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Kinderarzt: «Kinder sind nicht die Treiber der Pandemie»
Aus SRF 4 News aktuell vom 11.05.2020.
abspielen. Laufzeit 11:22 Minuten.
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Tiefe Fallzahlen bei Kindern «Ich schicke meine Kinder mit einem guten Gefühl zur Schule»

Ist es aus medizinischer Sicht richtig und sinnvoll, jetzt wieder in die Schule zu gehen, obwohl das Coronavirus nicht besiegt ist? Marc Sidler, Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte in der Praxis, sagt Ja.

Marc Sidler

Marc Sidler

Facharzt für Kinder- u. Jugendmedizin

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Marc Sidler ist Präsident des Berufsverbandes der Kinder- und Jugendärzte, Oberarzt für Gastroenterologie am Universitäts-Kinderspital beider Basel (UKBB, Link öffnet in einem neuen Fenster) und betreibt eine eigene Praxis.

SRF News: Sie selber haben drei Kinder zwischen 11 und 17 Jahren. Schicken Sie sie mit einem guten Gefühl in die Schule?

Marc Sidler: Ja, ich schicke meine zwei Kinder, die ab heute gemäss der Verordnung des Bundesrates wieder schulpflichtig sind, also der 11-jährige Sohn und die 14-jährige Tochter, mit einem guten Gefühl zur Schule.

Dann ist es richtig, unter den gegebenen Umständen an den obligatorischen Schulen wieder mit Präsenzunterricht zu beginnen?

Aus meiner Sicht ist es richtig, dass Kinder heute wieder zur Schule gehen können. Dies basierend auf den Fallzahlen von Kindern und Jugendlichen und dem gegenwärtigen Stand des Wissens. Kinder sind sehr selten infiziert und infizierte Kinder sind – das scheint mir fast noch wichtiger – selten Indexpersonen für die Weiterverbreitung des Virus, also nicht die sogenannten Treiber der Pandemie.

Dazu gibt es unterschiedliche Meinungen. Der Virologe Christian Drosten in Deutschland sagt, es sei nicht sicher, ob Kinder das Virus nicht doch weitergeben. Was sagen Sie dazu?

Dazu müssen wir uns nochmals genauer die Fallzahlen von Kindern und Jugendlichen bis 14, 15 Jahre anschauen. Und diese sind in der Schweiz tatsächlich sehr niedrig. Wir zählen pro Altersjahr in der Bevölkerungsgruppe bis zu den 14-Jährigen maximal 20 Infizierte.

Die Eltern hatten das Virus zuerst.

Das heisst, das sind weit unter einem Prozent aller an Covid-19 erkrankten Personen in der Schweiz. Ein weiterer wichtiger Punkt ist: In verschiedenen Ländern, etwa in Australien, in den Niederlanden, aber auch in Schweden, gibt es Studien, die die Annahme unterstützen, dass Kinder die Pandemie in der Schule nicht unterhalten.

Ich kann auch eine persönliche Erfahrung hinzufügen: In den letzten acht Wochen, in denen ich mit Kindern zu tun hatte, die infiziert waren, war keines eine Indexperson, sondern sie wurden alle von ihren Eltern angesteckt. Die Eltern hatten das Virus zuerst.

Ist das nicht gerade deswegen so, weil die Kinder die letzten Wochen zuhause bleiben mussten und die Eltern arbeiten gegangen sind?

Das würde ich nicht so sagen. Natürlich, im Verlauf der nächsten Wochen müssen wir sehr genau beobachten, ob es jetzt tatsächlich dazu kommt, dass sich mehr Kinder anstecken. Deshalb hat das BAG auch die Kriterien für die Tests ausgeweitet. Ich gehe wegen der sehr tiefen Fallzahlen bei Kindern nach wie vor davon aus, dass sie nicht die Treiber der Pandemie sein werden oder nie waren.

Diese Erkenntnisse basieren aber doch auf dem Umstand, dass die Kinder in den letzten Wochen zuhause geblieben sind.

Was wir wissen von Studien und Beobachtungen aus anderen Ländern, die ich erwähnt habe: In Schweden zum Beispiel gingen die Schulen nie zu, und die unter 20-Jährigen haben sich deswegen nicht häufiger angesteckt als bei uns.

Das Gespräch führte Claudia Weber.

