Stirbt der Lokführer-Beruf aus?

Selbstfahrende Züge kommen – auch in der Schweiz. Bereits werden sie auf geschlossenen Strecken – wie am Flughafen Zürich – eingesetzt, bald wohl auch auf offener Strecke. Diese Entwicklung wird den Beruf des Lokomotivführers stark verändern.

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Südostbahn will selbstfahrende Züge

1:58 min, aus Schweiz aktuell vom 20.9.2016

Selbstfahrende Züge sind in der Eisenbahn-Branche ein heiss diskutiertes Thema. Das bestätigt auch ETH-Professor Roland Siegwart. Er setzt sich sowohl mit selbstfahrenden Zügen wie auch mit vollautomatisierten Autos auseinander: «Alle Bahnhersteller sind daran, dies umzusetzen», sagt er. Auch die Bahnbetreiber seien an der Selbstfahrtechnik interessiert.

Zurückhaltung bei den Akteuren

Noch aber wollen sich viele Beteiligte nicht in die Karten blicken lassen. Stadler Rail zum Beispiel entwickelt derzeit eine führerlose U-Bahn für Glasgow und intern arbeitet man intensiv am Thema. Allerdings sei noch zu früh, um Details preiszugeben, heisst es off the record.

Noch zurückhaltender gibt sich die SBB: Aktuell seien führerlose Züge kein Thema, sagt der Pressesprecher. Und es gebe dazu auch keine Pilotprojekte. Dass das so nicht stimmt, wird klar, wenn man Thomas Küchler hört, den CEO der Südostbahn. Er will in zwei drei Jahren zwischen St. Gallen und Luzern ein Pilotprojekt starten: «Wir sind mit unseren Partnern, auch der SBB, daran, dieses Projekt voranzutreiben.»

Ein rot-weisser Zug fährt aus dem Gotthard-Tunnel heraus. Bild in Lightbox öffnen.

Bildlegende: Die neue Gotthard-Basisstrecke gehört zu den bereits jetzt praktisch automatisch fahrbaren Abschnitten. sbb

Wie reagieren die Passagiere?

Die Zurückhaltung bei der SBB dürfte vor allem mit der Akzeptanz bei den Fahrgästen zusammenhängen. Das sieht auch ETH-Professor Siegwart so: «Ich weiss nicht, ob die Leute glücklich sind, wenn sie in Züge einsteigen müssen, die ohne Lokomotivführer fahren.»

Rein technisch ist man von den selbstfahrenden Zügen nicht mehr weit entfernt. Selbstfahrende Züge sind viel schneller zu verwirklichen als selbstfahrende Autos, so die übereinstimmende Meinung von verschiedenen Fachleuten. Und auf verschiedenen Strecken haben die Lokführer der SBB bereits heute nicht mehr viel zu tun, wie Signalfachmann Godot Gröner von Signalplan AG ausführt.

Beispiele dafür seien die Neubaustrecke zwischen Bern und Olten, der Lötschberg-Basistunnel sowie der neue Gotthard-Basistunnel. Hier wäre eine Umstellung auf automatisches Fahren bereits problemlos möglich, sagt Gröner. Auch bauen die SBB die Grundlage dafür, das europäische Zugkontrollsystem ETCS, stetig weiter aus.

Mehr Sicherheit dank Automatisation?

Auch für den Fall der Fälle, wenn etwa bei der Einfahrt eines Zuges in einen Bahnhof jemand auf die Geleise fällt, seien selbstfahrende Züge gegenüber einem Lokführer nicht im Nachteil. «Die technischen Systeme können wenigstens schneller reagieren», sagt Professor Siegwart.

Und so sei es durchaus möglich, dass automatische Lokomotiven, ausgerüstet mit zahlreichen Sensoren, sicherer unterwegs wären als von Hand gesteuerte Loks. Wenn die Bahnkunden das einmal realisiert hätten, dann wachse die Akzeptanz der führerlosen Züge schnell, ist er überzeugt.

«  Wer heute als junge Person den Beruf erreicht, kann nicht damit rechnen, auch als Lokführer pensioniert zu werden. »

Peter Moor
Eisenbahnerverband

Für Peter Moor von der Gewerkschaft der Verkehrspersonals SEV ist denn auch klar, dass es keine Frage sei, ob die automatisierte Bahn komme: «Die Frage ist, wann sie kommt.» Das habe massive Auswirkungen auf den Beruf des Lokführers: «Wer heute als junge Person den Beruf erreicht, kann nicht damit rechnen, auch als Lokführer pensioniert zu werden.»

Trotzdem wäre es zu früh, den Beruf des Lokführers jetzt schon abzuschreiben. Denn die Automatisierung muss sich für die Bahnen auch rechnen. Es kommt also darauf an, wie teuer die neuen Systeme sein werden, die automatisches Fahren auch auf offenen Strecken möglich machen.

Stufenweise Automatisierung

Zudem wird der Beruf des Lokführers derzeit immer anspruchsvoller. Die Bahnen hätten grosse Mühe, überhaupt noch genügend geeignete Leute zu finden, sagt Küchler von der Südostbahn. Er glaubt, dass ein automatisches System es erlauben würde, «gewisse Aufgaben mit etwas weniger gut qualifizierten Leuten ausführen könnten».

Es ist also gut möglich, dass die Züge auf dem Schweizer Schienennetz in den nächsten Jahren zwar zunehmend selbstfahrend unterwegs sind, der Beruf des Lokführers aber trotzdem nicht so schnell verschwindet.