Zum Inhalt springen

Header

Video
Interview zum Tag mit Mitte-Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach
Aus Tagesschau am Vorabend vom 14.12.2022.
abspielen. Laufzeit 4 Minuten 38 Sekunden.
Inhalt

Recht auf Gewaltfreiheit Bulliard-Marbach: «Wir reden nicht von einer einzigen Ohrfeige»

In der Schweiz sollen Kinder ein Recht auf gewaltfreie Erziehung haben, sowohl körperlich als auch seelisch. Das findet nach dem Nationalrat nun auch der Ständerat. Er hat eine Motion der Freiburger Mitte-Nationalrätin Christine Bulliard-Marbach überwiesen, welche eine gewaltfreie Erziehung im Zivilgesetzbuch verankern will.

Christine Bulliard-Marbach

Christine Bulliard-Marbach

Nationalrätin (Mitte/FR)

Personen-Box aufklappen Personen-Box zuklappen

Christine Bulliard-Marbach ist seit 2011 für die Mitte im Nationalrat. Zudem ist sie Co-Präsidentin der Parlamentarischen Gruppe Kinder und Jugend.

SRF News: Sie haben drei Kinder grossgezogen. Hand aufs Herz: Haben Sie diesen kein einziges Mal einen Klaps auf die Finger gegeben oder sie angeschrien?

Christine Bulliard-Marbach: Doch, das passierte sicher. Aber wir reden nicht von der einmaligen Ohrfeige oder dem einmaligen Klaps, sondern von der Wiederholung. Und das darf nicht passieren.

Eine einmalige Ohrfeige wäre also noch kein Verstoss gegen die gewaltfreie Erziehung, die Sie mit Ihrer Motion im Zivilgesetzbuch verankern wollen?

Nein, ganz sicher nicht. Aber wie gesagt, wir müssen die Regelmässigkeit ganz klar vermeiden.

Wenn ich also ein einziges Mal meine Kinder anschreie, muss ich nicht Angst haben, dass der Nachbar mich sofort anzeigt?

Nein. Wir befinden uns da nicht im Straf-, sondern im Zivilgesetzbuch, da passiert das sicher nicht. Es soll vor allem eine Art Kompass für die Eltern sein, was ich darf und wie weit ich sicher nicht gehen darf.

Expertinnen und Experten schätzen, dass rund 130'000 Kinder in der Schweiz regelmässig körperlich gezüchtigt werden. Denken Sie wirklich, diesen gewalttätigen Eltern mache ein neuer Artikel im Zivilgesetzbuch Eindruck?

Ja, denn die Beispiele aus Österreich, Frankreich, Deutschland und Schweden zeigen: Seit dieser Gesetzesartikel verankert ist, geht die Gewalt zurück. Gleichzeitig hält die Schweiz die UNO-Kinderrechtskonvention, die sie unterschrieben hat, nicht ein.

Im Zivilgesetzbuch geht es vielmehr darum, Gebote auszusprechen und die Eltern im Sinne einer Signalwirkung dazu aufrufen, andere Erziehungsmethoden anzuwenden.

Wir werden deswegen gerügt, wir sind schlechte Schüler. Und ich denke, die Schweiz soll und darf keine schlechte Schülerin mehr sein.

Die Schweiz erlaubt auch heute schon nicht alles. Körperliche Gewalt stellt das Strafgesetzbuch bereits unter Strafe und dennoch gibt es noch relativ viele Eltern, die ihre Kinder misshandeln.

Die Studie der Universität zeigt Erschreckendes: Jedes zweite Schulkind in einer Klasse muss Gewalt erleiden. Wenn sich trotz des bestehenden Strafgesetzes die Eltern nicht daran halten, zeigt dies doch, dass sie das Signal vielleicht nicht erhalten haben. Darum müssen wir hier weitergehen.

Ist das nicht Symbolpolitik: Wenn das Strafrecht nicht genug wirkt, schreibt man die gewaltfreie Erziehung auch noch ins Zivilgesetzbuch?

Sicher ist es auch Symbolpolitik. Aber wenn wir den Gesetzesartikel aufnehmen, dann müssen wir natürlich auch Arbeit machen: kommunizieren und sensibilisieren.

