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Woher kommt die Kluft zwischen Politik und Wissenschaft?
Aus Rendez-vous vom 11.01.2021.
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Rücktritt aus Corona-Taskforce «In der Schweiz wird oft laviert – das frustriert die Experten»

Seit Ausbruch der Corona-Pandemie kommt es zwischen Wissenschaft und Politik immer wieder zu Reibungen. So kritisieren Virologinnen und Epidemiologen regelmässig offen oder hinter vorgehaltener Hand, die Behörden würden zu wenig strenge Massnahmen treffen.

Einer dieser Wissenschafter, der Berner Epidemiologe Christian Althaus, gab am Wochenende seinen Rücktritt aus der Taskforce bekannt. Er sagt, die Politik müsse endlich lernen, der Wissenschaft auf Augenhöhe zu begegnen. Für Caspar Hirschi liegt das Problem tiefer: Die Politik habe es verpasst, in Normalzeiten die Vorbereitungen zu treffen, damit in der Krise ein gegenseitiges Vertrauen vorhanden ist.

Caspar Hirschi

Caspar Hirschi

Historiker

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Hirschi ist Professor für Allgemeine Geschichte an der Universität St. Gallen. Zu seinen Forschungsschwerpunkten gehören unter anderem Experten und Intellektuelle in Geschichte und Gegenwart.

SRF News: Die Politik nehme die Wissenschaft zu wenig ernst – hat Christian Althaus recht mit dieser Kritik?

Caspar Hirschi: Ich glaube nicht, dass die Wissenschaft zu wenig ernst genommen wird. Dafür hat sie gerade auch in den Medien einen viel zu grossen Platz inne. Ich denke vielmehr, dass zwischen Politik und der Corona-Taskforce ein grundsätzliches Misstrauen herrscht. Und das ist eigentlich das grosse Problem.

Woran machen Sie dieses Misstrauen fest?

Die Politik hat grosse Mühe, auf Krisenmodus umzustellen – auf Bundesebene wie auf kantonaler Ebene. Besonders der Bundesrat und das BAG haben in Normalzeiten nicht die Vorbereitungen getroffen, damit man in der Krise das Vertrauen schaffen könnte zwischen Experten und Politikern. Das heisst, dass man sich gut kennt, dass man die Abläufe eingespielt hat und dass man auch weiss, welche Kompetenzen die Experten haben – und welche die Politik. Da gab es von Beginn an in der Coronakrise ein riesiges Gerangel.

Die Politik war also nicht auf die Zusammenarbeit mit Fachleuten vorbereitet?

Es gab eine Kommission für Pandemievorbereitung, die dem BAG unterstand. Diese Kommission wurde, wie Daniel Koch später offen eingeräumt hat, komplett vergessen. Das ist schon eine grosse Unterlassungssünde, die dann dazu geführt hat, dass die Wissenschaft selber tätig geworden ist und die Corona-Taskforce ins Leben gerufen hat.

Die Taskforce ist mit über 70 Mitgliedern ein viel zu grosser Tanker, um die Politik effizient beraten zu können.

Die Taskforce hat die Aufgabe, die wissenschaftliche Forschung zu bündeln, Projekte aufzugleisen und gleichzeitig die Politik zu beraten. Aber das sind völlig unterschiedliche Aufgaben, die zum Teil zueinander im Konflikt stehen. Und vor allem ist die Taskforce mit über 70 Mitgliedern ein viel zu grosser Tanker, um die Politik effizient beraten zu können – insbesondere, wenn die einzelnen Mitglieder dann noch in den Medien auftreten und unterschiedliche Meinungen vertreten.

Marcel Salathé und Christian Althaus
Legende: Marcel Salathé (links), Mitentwickler der SwissCovid-App, hat Ende 2020 die Leitung der Expertengruppe für digitale Epidemiologie in der Taskforce abgegeben. Er sparte wie Christian Althaus (rechts) nicht mit Kritik an der Vorgehensweise des Bundesrats in der Krise. Keystone

Welche Rolle sollte Ihrer Ansicht nach die wissenschaftliche Beratung bei der Corona-Politik spielen?

Es ist zentral, dass die Wissenschaft einen direkten Draht zur Politik hat und dass die Empfehlungen, die die Experten der verschiedenen Disziplinen abgeben, sehr ernst genommen werden. Auch sollte die Politik begründen müssen, wenn sie sich anders verhält, als es die Wissenschaft empfiehlt. Das ist in der Schweiz nicht der Fall. Da wird häufig laviert, und das frustriert natürlich Experten.

