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Legende: Audio Die vergessenen Schweizer Holocaust-Opfer abspielen. Laufzeit 12:37 Minuten.
Aus Echo der Zeit vom 14.02.2019.
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Schweizer Nazi-Opfer «Es geht um das Erinnern, nicht um die Wiedergutmachung»

Gefangen in einem Konzentrationslager während der Zeit der Nationalsozialisten: Auch Schweizerinnen und Schweizer erlitten dieses Schicksal. Weil sie jüdisch waren oder homosexuell, weil sie sich im Widerstand engagierten oder als Spione verdächtigt wurden. Der Historiker Jacques Picard fordert vom Bundesrat eine umfassende Aufarbeitung.

Jacques Picard

Jacques Picard

Historiker

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Picard ist emeritierter Professor für Allgemeine und Jüdische Geschichte an der Universität Basel. Er war Mitglied der Bergier-Kommission, Link öffnet in einem neuen Fenster.

SRF News: Warum tut sich die Schweiz so schwer mit der Aufarbeitung der Geschichte der Schweizer Opfer im Nationalsozialismus?

Jacques Picard: Das ist für mich schwer erklärbar. Die Eidgenossenschaft müsste ein grosses Interesse haben, dies aufzuarbeiten und sich der Opfer zu erinnern. Es geht um ein präzises Wahrnehmen schweizerischer Interessen im Sinne des Zweckartikels der Bundesverfassung. Dieser sagt nichts anderes, als dass sich der Bund um die Wohlfahrt der Schweizerinnen und Schweizer kümmern soll.

Könnte hier auch der Grund liegen – man will nicht genau hinschauen, weil man Fehler gemacht hat?

Natürlich wird damit das Problem des Rechtsschutzes, des Opferschutzes und des diplomatischen Schutzes aufgeworfen. Aber ich denke, dieser Grund war bis in die 1970er-Jahre gegeben. Heute sollte man erinnerungspolitisch den Fokus darauf haben, dass auch Schweizerinnen und Schweizer Opfer der nationalsozialistischen Diktatur geworden sind.

Schuhe
Legende: Rund 1000 Schweizerinnen und Schweizer wurden während des Nationalsozialismus eingesperrt, rund 200 verstarben in einem KZ. Keystone

Es geht aber auch um Schweizer Bürgerinnen, die durch die Heirat mit einem Ausländer ihr Bürgerrecht verloren haben und um solche Menschen, die vielleicht sogar in der vierten Generation in der Schweiz aufgewachsen sind, aber kein Bürgerrecht hatten.

Wie intensiv versuchte die Schweizer Diplomatie damals, ihre Bürgerinnen und Bürger zu schützen oder zu retten?

Das hängt von den Persönlichkeiten ab, die in der Politik und in der Diplomatie tätig waren. Wir kennen etwa den Fall des Diplomaten Carl Lutz, der sich sehr aktiv eingesetzt hatte. Andere wiederum haben sich nicht in diesem intensiven Masse bemüht.

Wenn die Diplomaten aktiv wurden, wurden sie von Bern oftmals eher gebremst.

Man muss sehr deutlich differenzieren. Es war abhängig vom Rechtsempfinden der Diplomaten, wie aktiv sie ihre Rolle wahrnehmen wollten. Wenn sie aber aktiv wurden, wurden sie von Bern oftmals eher gebremst. Da lagen aussenpolitische Abwägungen vor. Zumindest bis 1944 war der Bund nicht besonders aktiv bemüht, den Opferschutz wahrzunehmen.

Befreite Häftlinge eines Konzentrationslagers
Legende: Häftlinge des KZ Dachau nach der Befreiung durch die USA, 1945. Keystone

Sie fordern vom Bundesrat eine offizielle Aufarbeitung der Schweizer Opfer von Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Geht es Ihnen auch um Wiedergutmachung?

Es geht mir darum, dass der Bundesrat zur Kenntnis nehmen sollte, was bereits aufgearbeitet worden ist. Die freie Forschung hat durchaus etwas geleistet. Und eine solche Forderung schliesst an diejenige der Auslandschweizerinnen und Auslandschweizer nach einer Gedenktafel an: Man kann nur befürworten, dass im öffentlichen Raum diesen Opfern des Nationalsozialismus Gerechtigkeit wiederfährt. Es liegt noch einiges vor uns.

Erinnern ist das eine, Wiedergutmachung etwas anderes.

Es gab bereits in den 1950er- und 1960er-Jahren die Möglichkeit für Schweizerinnen und Schweizer, bei der Bundesrepublik Deutschland entsprechende Wiedergutmachungen für erlittenes Unrecht zu erhalten. Hier geht es um einen moralischen Anspruch.

Das Gespräch führte Simone Hulliger.

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Rolf Bolliger  (jolanda)
    Bald sind es 100 (!)Jahre her, als die schreckliche Vorzeit und der 2. Weltkrieg Millionen von Toten hinterliess. Nur, nicht nur die Juden, sondern auch Millionen von "anderen" Menschen verloren zwischen 1935 und 1945 ihr Leben. Seit Jahren feiern die Juden weltweit jährliche Gedenkfeiern und heute noch gibt es "Historiker", die diese brutale Zeit immer nur auf die Juden begrenzen und heute noch zur "Aufarbeitung" aufrufen! Der Krieg forderte nicht "gute" und "schlechte" Opfer, sondern Menschen!
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  • Kommentar von Olaf Schulenburg  (freier Schweizer)
    Die Schweiz hält seit dem Krieg am Bild der lieben, sauberen Schweiz fest. Das wird durch einzelne Parteien massiv gesützt.Wieso steht die Schweiz nicht zu ihrer Verantwortung von damals bis heute? Wovor hat sie bloss Angst? Die Schweiz ist soviel mehr, soviel wertvoller als dieses krampfhaft aufrechterhaltene Bild des Selbstbetruges.
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  • Kommentar von Haller Hans  (H.Haller)
    Es war ja nicht nur die Schweiz, die da die "Schotten dicht" gemacht hat. Leider hat man das damals eben gemacht. Zu erwähnen wäre, das wir leider auch im Bundesrat, eine allzu "deutschfreundliche" Zusammensetzung hatten um es mal sehr höflich zu sagen. Richtigerweise hätte man diese Flüchtlinge aufnehmen müssen und sofort in wirkliche Sicherheit bringen müssen, dh. auch vor einem (späteren) Zugriff von NAZI-Deutschland.
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    1. Antwort von Albert Planta  (Plal)
      Die Appeasement-Politik der Schweiz war nicht heroisch, hatte aber das Land vor dem Weltkrieg verschont und damit den Grundstein für eines der erfolgreichsten Länder gelegt.
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