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Legende: Audio Viel zuviel Pestizid in Schweizer Bächen abspielen. Laufzeit 05:01 Minuten.
05:01 min, aus Rendez-vous vom 02.04.2019.
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Risiko für die Umwelt Zu viele Pestizide in kleinen Bächen

  • Forscher haben fünf kleinere Bäche in landwirtschaftlich genutzten Gebieten in der Schweiz überwacht. Die Bäche waren stark mit Pflanzenschutzmitteln belastet.
  • Es besteht das Risiko für schleichende Schäden an Pflanzen- und Tierwelt, sagen die Forscher.
  • Bei allen fünf Bächen wurden die Umweltqualitätskriterien überschritten.

Die Forschungsanstalt Eawag und das Oekotoxzentrum zeigen erneut, dass kleine Bäche mit landwirtschaftlich genutzten Einzugsgebieten stark mit Pflanzenschutzmitteln belastet sind.

Von Frühjahr bis Herbst 2017 überwachten die beiden Institutionen fünf kleinere Bäche mit landwirtschaftlich genutztem Einzugsgebiet. In zwei Fachartikeln berichten Experten nun von den Ergebnissen: Pro Standort fanden sich zwischen 71 und 89 Wirkstoffe, insgesamt 145, wie die Eawag am Dienstag mitteilte.

Wochenlang erhebliches Risiko

Über mehrere Woche lagen die Werte einzelner Stoffe sogar so hoch, das mit einer schleichenden Schädigung der Tiere und Pflanzen zu rechnen sei, hiess es weiter. Experten rechnen mit einer akuten Beeinträchtigung der Umwelt. Dies aufgrund einzelner Stoffe, aber auch der ganzen Mischung aus verschiedenen Unkraut-, Pilz- und Insektenvernichtungsmitteln.

Besonders im Eschelisbach im Thurgau und im Weierbach im Kanton Basel-Land lagen die Werte 36 mal bzw. 50 mal über der definierten Schwelle. Ab dieser Schwelle sind die Fortpflanzung, Entwicklung und Gesundheit von Pflanzen, Tieren und Mikroben beeinträchtigt.

Beide Bäche wurden bereits in einer früheren Studie von 2015 untersucht. Insgesamt ging die Belastung im Weierbach im Vergleich zu 2015 zurück, im Eschelisbach lag sie leicht höher.

Repräsentativ für viele Schweizer Bäche

Dass Schweizer Gewässer stark mit Pestiziden belastet sind, ist bereits aus früheren Untersuchungen bekannt. Damals stellte sich die Frage, welchen Anteil Wirkstoffe aus nicht-landwirtschaftlichen Quellen ausmachen, und ob die Messungen repräsentativ für die Schweiz sind.

Bei den Messungen von 2017 stellten die Fachleute daher sicher, dass praktisch keine Siedlungsabwässer mitgemessen wurden und dass die Messstandorte nicht aussergewöhnlich waren.

Der Fischereiverband ist schockiert: «Schlimmer als befürchtet»

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Der Schweizerische Fischereiverband SFV bezeichnet die Ergebnisse der Eawag-Studie als «schlimmer als befürchtet». Er sieht den Verdacht vieler Angler wissenschaftlich erhärtet. Die Fische seien doppelt belastet durch die grosse Menge Pflanzenschutzmittel in Fliessgewässern - einerseits dezimierten diese Wirkstoffe die Nährtiere für die Fische, andererseits vergifteten sie den Lebensraum der Fische.

«Die viel zu starke Belastung des Wassers durch Pestizide ist eine Gefahr für Mensch und Tier. Das wollen und können wir nicht akzeptieren», liess sich Fischerei-Präsident Roberto Zanetti in einer Mitteilung des SFV zitieren.

Auch die Umweltverbände BirdLife, Greenpeace, WWF und Pro Natura richten in einer gemeinsamen Stellungnahme einen Appell an die Politik: Es brauche einen Paradigmenwechsel in der Landwirtschaft, weg von Pestiziden und hin zu agrarökologischen Methoden.

«Bei vier von fünf Bächen würde selbst eine zehnfach weniger intensive Landwirtschaft im Einzugsgebiet wohl noch zu Überschreitungen der Qualitätskriterien führen», sagte Christian Stamm von der Eawag gemäss der Mitteilung. «In diese Kategorie fallen rund 13'000 Kilometer Schweizer Bachläufe.»

Aus den Messungen leiten die Expertinnen und Experten auch ab, dass die pauschalen Grenzwerte der Gewässerschutzverordnung teils wenig Aussagekraft haben. So liegt diese für organische Pestizide bei 0,1 Mikrogramm pro Liter. Negative Auswirkungen sind aber beispielsweise bei Glyphosat erst ab 120 Mikrogramm pro Liter zu befürchten, bei anderen Stoffen bereits bei Werten unter dem offiziellen Grenzwert.

Gewässerschutz konsequent umsetzen

Um die Gewässerbelastung zu reduzieren sei ein ganzes Bündel an Massnahmen notwendig: «Dazu zählen der Ersatz von besonders kritischen Stoffen, eine generelle Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln und das Minimieren von Verlusten aus den Anbauflächen», so Stamm.

Die Untersuchung fand im Auftrag des Bundesamts für Umwelt (Bafu) im Rahmen der Nationalen Beobachtung Oberflächengewässerqualität (Nawa) statt. Sie wurde von fünf Kantonen und der Plattform Wasserqualität des Verbands Schweizer Abwasser und Gewässerschutzfachleute unterstützt.

Legende: Video Aus dem Archiv: Behörden ignorieren Pestizidrisiko abspielen. Laufzeit 06:32 Minuten.
Aus Kassensturz vom 13.06.2017.

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33 Kommentare

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  • Kommentar von Ludwig Zeier (Louis)
    Auch über die Luft wird das Gift übertragen. Siehe:
    https://www.beobachter.ch/umwelt/umweltpolitik/pestizide-gefahr-der-luft
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  • Kommentar von Markus Bieri (Flixoviel)
    Das wirklich Erschreckende und Erschütternde in diesem Beitrag war der Vorschlag des Leiters Wasserqualität Kanton TG, Heinz Ehmann: Man solle doch beim Auswaschen des Giftbehälters mit einer Wanne das Giftwasser auffangen und so richtig entsorgen. Damit rettet man vielleicht 1 % von einem 1000 liter-Behälter . Zu den anderen 99 % keine Aussage. Wie soll das gut kommen, wenn sich schon der Verantwortliche auf 1 %-Lösungen fokussiert.
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  • Kommentar von A. Keller (eyko)
    Andreas Graf (agraf) Habe mich schon oft gefragt, was unsere diverse Bundesämter tun? Verschlafen die Probleme oder nehmen sie zu wenig ernst. Es macht wütend, wenn man sieht wie diese arbeiten. Vernachlässigung von verschiedenen Stellen. Und wir bezahlen ihre Gehälter mit unseren Steuern. Kein Wunder sind so viele scharf auf Bundesstellen. Einfacher Geld verdienen geht nicht.
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    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Die Bundesämter haben gar nicht die Kapazität alles zu kontrollieren. Diese Stellen wurden wie auch die Steuerkontrolleure im Sinne des "schlanken Staats" bereits eingespart. Einer der ersten Schritte, die Herr Maurer als neuer Finanzminister gemacht hat. Am Bundespersonal gespart, Stellen gestrichen, Etats gekürzt. Und jetzt reiben sich alle verwundert die Augen, dass wenn niemand mehr da ist, auch niemand mehr kontrolliert.... Kopfschüttel...
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