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Tod nach Flucht vor Polizei Lausanne: Ein stiller Marsch für Marvin als Kontrapunkt

  • Rund 800 Menschen haben am Samstag in Lausanne an einem Schweigemarsch für den tödlich verunfallten 17-Jährigen Marvin teilgenommen.
  • Dieser war vor einer Woche auf der Flucht vor der Polizei auf einem Roller ums Leben gekommen.

 «Danke, dass ihr friedlich marschiert», sagte der Onkel des jungen Mannes über das Mikrofon, bevor sich der Demonstrationszug in Bewegung setzte. Dieser führte vom Viertel Borde zum Unfallort im Stadtteil Prélaz.

Auch der Vater von Marvin richtige Worte an die versammelten Trauernden.
Legende: Auch der Vater von Marvin richtet Worte an die versammelten Trauernden. Keystone/SALVATORE DI NOLFI

Die Teilnehmenden – unter ihnen viele Jugendliche – waren weiss gekleidet und trugen T-Shirts mit einem Foto des Verstorbenen. Einige hielten Schilder mit der Aufschrift «Ich liebe dich, kleiner Bruder» oder «Die Zeit wird dein Lächeln nie auslöschen» in die Höhe.

Friedlicher Kontrapunkt

«Es ist ein Kontrapunkt zu dem, was wir Anfang Woche erlebt haben», sagt SRF-Korrespondent Philippe Reichen vor Ort. Es sei sehr still gewesen, sagt Reichen weiter. Alles sei friedlich verlaufen und die Polizei sei nur sehr spärlich präsent gewesen.

Hunderte versammeln sich in Lausanne am Jahrestag von «Nzoys» Tod

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Mehrere Hundert Menschen haben sich am Nachmittag in Lausanne zum vierten Jahrestag des Todes von Roger «Nzoy» Wilhelm versammelt. Der dunkelhäutige Zürcher war am Bahnhof von Morges von Polizeikugeln getötet worden.

Von 16 bis 21 Uhr waren auf der Place du Château in Lausanne nicht weniger als fünf Konzerte geplant. Die Künstler traten auf einer Bühne auf, die vor drei Porträts von «Nzoy» und neben einem Schild mit der Forderung «Gerechtigkeit für Nzoy» errichtet worden war. Zwischen den Auftritten sollten Redebeiträge der verschiedenen Kollektive gegen Polizeigewalt stattfinden.

Im Publikum wurden Schilder aufgestellt, auf denen unter anderem «Black lives matter» und «Keine Solidarität, keine Gnade mit kriminellen Polizisten» zu lesen war. Parallel dazu fand in Zürich eine Demonstration für «Nzoy» statt.

Der Fall von Roger Wilhelm, genannt «Nzoy», einem 37-jährigen Zürcher südafrikanischer Herkunft, der am 30. August 2021 auf einem Bahnsteig des Bahnhofs Morges durch die Kugeln eines Beamten fiel, hat in den letzten Monaten mehrere Wendungen genommen.

Im November 2024 hatte die Staatsanwaltschaft den Fall eingestellt, da sie der Ansicht war, dass der Polizist, der den tödlichen Schuss abgegeben hatte, in Notwehr gehandelt hatte. Der Anwalt der Familie des Opfers hatte jedoch das Waadtländer Kantonsgericht angerufen, das im Mai dieses Jahres die Wiederaufnahme der Ermittlungen beschloss.

Am vergangenen Montag widerlegte ein Bericht, der von der Forschungs- und Ermittlungsagentur Border Forensics in Zusammenarbeit mit der unabhängigen Kommission zum Tod von «Nzoy» erstellt worden war, die These von der Notwehr der Polizisten. Vielmehr sei «Nzoy» auf der Flucht gewesen. (SDA)

Vor der Grabkapelle von Saint-Roch, wo die Leiche des Teenagers aufgebahrt ist, legten die Teilnehmer eine Schweigeminute ein und gingen dann friedlich zur Mauer in Prélaz, dem Schauplatz des Unfalls, wo sie ihm die letzte Ehre erwiesen.

Ausschreitungen und Sachbeschädigungen

Der 17-jährige Schweizer mit Wohnsitz in Lausanne war auf der Flucht vor einer Polizeipatrouille mit einem Roller heftig gegen eine Mauer geprallt und dabei um Leben gekommen. Der Roller war als gestohlen gemeldet, wie die Waadtländer Kantonspolizei später mitteilte.

Danach kam es im Stadtteil Prélaz während zwei Nächten zu Ausschreitungen. Zwischen 100 und 200 Menschen versammelten sich an beiden Abenden in der Nähe des Unfallortes.

Trauer in Weiss.
Legende: Trauer in Weiss. Keystone/SALVATORE DI NOLFI

Es kam zu Sachbeschädigungen, Mülltonnen wurden in Brand gesetzt, und die Polizei wurde unter anderem mit pyrotechnischen Gegenständen beworfen. Die Polizei reagierte mit Tränengas und setzte einen Wasserwerfer ein. Verletzte gab es laut Polizeiangaben nicht.

Erste Erkenntnisse veröffentlicht

Aufgrund der angespannten Lage in Lausanne veröffentlichte die Waadtländer Staatsanwaltschaft bereits am Dienstag erste Erkenntnisse der Ermittlungen zum Unfallhergang. Demnach geht sie davon aus, dass der Jugendliche auf der Flucht vor der Polizei die Kontrolle über sein Fahrzeug verlor.

Das Polizeiauto habe ihn gemäss Zeugenaussagen in «erheblichem Abstand» verfolgt. Es habe zum Zeitpunkt des Unfalls keinen Kontakt zwischen den beiden Fahrzeugen gegeben. Zudem habe der jugendliche Rollerfahrer einen Helm getragen, hiess es.

SRF 4 News, 30.08.2025: 14:30 Uhr ; 

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