«Roboter dürfen das Pflegepersonal nicht ersetzen»

Sieht so die Zukunft aus: Roboter waschen einem betagten Menschen die Haare, holen die Post oder bringen ihn ins Bett. Eine Ethik-Wissenschaftlerin hat ihre Zweifel.

Das Zentrum für Technologiefolgen-Abschätzung TA-Swiss veröffentlichte die Studie «Robotik in Betreuung und Gesundheitsversorgung». Sie wurde von einem interdisziplinären Team unter der Leitung von Heidrun Becker (im «Tagesgespräch») durchgeführt.

Was bedeutet der Einsatz von Robotern im Gesundheitswesen aus ethischer Sicht? Diesen Fragen ging «SRF News Online» mit der Leiterin des Instituts «Dialog Ethik» nach.

SRF News Online: Mit Robotern im Gesundheitswesen scheint der Mensch von der Maschine vermehrt abhängig zu werden. Wie schätzen Sie das ein?

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Zur Person

Zur Person

Ruth Baumann-Hölzle leitet das Institut Dialog Ethik, ein interdisziplinäres Institut für Ethik im Gesundheitswesen. Seit 1998 ist sie Mitglied der kant. Ethikkommission Zürich, seit 2001 der nat. Ethikkommission im Bereich Humanmedizin. Ihr Schwerpunkt heute: interdisziplinäre ethische Entscheidungsfindung in der angewandten klinischen Ethik.

Dr. Ruth Baumann-Hölzle: Wenn Roboter die Beziehung zu den Menschen ersetzen sollen, dann ist deren Einsatz hochproblematisch. Werden sie instrumentell eingesetzt, um die Autonomiefähigkeit eines betagten Menschen zu unterstützen, dann bringen Roboter durchaus positive Aspekte mit sich. Doch problematisch ist, wenn alte Menschen daheim aufgrund der Robotertechnik noch mehr vereinsamen und keine Beziehungsmöglichkeiten mehr haben.

Auch folgende Idee existiert: Alte Menschen kommunizieren von daheim aus mit dem Therapeuten oder dem Arzt. Dafür benötigen sie einen Telepräsenz-Roboter. Via Bildschirm treten Patient und Betreuer so in Kontakt.

Aber gerade der regelmässige Besuch beim Hausarzt ist für Betagte manchmal einer der wenigen Beziehungspunkte zu anderen Menschen überhaupt. Mit dem Roboter werden die Beziehungen funktionalisiert. Die Begegnung von Mensch zu Mensch wird immer mehr rationiert. Wo aber erleben wir dann Sinn? Wohl kaum in der Kommunikation mit dem Roboter, sondern im Austausch mit den Mitmenschen.

Worin sehen Sie den Grund für die Entwicklung?

Wir haben ein gesellschaftliches Problem in Bezug auf Raum und Zeit für das Ereignis Beziehung. Je mehr eine Gesellschaft funktional, leistungsorientiert organisiert ist, umso weniger hat sie Raum und Zeit für Beziehungen zwischenmenschlicher Art. Kernsache ist deshalb, den Mangel an Pflegepersonal nicht mit Robotern zu beheben, sondern mit gut ausgebildeten Fachkräften. Roboter sollen die Pfleger nicht ersetzen.

« Wichtig ist, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine nicht verwischt wird. »

Wie könnten Roboter verantwortungsvoll eingesetzt werden?

Indem sie das Pflegepersonal unterstützen. Wichtig ist, dass die Grenze zwischen Mensch und Maschine nicht verwischt wird. Sonst gelangt der Mensch zunehmend in eine existenzielle Abhängigkeit vom Roboter. Er wird zum Objekt der Robotertechnik. Die Frage bleibt, wofür das alles dienen soll.

Wofür soll es dienen?

Diese Frage nach dem guten Leben und guten Sterben muss geklärt werden. Auch jene, ob sich ein gutes Leben mit der Robotertechnik vereinbaren lässt und ob es menschenwürdig ist, wenn bei betagten Menschen Glücksgefühle über Roboter hervorgebracht werden.

Ihr Vorschlag für einen verantwortungsvollen Einsatz der Robotertechnik?

Dafür müssen wir normative, ethische Kriterien entwickeln. Und: Das Gesundheitswesen müsste auf das Krankheitswesen beschränkt werden. Die Frage nach dem guten Leben müssen wir breit in die Gesellschaft hinaustragen. Was derzeit passiert, ist der umgekehrte Fall. Alle sozialen Probleme werden an die Medizin delegiert.