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Sprachgleichheit für Gehörlose Bundesrat will Gebärdensprachen ohne neues Gesetz fördern

  • Der Bundesrat will die drei in der Schweiz genutzten Gebärdensprachen über eine Ergänzung des Behindertengleichstellungsgesetzes gesetzlich anerkennen.
  • Die Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrates (WBK-N) möchte allerdings die Anerkennung der Gebärdensprache in ein eigenes Gesetz giessen.
  • Für eine rechtliche Anerkennung der Gebärdensprachen kämpft der Schweizerische Gehörlosenbund seit 40 Jahren.
Video
Aus dem Archiv: Gebärdensprache in der Schule
Aus Signes in Gebärdensprache vom 30.01.2021.
abspielen. Laufzeit 29 Minuten 22 Sekunden.

Der Bundesrat will die drei in der Schweiz genutzten Gebärdensprachen über eine Ergänzung des Behindertengleichstellungsgesetzes gesetzlich anerkennen. In diesem Sinne hat er sich für die Annahme einer Motion der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur des Nationalrates (WBK-N) ausgesprochen. Die Kommission plädiert allerdings für die Anerkennung der Gebärdensprache in einem eigenen Gesetz.

Was sind Gebärdensprachen?

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Die Gebärdensprache ist eine visuell wahrnehmbare Sprache, die vor allem von hörbehinderten Menschen verwendet wird. Es gibt weltweit über 130 verschiedene Gebärdensprachen. Die Sprachen setzen sich aus Gestik, Gesichtsmimik, Mundbild und Körperhaltung zusammen. Diese Elemente werden zu Sätzen und Satzfolgen kombiniert. Die einzelne Gebärde kann dabei gleich mehrere bedeutungstragende Elemente aufweisen.

Von den Gebärdensprachen abzugrenzen sind sogenannte manuelle Kodierungssysteme wie das Fingeralphabet oder auch die gebärdenunterstützte Kommunikation (GUK).

Dies hatte sie Anfang April mit 17 zu 7 Stimmen beschlossen. Gesetzlich regeln will die WBK-N neben der Anerkennung und Förderung der Gebärdensprachen insbesondere die Chancengleichheit, etwa betreffend Information, Kommunikation, politische Mitwirkung, Dienstleistungen, Kultur, Bildung, Arbeit und Gesundheit.

Eine rechtliche Anerkennung der Gebärdensprachen ist ein Anliegen des Schweizerischen Gehörlosenbundes. Er wünscht sich ein eigenes Gesetz, denn nur ein Gebärdensprachegesetz werde es ermöglichen, die Gebärdensprache und die Kultur von gehörlosen Menschen anzuerkennen. Anders sieht dies der Bundesrat in seiner grundsätzlich zustimmenden Antwort auf die Motion der WBK-N.

Bundesrat fürchtet finanzielle Auswirkungen

Der Bundesrat sei bereit, die gesetzliche Anerkennung der Gebärdensprache an die Hand zu nehmen, schreibt er entsprechend in seiner Antwort auf den Vorstoss. Allerdings will er dafür nur das Behindertengleichstellungsgesetz ergänzen, dies, «um die Kohärenz des Behindertengleichstellungsgesetzes zur gewährleisten».

Dies würde es laut der Landesregierung erlauben, auf die bereits bestehenden gesetzlichen Bestimmungen zur Förderung der Gleichstellung von gehörlosen Menschen zu verweisen. Diesen Weg schlägt der Bundesrat vor, weil er keine personellen und finanziellen Auswirkungen hätte. Eine weitergehende Förderung der Gebärdensprache würde dagegen erhebliche personelle und finanzielle Mittel benötigen, «die nicht vorhanden sind und zur Verfügung gestellt werden müssten».

Steter Tropfen höhlt den Stein

So will der Bundesrat davon absehen, die Gebärdensprachen als offizielle Landessprachen anzuerkennen. Die Anerkennung sei keine zwingende Voraussetzung, um die soziale Teilhabe von hörbehinderten und gehörlosen Menschen weiter zu fördern und zu verbessern, schrieb er in einem im September 2021 veröffentlichten Bericht.

Rund 10'000 gehörlose Menschen in der Schweiz benutzen laut dem Bundesrat eine der drei schweizerischen Gebärdensprachen als Erstsprache: die Deutschschweizer Gebärdensprache, die Langue de signes française und die Lingua dei segni italiana. Seit vierzig Jahren setzen sich die Gehörlosen aktiv für die Anerkennung und Förderung ihrer Sprache ein. Als erster Rat wird sich der Nationalrat mit der Motion der WBK-N befassen.

SRF News, 27.05.2022, 12:00 Uhr;

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9 Kommentare

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  • Kommentar von SRF News (SRF)
    Guten Abend liebe Community, wir schliessen hier nun die Kommentarspalte. Liebe Grüsse und einen schönen Samstagabend, SRF News
  • Kommentar von Dorothee Meili  (DoX.98)
    Bin sehr einverstanden mit dem vernünftigen, pragmatischen Vorgehen vom BR. Kürzlich bekam ich mit, wie sich Menschen mit eingeschränktem Hörvermögen (es waren keine vollständig Gehörlose darunter) unterhalten haben, wie sie sich französisch/deutsch gut verständigen könnten; eben über die Unterschiede in den jeweiligen Landessprachen hinweg. Ausserdem entwickelt sich wohl die Gebärdensprache weiter, ist dynamisch. Auch die Medizin, die Entwicklung von Hilfsmitteln, HilfsOPs...entwickelt sich
  • Kommentar von Cynthia Meister  (Cyn)
    Ich finde, was der BR will der vernünftigere Weg. Es sind, laut Bericht, 10‘000 Menschen, also 1% der Bevölkerung. Zudem ist Gehörlosigkeit nicht in der Gesellschaft„gewachsen“, wie die vier gesprochene Sprachen. Gehörlos wird man durch ein gesundheitliches Problem und sie wird unter normalen Umständen nicht vererbt. Und der medizinische Fortschritt lindert und hilft immer mehr, als früher mögliche war.
    1. Antwort von Urs Müller  (Jackobli)
      Nur so zum Verhältnis, Bündnerromanisch sprechen gem. Volkszählung 2000 auch nur rund 60‘000 Menschen.
      Es gibt auch angeborene Gehörlosigkeit, auch wenn diese nicht direkt vererbt wird.
    2. Antwort von Cynthia Meister  (Cyn)
      @Jackobli
      Rätoromanisch: Ja, und die Frage wird immer wieder geäussert, ob man das finanziell so stark unterstützen soll.
      Angeboren: Ja, klar. Aber meistens liegt es an ein gesundheitliches Problem der Mutter oder eine Fehlentwicklung des Kindes. Die Taubheit ist nicht ein im Volk „gewachsenes“ Problem. Deshalb soll das m.M.n. keine „Landessprache“ werden.
      Die Blindenschrift kommt in der Öffentlichkeit verbreitet vor (sogar auf Geldnoten), ist aber keine Landessprache.
    3. Antwort von Dorothee Meili  (DoX.98)
      Urs Müller: wenn wir Landessprache als das, was in einer Region gewachsen ist, weiterhin gepflegt wird definieren, kann alles, was dazukommt, nicht als "Landessprache" bezeichnet werden. Auch nicht jede "Mundart". Taube Menschen (sagen wir jetzt z.B. vollständig Gehörlose, wie etwa "Usher") lernen vom ersten Augenblick an eine ganz eigene Kommunikation, eine eigene "...art": Berührung, Gestik, Mimik und dann immer noch Ablesen (eventuell in einer Landessprache). Die Gebärdensprache kommt dazu