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Halbierung der Fallzahlen alle zwei Wochen: Schweiz erreicht Ziel nicht
Aus SRF 4 News aktuell vom 04.12.2020.
abspielen. Laufzeit 04:34 Minuten.
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Stagnation auf hohem Niveau Schweizer haben zu viele Kontakte für sinkende Fallzahlen

Eine Halbierung der Fallzahlen alle zwei Wochen schafft die Schweiz nicht. Grund seien die Kontakte, sagt Tanja Stadler von der Taskforce.

Beunruhigend sei die aktuelle Situation, sagte Gesundheitsminister Alain Berset am Donnerstag. Denn: Erstmals seit Wochen sinken die Fallzahlen gesamtschweizerisch nicht mehr, sie stagnieren auf hohem Niveau, und in einigen Kantonen steigen sie sogar wieder. Vom eigentlichen Ziel, dass sich die Fallzahlen alle zwei Wochen halbieren, ist die Schweiz weit entfernt.

«In Teilen der Romandie haben wir weiterhin eine Abnahme der Fallzahlen», bestätigt Tanja Stadler, sie ist Biostatistikerin an der ETH Zürich und erforscht die Verbreitung des Coronavirus. «Aber ausserhalb der Romandie haben wir in der Tat nur noch eine Stabilisierung.» Ihre Erklärung dafür lautet: «Wir alle haben zu viele Kontakte, als dass die Zahlen sich reduzieren würden.»

Ist das ursprüngliche Ziel also überhaupt noch erreichbar mit dem eingeschlagenen Weg? «Momentan sehe ich das als nicht sehr realistisch», sagt Stadler, die auch Mitglied der Corona-Taskforce des Bundes ist. «Zu Beginn haben wir schweizweit eine Halbierung alle zwei Wochen gesehen.»

Der Grund dafür sei gewesen, dass in der Romandie die Zahlen sehr schnell gefallen sind. Man habe die Hoffnung gehabt, dass auch in der Deutschschweiz eine entsprechende Dynamik einsetze. «Aber momentan sieht es leider wirklich gar nicht danach aus.»

Was tun bis Weihnachten?

Auf die Frage, was es aus epidemiologischer Sicht brauche, um bis Weihnachten eine radikale Senkung der Fallzahlen in der Schweiz zu erreichen, sagt Stadler ganz klar: «Kontakte so weit es geht in Innenräumen reduzieren. Und wenn wir dort Kontakte haben, dann mit Abstand, Maske und regelmässigem Lüften.» Denn jeder Kontakt erhöhe die Wahrscheinlichkeit, dass man sich infiziere.

Das Problem: Diese Regeln galten auch schon vorher. Bräuchte es jetzt, da die Zahlen wieder stagnieren, schärfere Massnahmen? «Es ist immer das Zusammenspiel von Massnahmen und wie wir sie alle umsetzen.» Man müsse nun einen Weg finden, sodass die Massnahmen, die wir haben, «wirklich auch von der Gesellschaft akzeptiert und umgesetzt werden», so Stadler.

«In der ersten Welle hat es eigentlich sehr, sehr gut funktioniert. Wir hatten noch einen relativ lockeren Lockdown, und dennoch hatten wir mit die schnellste Senkung der Fallzahlen im europaweiten Vergleich», erinnert sie sich. Viele Länder hätten ja Ausgangssperren verhängt. Strengere Massnahmen bedeuten demnach nicht, dass die Zahlen schneller fallen, sondern «wir müssen wirklich die richtige Kombination für uns finden».

Sie gibt aber zu bedenken: «Wenn in der Schweiz die Zahlen momentan stagnieren, dann auf einem sehr, sehr hohem Niveau.» Die Intensivstationen sind voll, die Todeszahlen sehr hoch. «Wenn die Zahlen jetzt wieder anfangen zu steigen, dann haben wir keinen Spielraum mehr, um zu reagieren. Das heisst, es ist einfach wichtig, die Zahlen erstmal nach unten zu bringen.»

Tanja Stadler

Tanja Stadler

ETH-Professorin am Departement für Biosysteme

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Die Mathematikerin Tanja Stadler ist Professorin am Departement für Biosystems Science und Engineering an der ETH. Sie entwickelt Methoden, um die Ausbreitung von Virus-Epidemien zu berechnen.

SRF 4 News, 04.12.2020, 10:05 Uhr;

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157 Kommentare

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  • Kommentar von Christoph Coltellino  (coltellino)
    Ich denke, soziale Bedürfnisse, aber auch sozialer Druck spielen eine grosse Rolle. Ich zum Beispiel bin bereit, Weihnachten halt aus Distanz, per Videotelefonie etc. zu feiern, auch wenn das ein Verzicht ist. Das heisst aber, andere in meiner Familie zu enttäuschen, die zwar vorsichtig, aber doch mit mehr als 2 Haushalten zusammen feiern wollen. In erster Linie zeigt mir das, was für eine grosse Rolle der Druck durch das Unfeld (Familie, Kumpel in der Stammbeiz, Freunde, Kollegen, etc) spielt.
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  • Kommentar von Alex Borer  (abo2018)
    Warum erstaunt es, dass die Fallzahlen nach den letzten Massnahmen des Bundesrats nur in der Westschweiz stark gefallen sind? Weil sie dort zuvor übermässig stark gestiegen sind und lediglich eine statistische Normalisierung stattfand. Es war klar, dass sie deshalb in der Deutschschweiz nicht im selben Ausmass fallen konnten. Logik, nicht falsche Hoffnungen.
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    1. Antwort von Stephan Dietiker  (slowdown)
      Alex Borer
      Sie haben Recht mit der Aussage, dass in der Romandie die Fallzahlen überproportional anstiegen gegenüber der Rest-CH - wieso auch immer.

      Aber nur mit den Massnahmen des Bundesrats wären die Zahlen dort nicht so schnell mehrheitlich unter den CH-Schnitt der Inzidenz gefallen. Mit den rund 30% Reduktion der übrigen CH von KW44-48 hätten wir vermutlich bis weit in den Januar auf dieses Niveau in der Romandie warten können.

      Es ist NICHT lediglich eine statistische Normalisierung!
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  • Kommentar von Patrik Müller  (P.Müller)
    Ganz einfach: Schaffen wir Weihnachten und Neujahr ab, dann haben wir das Problem gelöst!
    Mit all der Kurzarbeitenden, den Arbeitslosen etc. braucht bald die halbe Schweiz ja eh nicht auch noch Ferien. Ich schlage cor wir verschieben unsere ferien, Urlaube und Feiern alle auf "nach Corona" und machen dann alle usammen 2 Monate Bundesfeier. Schild an der Grenze: "Wegen Ferien bis auf weiteres geschlossen!"
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