SRF 4 News, 11.05.2020, 06:15 Uhr;

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10 Kommentare

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  • Kommentar von Korina Graf  (Kory)
    Die viel zitierten „Schweden „ kann ich schon nicht mehr hören, die Bevölkerungsdichte in Schweden ist 23 Personen pro Quadratkilometer, bei uns 207 , denke das ist schon ein Unterschied.
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Vielleicht erstaunt es nur so sehr, dass ihre Strategie mehr oder weniger zu funktionieren scheint, wenn man sich die politisch einflussreichen Modellierungen genauer angesehen hat. Gibt aber auch bemerkenswerte Details: Die Hälfte der Todesfälle in Stockholm waren in Alters- und Pflegeheimen - hätte man diese wirkungsvoll geschützt, sähe es nochmals deutlich besser aus. Die Zahlen steigen linear und die Kurven scheinen schon wieder langsam zu sinken. Das sind sehr gute Zeichen, auch für uns.
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    2. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Bei einem Vergleich muss man zudem die räumliche Distanz zu den „Epizentren“ wie Norditalien oder Ischgl beachten. Auf dem Papier ist es logisch, dass die Schweden weniger drastische Massnahmen brauchten, um die Zahl von Neuinfektionen in behandelbarem Rahmen zu halten. Lernen kann man aus allen Beispielen, aber wenn man Äpfel mit Birnen vergleicht, muss diese Differenz in den Vergleich einfliessen.
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    3. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Diese Distanz ist der grosse Unterschied - nur dass sich die Lage dort jetzt auch beruhigt hat. Man müsste auch genauer hinsehn, was in den Städten passiert. Ich bin nur einfach sehr erstaunt und auch beruhigt, da ich mich mit den Implikationen des exponentiellen Wachstums beschäftigt (d. h. gerechnet) und mir grosse Sorgen gemacht hatte, als ich die Todesfälle steigen sah. Wenn der lineare Anstieg nur mit Pro-Kopf-Kilometern zu erklären wäre, wäre ich nicht weniger beruhigt.
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  • Kommentar von Arnold Weiss  (A.Weiss)
    Für mich persönlich die richtige Entscheidung, die Kinder wieder in die Schule zu schicken. Allerdings ist es in diesen Zeiten sehr schwierig abzuschätzen, was denn nun die richtige Entscheidung ist. Auf der einen Seite sehen wir Schweden, welches praktisch ohne Massnahmen mit einem blauen Auge davongekommen sind. Auf der anderen Seite sehen wir Norditalien oder New York, welche trotz Lockdown enorm viele Tote beklagen. (Man stelle sich nur vor, diese Regionen hätten gar keinen Lockdown gehabt)
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    1. Antwort von Marc Schlatter  (Marc Rafael)
      Hätten die USA keinen Lockdown gehabt, dafür etwas früher auf die Warnungen gehört und angemessen informiert, hätte sich die Risikogruppe viel besser in Acht nehmen können. Dasselbe in UK. Für Italien geht eine Studie von 26'000 Infektionen für den Zeitpunkt aus, wo 150 bestätigt waren. Und China hätte der Welt vermutlich viel erspart, hätte man von Anfang an transparent informiert. Z. B. ging man von einer Letalität von 1-2 aus, vermutlich sind es ca. 0,3, oder von R(0): 4-5 - jetzt ca. 2,4.
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    2. Antwort von Florian Kleffel  (Hell Flodo)
      Schweden hatte zum Zeitpunkt, als Sie einfache Massnahmen wie Händewaschen propagierten, einen zeitlichen Vorsprung auf uns. Sie können nur vergleichen, wenn Sie auch alle Umstände in den Vergleich mit einfliessen lassen.
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  • Kommentar von Reto Derungs  (rede)
    Danke für den guten Beitrag. Es ist erfreulich, dass Marc Sidler offensichtlich mit beiden Beinen auf den Boden steht und vernunftgesteuert ist. Neben Schweden dient Dänemark auch als gutes Beispiel. Da wurden die Schulen nach Ostern wieder geöffnet und die Fallzahlen gehen ebenfalls weiter zurück. Man kann also davon ausgehen, dass die Öffnung der Schulen in keiner Art und Weise eine Gefahr darstellt. Ich finde in diesem Fall das Vorgehen des Bundesrates genau richtig.
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    1. Antwort von Susanne Saam  (Biennoise)
      Reto Derungs, ich schliesse mich Ihrem Dank an. Und füge noch etwas an: ich vertraue auch auf die Kinder, sie sind lernfähig, motiviert und wer je mit Kindern gearbeitet hat, weiss, wie ernsthaft und vernünftig sie sich verhalten können, wenn ihnen der Sinn/Grund von Massnahmen altersgerecht vermittelt wird. Deshalb vertraue ich auch auf die Lehrpersonen - das kommt gut!
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