Wer kontrolliert, ob die Eltern wirklich gewaltfrei erziehen?

Das kann man nicht in diesem Sinne kontrollieren. Mit dem Strafgesetzbuch haben wir ein Verbot und es kann geahndet werden, wenn man Gewalt feststellen kann. Aber hier im Zivilgesetzbuch geht es vielmehr darum, Gebote auszusprechen und die Eltern im Sinne einer Signalwirkung dazu aufrufen, andere Erziehungsmethoden anzuwenden.

Was empfehlen Sie aus Ihrer Sicht als Mutter Eltern, die Gewalt ablehnen, jedoch aus der Überforderung heraus manchmal schreien oder auch Klapse geben?

Wenn ich eine nervöse Mutter bin, weil ich viel arbeiten muss, dann ist der Austausch wichtig. Sei es mit dem Mann, mit Kolleginnen, mit der Familie. Oder sonst gibt es auch andere Möglichkeiten. Nicht Therapie, aber eine Form von Rücksprache mit Stellen, die uns gut informieren können.

Das Gespräch führte Nathalie Christen.

Tagesschau, 14.12.2022, 18:00 Uhr;

Jederzeit top informiert!
Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden.
Schliessen

Jederzeit top informiert!

Erhalten Sie alle News-Highlights direkt per Browser-Push und bleiben Sie immer auf dem Laufenden. Mehr

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren. Weniger

Sie haben diesen Hinweis zur Aktivierung von Browser-Push-Mitteilungen bereits mehrfach ausgeblendet. Wollen Sie diesen Hinweis permanent ausblenden oder in einigen Wochen nochmals daran erinnert werden?

Meistgelesene Artikel

Nach links scrollen Nach rechts scrollen

58 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen
  • Kommentar von SRF (SRF)
    Danke für die spannende Debatte zum Vorschlag, gewaltfreie Erziehung im Zivilgesetzbuch zu verankern, liebe Leserinnen und Leser. Wir schliessen diese Kommentarspalte nun und wünschen einen angenehmen Abend. Liebe Grüsse, SRF News
  • Kommentar von Beat Reuteler  (br)
    In dieser Sache halte ich es mit dem Bundesrat. Das bestehende Gesetz in allen Kantonen durchsetzen würde genug bringen.
  • Kommentar von Berthold Herrmann  (brecht1955)
    Herr Logoz, so einfach ist nicht. Unser Nachbarland Deutschland hat schon vor längerer Zeit den Begriff der „elterlichen Gewalt“, unter dem Kinder standen, durch „elterliche Sorge“ ersetzt und in Paragraf 1631 des BGB folgende Formulierung aufgenommen: Kinder haben ein Recht auf gewaltfreie Erziehung. Körperlich Bestrafungen, seelische Verletzungen und andere entwürdigende Massnahmen sind unzulässig. Auch ohne Strafmassnahmen, die gibt es auch, sind die Misshandlungen deutlich zurückgegangen.
    1. Antwort von Dietmar Logoz  (Universalamateur)
      Eben: Strafbestimmungen braucht es. Nicht um den Justizapparat mit Bagatellfällen zu beschäftigen, sondern damit klar ist, dass es sich im Gesetz nicht um blosse Anregungen handelt. Vielleicht müsste man eher von einer *Pflicht* der Eltern sprechen, ihr Kinder gewaltfrei zu erziehen.
      Im übrigen ist es nicht Sache der Eltern zu beurteilen, ob ihr eigenes Fehlverhalten eine Bagatelle war, sie sind ja parteiisch...
  • Kommentar von Dietmar Logoz  (Universalamateur)
    Wenn man als gesetzgebende Institution nicht bereit ist, ein Verhalten unter Strafe zu stellen, dann braucht man diesbezüglich auch kein Verbot in ein Gesetz zu schreiben. Soll-Bestimmungen gehören in Predigten, in Gesetzen sind sie fehl am Platz.

    Und ein Recht (auf gewaltfreie Erziehung) das nicht einklagbar ist, ist nichts wert.

    Wer ein Kind schlägt oder psychisch misshandelt muss wissen, dass dies strafbar ist, jeder einzelne Vorfall, auch wenn die Strafe nur bedingt ausgesprochen wird.