Gleichzeitig Berater und Kritiker der Regierung zu sein, das geht auf Dauer eigentlich nie.

Sie stecken in einem Dilemma: Entweder können sie die Beratungen fortsetzen, oder sie äussern Kritik in den Medien. Aber dann ist das Vertrauen eigentlich zerstört. Der Rücktritt ist die richtige Konsequenz, wenn man das Gefühl hat, dass man das Ohr der Politik nicht mehr findet. Aber die Rolle zu kombinieren, gleichzeitig Berater und Kritiker der Regierung zu sein, das geht auf Dauer eigentlich nie.

Das Gespräch führte Daniel Hofer.

Rendez-vous, 11.1.2020, 12:30 Uhr;

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105 Kommentare

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  • Kommentar von Tobias Vetter  (ToVe)
    Wie bei den Artikeln "es wird zu wenig über [...] gesprochen": Jammern auf sehr hohem Niveau.
    Über so viel Aufmerksamkeit und Beachtung in Medien und Politik können sich die Wissenschaftler, die sich mit den unzähligen anderen Krisen auf der Welt beschäftigen, nur träumen.
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  • Kommentar von Damian Derungs  (Domino)
    Schon klar dass nicht alles songeschieht wie es die herren und damen wissenschafter gern hätten, denn sie sehen nur ihre perspektive. Jedoch muss der bund allen gerecht werden, das heisst, er muss sich genau so um die gesundheitlichen aspekte kümmern wie auch im die wirtschaftlichen aller bürger. Klar motzen wir alle, er macht es niemandem recht, aber im endeffekt geht es um ein abwiegen, wie viel und wie starke massnahmen sind für uns alle erträglich.
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    1. Antwort von Hans Meuri  (hmeuri)
      Damit alle Aspekte gleichermassen berücksichtigt werden, ist die TF so breit aufgestellt d.h. auch die Wirtschaft und andere sind dort vertreten. Wenn der BR nun nebst der Empfehlung der TF zusätzlich die Lobbyisten der Wirtschaft und die Verbände und Branchenvertreter konsultiert, dann ist das Gleichgewicht welches man mit der TF gebaut, hat nicht mehr gegeben.
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  • Kommentar von Arthur Pünter  (puenti)
    Der Rücktritt von Ch. Althaus legt in eklatanter Weise offen, dass die Wissenschaft in d. Pandemie-Bekämpfung vom Bundesrat laufend übergangen wird, da dieser wegen der Macht der Wirtschaftsverbände, wie Gastrosuisse, Gewerbeverband, Tourismus u. deren lauten Protagonisten nur bedingt handlungsfähig ist. Das drangsalierende Lobbying unter der Bundeshauskuppel beschränkt sich auf Kosten strikter Massnahmen allein auf Minimierung der finanz. Verluste durch den forschen Zugriff auf Steuergelder.
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    1. Antwort von Damian Derungs  (Domino)
      Als ob diese "wissenschaftler" besser wären, nicht ein tag vergeht an dem nicht einer von ihnen öffentlich den bund kritisiert ohne auch nur im hauch auf die anliegen anderer einzugehen. Frei nach dem motto, hauptsache jeden um jeden oreis so lange wie irgend möglich am leben zu erhalten. Ob das jedoch gewünscht wird oder ethisch empfehlenswert ist, interessiert von ihnen niemanden
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    2. Antwort von Hans Meuri  (hmeuri)
      Herr Derungs, bitte informieren Sie sich über die Zusammensetzung der TF, dort sind auch Ethiker, Oekonomen, uvm. vertreten.
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    3. Antwort von Ueli Lang  (Wochenaufenthalter)
      Nun die Experten mit Herrn Althaus als Flaggschiff haben sich ja bis jetzt auch nicht gerade so hervorgetan mit ihren Prognosen. Nachdem die ganze Hysterie wegen Britenvirus, Weihnachten und Skifahren sozusagen in sich zusammensinkt, weil die Zahlen nicht rauf- sondern gegen die Vorhersage runtergehen, sollte man expertenseitig bezüglich der Verschärfungsforderung wohl eher in sich, als an die Medien gehen! Prognostische Fehlleistungen führen zu Fehlforderungen bezüglich Verschärfungen!
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