Schwierige Integration: Eritreer in der Schweiz

Die eritreische Diaspora in der Schweiz ist eine der grössten in Europa. Und die Zahl der Asylgesuche steigt weiter. Deshalb stellt sich die Frage nach der Integration dieser Menschen hierzulande. Das sei nicht einfach, sagt ein Eritreer, der neu angekommenen Landsleuten hilft.

Eritreer sitzen zusammen Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Eritreer bleiben häufig unter sich und lernen somit auch kein Deutsch. Keystone

Tesfom Tekeste kam vor elf Jahren in die Schweiz. Er startete hier praktisch bei Null: Der 33-Jährige lernte Deutsch auf der Strasse, wie er sagt, fand schliesslich seinen heutigen Job in der Mensa-Küche einer grossen Hochschule. Nebenbei ist er einer von gut zehn so genannten Schlüsselpersonen aus Eritrea, die der Kanton Zürich ausgebildet hat. Das heisst: Tesfom Tekeste hilft Landsleuten, die neu ankommen, sich in der Schweiz zurechtzufinden.

Integration durch Arbeit

4:35 min, aus Rendez-vous vom 12.09.2014

«Unser Leben ist arbeiten»

«Unsere Leute haben einen schwierigen Start in der Schweiz. Wenn wir ankommen, wissen wir nicht, wo wir eine Wohnung oder Arbeit finden können. Da kann ich helfen.»

Seinen Landsleuten in der Schweiz zu einem Job zu verhelfen, sei besonders wichtig: Arbeit geniesse in Eritrea einen besonderen Stellenwert: «Wir sind uns von klein auf gewohnt, zu arbeiten. Unser Leben ist Arbeiten.»

Am Anfang per Definition sozialhilfeabhängig

Eritreer definieren sich quasi über Arbeit. Allerdings sind über 90 Prozent der Eritreer in Zürich nach Angaben des Kantons auf Sozialhilfe angewiesen. Corinne Widmer von der Zürcher Asyl-Fachorganisation AOZ erklärt: Das liege daran, dass viele Eritreer erst seit Kurzem hier seien. «Zu Beginn sind Asylsuchende quasi per Definition sozialhilfeabhängig und dürfen nicht arbeiten. Danach braucht der Weg in die Selbstständigkeit seine Zeit.»

Eritreer bleiben unter sich

Arbeitslosigkeit behindert eine rasche Integration. Hinzu komme die eritreische Familienkultur, sagt Toni Locher. Er ist Honorarkonsul f¨r Eritrea in der Schweiz und engagiert sich seit vielen Jahren vor Ort in einem Hilfswerk. Als Familienmenschen fühlten sich Eritreer in der Schweiz oft verloren, erklärt er. «Sie finden den Zugang zu den Schweizern nicht so recht. Sie verkehren dann oft nur mit den eigenen Landsleuten, bleiben unter sich und lernen kein Deutsch.»

Umso wichtiger seien Schlüsselpersonen wie Tesfom Tekeste, die ihre Landsleute motivierten, Deutsch zu lernen. Tesfom Tekeste beobachtet selber: «Unsere Leute sprechen sehr schlecht Deutsch. Das ist ein grosses Problem.»

Deutsch lernen lohnt sich

Vor allem auch Mütter mit kleinen Kindern müssten frühzeitig Deutschkurse besuchen können, sagt Widmer. Und das lohne sich: Zumal unter den eritreischen Asylsuchenden viele Familien oder junge Personen seien, die mit einer Asylgewährung oder einer vorläufigen Aufnahme rechnen dürften. «Konkret heisst das, die meisten Eritreer haben eine langfristige Perspektive hier in der Schweiz.»

Über 90 Prozent der Personen aus Eritrea, die in der Schweiz ein Asylgesuch stellen, dürfen auch hier bleiben. Im laufenden Jahr ersuchten bereits deutlich über 3000 Eritreer um Asyl in der Schweiz. Honorarkonsul Locher, dem Kritiker eine zu grosse Nähe zum Regime vorwerfen, sieht eine Grenze erreicht: «Das Problem ist, dass alle Behörden überfordert sind. Es kommen zu viele Flüchtlinge. Man muss das Problem vor Ort in Eritrea lösen.»

«Ich will zurück in mein Land»

Hilfe in Eritrea – statt Integrations- und Deutschkurse in der Schweiz: Tesfom Tekeste hingegen, der vor über einem Jahrzehnt vor dem Krieg und dem Regime flüchtete, möchte nicht zurück: Die Lage in Eritrea ist ihm momentan noch zu unsicher. «Ich möchte zurück in mein Land. Ich muss zu meiner Familie dort schauen. Momentan ist es dort aber zu gefährlich. Sobald es die politische Situation zulässt, will ich aber gehen.»

Wie schnell das geht, ist ungewiss: Der Grenzkonflikt mit dem Nachbarland Äthiopien schwelt trotz Friedensabkommen seit 14 Jahren weiter. Und vor dem eritreischen Militärdienst, dem «National Service», der oft unbegrenzt lange dauert, fliehen seit bald zwei Jahrzehnten jährlich Tausende aus dem Land im Nordosten Afrikas.

(heis;brut)