Hinter Gittern nennen ihn alle Jo. Jo ist 59 Jahre alt und wird wohl den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringen. Wir treffen ihn in der Bibliothek der Justizvollzugsanstalt Lenzburg AG. Hier ist Jo der Bibliothekar. Mahnend schwenkt er eine leere DVD-Hülle und ruft: «Was haben wir hier wieder vergessen?» Die anderen Gefangenen lachen. «Immer muss ich alles kontrollieren», sagt Jo.
Jo ist der sogenannte «Penthouse-Mörder», so wurde er in den Medien genannt. Die Tat: ein Doppelmord. 2009 erdrosselte er in Zug eine Millionärin und ihre Haushälterin. Nahm Schmuck und Kreditkarten mit. Tauchte unter, wurde später verhaftet. Jo wurde zu einer lebenslangen Freiheitsstrafe verurteilt, eine Verwahrung wurde angeordnet – wegen des Rückfallrisikos. Seit 16 Jahren sitzt er im Gefängnis, seit 14 Jahren in Lenzburg.
Zweimal 20 Minuten pro Woche dürfen die Insassen zu ihm in die Bibliothek. Jo hat viel zu tun. Gruppenweise kommen die Gefangenen rein: aus der Wäscherei, der Küche, der Buchbinderei und der Gärtnerei. «Die Arbeit ist für mich wie ein Stück Freiheit», sagt Jo.
Die Bibliothek ist von einer Stiftung finanziert. Beliebt sind laut Jo Actionfilme, Thriller, Komödien. Bei den Büchern ist das Strafgesetzbuch der Renner. «Das leihen viele aus, um zu schauen, was sie für eine Strafe erwartet», sagt der verwahrte Strafgefangene.
Reisebücher sind bei Langzeitgefangenen besonders gefragt. Warum? «So kann man abschalten und sich frei fühlen», sagt Jo.
Die zweite Gefängnisstrafe
Wir begleiten Jo in seine Zelle. Sie misst neun Quadratmeter. Nach der Arbeit immer die gleiche Routine: Hände waschen, Kaffee und Zigarette, Zeitung lesen. Er schaue vor allem Nachrichten und Dokus, lese viel, denke an seine Familie. Sein jüngstes Kind kam drei Monate nach seiner Verhaftung zur Welt.
Jo ist gefängniserfahren. Früher hat er über zehn Jahre in Deutschland verbüsst – wegen Raubes. «Als ich rauskam, sagte ich, das passiert nie mehr», sagt Jo. Es kam alles anders.
Ich war es, ... leider.
An die Tat erinnere er sich nicht mehr richtig, wiederholt er immer wieder im Gespräch mit der «Rundschau». Jo sagt, er habe im Kokainrausch getötet, sein Umfeld habe nicht glauben können, dass er es war. «Alle sagten, das kann der nicht gewesen sein. Wenn überhaupt wegen des Koks. Aber ich war es, … leider.»
Mit seiner Familie habe er regelmässig Kontakt. «Ich bete für meine Familie. Diese Hilflosigkeit, die sie haben, alles wegen meines Fehlers. Die haben nichts gemacht, die werden so bestraft, schlimmer als ich. Das kann ich nicht wiedergutmachen.»
Perspektiven, aus dem Gefängnis wieder herauszukommen, hat Jo kaum. Wie geht man mit solchen Gefangenen um? Wir fragen Marcel Ruf, Direktor der JVA Lenzburg. «Es ist wichtig, ihnen trotzdem eine Perspektive zu geben», sagt Direktor Ruf. «Man muss mit ihnen arbeiten und sie immer wieder motivieren. Denn mögliche Vollzugslockerungen oder die Freiheit sind ganz weit weg.»
Jo darf ein paar Minuten an die frische Luft. Wir begleiten ihn in den Spazierhof. Wir fragen den verwahrten Mörder, ob er heute noch an seine Opfer denke. Er wird nachdenklich. «Ich sitze in der Sonne, ich kann mit Ihnen reden», sagt er. «Das können zwei Leute meinetwegen nicht mehr. Darum wäre es für mich in Ordnung, dass ich hierbleibe.» Das ganze Leben, fragen wir. «Ja.»