.

Tagesschau, 11.06.2020, 19:30 Uhr

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67 Kommentare

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  • Kommentar von Daniel Ackermann  (saskilte)
    Diese Statuen zeigen auch die Fehler der Vergangenheit auf, von denen wir gelernt haben. Wir müssen uns auch in Zukunft deren Fehler bewusst sein, damit wir sie nicht wiederholen.
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  • Kommentar von Martin Koller  (MaKoll)
    Und wie steht es mi unseren schönen Schlössern und Burgen? Die gehörten doch den Vögten und Tyrannen, welche das Volk unterjochten! Also: niederreissen!!!
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  • Kommentar von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
    Eine Statue entfernen: einmaliger Akt, der rasch in Vergessenheit gerät. Die Statue eines Menschenhändlers, der als solcher bekannt ist, erinnert ans Geschehene. Wer es nicht weiss, sollte in der Schule nicht aufgepasst haben, dürfte sich dann aber auch nicht für die Statue interessieren. Einzelne nach ihrem Tod mit Hinweisen zu versehen, was sie für Unmenschen gewesen sind, wäre zu hart. Wir sollten dankbar sein, in einer Gesellschaft aufgewachsen zu sein, wo man die Übel als solche erkennt.
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