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Schlechte Arbeitsbedingungen Der Schweiz fehlt es an Kindergärtnerinnen

Der erste Kindergartentag ist ein wichtiger Moment für viele Eltern und Kinder. Was den feierlichen Anlass trübt: Immer häufiger stossen Gemeinden auf grosse Schwierigkeiten, ihre Kindergartenstellen überhaupt zu besetzen.

Im Kanton Zürich hat es in diesem Jahr nur knapp gereicht. Gründe: Die Vorverschiebung der Einschulung, demografische Faktoren und die Tatsache, dass der Kindergarten-Beruf immer unattraktiver wird wegen der tieferen Löhne und immer mehr Kindern, deren Betreuung aufwändig ist.

«Es ist extrem belastend»

Aus der Not dürfen zurzeit sogar über 70-Jährige oder Personen ohne Ausbildung im Kindergarten eingesetzt werden.

Auch die Zürcher Gemeinde Regensdorf hatte Mühe, Kindergartenlehrpersonen zu finden. Der Schulleiter Urs Meier sagt, dass man seit März eine Teilzeitstelle ausgeschrieben gehabt hätte.

Legende: Video Urs Meier: «Es hat sich niemand gemeldet.» abspielen. Laufzeit 00:33 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.08.2018.

Mit viel Überredungskunst konnte er schliesslich eine ehemalige Vikarin überzeugen, die Stelle für ein Jahr zu übernehmen. «Wenn es so grosse Anstrengungen braucht, um Stellen zu besetzen, dann ist das extrem belastend», sagt Meier.

Zwölf Prozent mehr Kinder

Die Leiterin des Volksschulamtes Kanton Zürich, Marion Völger, sagt: «Wir haben 200 Kindergartenklassen mehr eröffnet in den letzten zwei Jahren.» Das bedeutet, dass momentan im Kanton Zürich so viele Kindergartenlehrpersonen wie noch nie am Arbeiten sind. Das sei der eine Punkt. Der andere Punkt sei, dass die geburtenstarken Jahrgänge auch bei den Lehrpersonen in Pension kommen «und das merken wir sehr stark.»

Kinder im Kreis im Kindergarten.
Legende: Es gibt verschiedene Gründe, warum immer mehr Kindergartenstellen nicht besetzt werden können. Keystone

Die Situation dürfte sich schweizweit weiter verschärfen. Bis 2025 soll die Zahl der Kinder von 170'000 auf 190'000 ansteigen: ein Plus von zwölf Prozent. Besonders in den Kantonen Basel-Stadt, Zürich, Thurgau, Schaffhausen, Appenzell-Ausserrhoden, Aargau und Freiburg ist ein noch höherer Anstieg möglich.

«Es hapert bei der Selbstständigkeit»

Zwar werden laufend Kindergartenlehrpersonen ausgebildet. Aber viele wechseln nach wenigen Jahren in die Unterstufe der Primarschule. Denn in vielen Kantonen ist eine Kindergartenstelle schlechter bezahlt und entspricht keinem 100 Prozent-Pensum.

Für Brigitte Fleuti vom Kindergartenverband Zürich ein Grund, warum der eigentlich so schöne Beruf unattraktiver werde. Dazu komme, dass die Betreuung der immer jünger eingeschulten Kinder aufwändiger werde.

«Wir sehen oft, dass sie zum Beispiel viel Knowhow haben mit dem Tablet, dass sie den Namen schon schreiben können, aber dass es bei der Selbstständigkeit hapert», sagt Fleuti. Beim Gang aufs WC bräuchten die Kinder Unterstützung und auch beim Umziehen fürs Turnen.

Freies Spiel stark zurückgegangen

Unselbständigkeit – das überrascht die Erziehungswissenschaftlerin Margrit Stamm nicht. Die Bedürfnisse der Kinder stünden heute für viele Eltern im Mittelpunkt: «Es ist diese Frühförderung da, wo man sehr stark auf intellektuelle Förderung fokussiert.»

Legende: Video Margrit Stamm: «Das findet man langweilig.» abspielen. Laufzeit 00:26 Minuten.
Aus News-Clip vom 20.08.2018.

Parallel dazu sei das freie Spiel stark zurückgegangen. Das fände man etwas Langweiliges oder Altmodisches. «Alle diese Faktoren haben dazu geführt, dass Kinder weniger selbständig sind, weil sie so umsorgt werden», sagt Stamm.

«Diese Betreuung genügt nicht mehr»

Vom Windelkind bis zum kleinen Einstein – im Kindergarten kommen sie zusammen. Es ist die erste und damit eine sehr wichtige Schulstufe. Da müsse investiert werden. Fleuti sagt: «Ich denke da an den Lohn, der muss gleich sein wie auf der Primarstufe.»

Auch die Gesellschaft sei schneller und intensiver geworden. «Personelle Unterstützung ist dringend notwendig. Die Betreuung die wir jetzt haben, genügt einfach nicht mehr», ist Fleuti überzeugt.

Unterstützung für Lehrpersonen

Völger sagt: «Das Bundesgericht hat die Lohnklage der Kindergärtner abgewiesen und aus diesem Grund setzen wir im Moment natürlich auf Aspekte, die wir rasch umsetzen können.» So beispielsweise den Einsatz von Klassenlehrassistenzen, also von Personen, die die Kindergartenlehrpersonen unterstützen – vor allem in den ersten Wochen.

In Regensdorf ist Urs Meier schon froh, dass er die reguläre Stelle besetzen konnte. Zumindest für dieses Schuljahr.

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38 Kommentare

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  • Kommentar von Urs Dupont (udupont)
    Mehrwertsjournalismus wäre es, wenn konkret aufgezeigt würde, was unter "schlechten Arbeitsbedingungen" zu verstehen ist. Dazu gehört nun auch mal die Anzahl Wochenstunden, Ferien, Lohn in Abhängigkeit von den Dienstjahren, etc.. Klar ist, verglichen mit z. B. Bauarbeitern, kann es nicht die physische Umgebung sein und von der Art der Arbeit ist es etwas, das viele Frauen gerne tun bzw. es privat suchen oder sogar fordern.
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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Man sollte auch den Einfluss der Eltern auf Lehrer und Lehrerinnen einschränken und die Arbeitenden besser schützen. Den oft sind die Probleme nicht bei den Kindern zu finden sondern bei deren Eltern. Es ist haarsträubend was mir befreundete Lehrer und Lehrerinnen berichten.
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  • Kommentar von Alex Volkart (Lex18)
    Man kann was tun in dem man den hart Arbeitenden mehr zahlt. Kinder die, die örtliche Landessprache nicht beherrschen oder wegen kulturellen Dingen Probleme haben sollte man in ein Extrajahr schicken wo sie die Sprache lernen und wie man sich hier benimmt.
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