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Trächtige Kühe im Schlachthof: Strafe für fehlbare Bauern
Aus Espresso vom 29.11.2019.
abspielen. Laufzeit 11:49 Minuten.
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Trächtige Kühe im Schlachthof «Niemand will ein junges Tierli so aufgeben»

Die Einführung einer Deklarationspflicht vor drei Jahren hat nichts gebracht: Nach wie vor sterben jährlich 2500 trächtige Kühe in Schweizer Schlachthöfen, ihre ungeborenen Kälber verenden qualvoll.

Die Branche zeigt sich einsichtig und will nun für jede Schlachtung einer trächtigen Kuh eine Gebühr von 100 Franken erheben. Von der Gebühr ausgenommen sind nur Fälle, in denen Tiere aus einer Not heraus abgetan werden – etwa, wenn die Kühe verletzt oder krank sind.

Wie kann es überhaupt so weit kommen, dass trächtige Tiere geschlachtet werden? Und reicht eine Gebühr von 100 Franken aus, um dem Leid von Kühen und Kälbern ein Ende zu bereiten? Experten sind sich uneins.

Der Bauernpräsident

Bauernpräsident Markus Ritter zeigt Verständnis für die Landwirte. Ihmzufolge kommt es unter anderem im Rahmen der Mutterkuh-Haltung zum besagten Problem. «Da läuft oft der Stier mit. Und so kann es auch zu einer Trächtigkeit kommen, wo man sie nicht erwartet hat.» Es sei aber unbestritten, «dass der Bauer hier aufmerksam sein muss.»

Dass die Branche das Problem mit einer 100-Franken-Gebühr selbst zu regeln versuche, erachtet der Nationalrat (CVP/SG) als sinnvoll und angemessen. «100 Franken sind ein klares Signal. Diesen Betrag möchte ein Bauer am Verkaufspreis keinesfalls verlieren.» Ob die Massnahme indes die notwendige Wirkung zeige, müssten die kommenden Monate zeigen.

Markus Ritter (rechts im Bild) hat Verständnis für die Bauern, die trächtige Kühe schlachten.
Legende: Markus Ritter (rechts im Bild) hat Verständnis für die Bauern, die trächtige Kühe schlachten. Keystone

Die Agronomin

«Kein Verständnis für die Bauern» hat demgegenüber Agronomin Martina Munz. «Der Bauer schlachtet Kühe aus ökonomischen Gründen. Etwa, wenn er in einem trockenen Sommer zu wenig Futter gewinnt und er damit entsprechend weniger Tiere überwintern lassen kann. Da halten ihn hundert Franken Gebühr, die die Branche erhebt, auch nicht davon ab, eine trächtige Kuh zur Schlachtbank zu bringen. Die Busse steht in keinem Verhältnis.»

Das Problem lässt sich nur lösen, wenn die Schlachtung trächtiger Kühe offiziell verboten wird.
Autor: Martina MunzNationalrätin (SP/SH)

Es ginge auch nicht an, dass der Bauer den Notfall definiere. «Das muss ein Tierarzt machen», betont Munz. Angesichts der konstant hohen Zahlen von trächtigen Tieren im Schlachthof überlegt sich die Nationalrätin (SP/SH), sich mit dem Tierschutz in Verbindung zu setzen – «um zu prüfen, ob und wie man eine griffige gesetzliche Anpassung veranlassen könnte.»

Denn Munz ist überzeugt: «Das Problem lässt sich nur lösen, wenn die Schlachtung trächtiger Kühe offiziell verboten wird und die Schlachthöfe Strafanzeige erlassen. Dann hat der Bauer alle Konsequenzen zu tragen – bis hin zu einem Halteverbot.»

Fordert harte Konsequenzen für die Bauern: Agronomin Martina Munz.
Legende: Fordert harte Konsequenzen für die Bauern: Agronomin Martina Munz. Keystone

Der Metzger/Betriebswirtschafter

Nach Ansicht von Nationalrat Mike Egger (SVP/SG) hingegen sind Schuldzuweisungen «fehl am Platz». Man solle nicht bestrafen, was niemand wollen könne, sagt der gelernte Metzger und Betriebswirtschafter: «Ich bin überzeugt. Niemand will ein junges Tierli so aufgeben. Das ist ein Verlust für den Bauer, führt zu Mehrkosten beim Fleischverarbeiter – etwa in der Entsorgung – und wird dem Leben des Tieres an und für sich nicht gerecht.»

Aber sind die Bauern auch imstande, eine Notsituation zu erkennen – die Bedingung, unter der eine Notschlachtung nachvollziehbar ist? «Unsere Bauern haben genug Feingefühl und eine genügend gute Ausbildung, um einen Notfall zu erkennen», ist Egger überzeugt. «Und der Metzger sieht das Tier ja auch noch. Allenfalls im Streitfall könnte man den Tierarzt noch hinzuziehen.»

Der gelernte Fleischfachmann Mike Egger (ganz rechts) traut den Bauern genug Feingefühl zu.
Legende: Der gelernte Fleischfachmann Mike Egger (ganz rechts) traut den Bauern genug Feingefühl zu. Keystone
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22 Kommentare

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  • Kommentar von Michael Stähli  (Mich)
    Ich bin mir sicher das ein grossteil der Tiere erst in einem frühen Stadium der Trächtigkeit sind und das ungeborene Kalb noch kaum als solches betrachtet werden kann, weil noch nicht weit entwickelt.
    KEIN Landwirt hat das Interesse eine hochträchtige Kuh die gesund ist zu schlachten sofern kein Notfall vorliegt.
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    1. Antwort von Denise Casagrande  (begulide)
      Micheal Stähli: dann gäbe es dieses offensichtliche, verantwortungslose Problem gewissenloser LW nicht!
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  • Kommentar von Mark R. Koller  (Mareko)
    Was ich nicht ganz verstehe: Der Bauer lässt seine Milchkuh trächtig werden, bezahlt sogar in den meisten Fällen dafür, und könnte doch, die 9 Monaten abwartend, nicht nur seine Kuh verkaufen, sondern auch noch zusätzlich das junge Kalb. Also zwei Mal etwas verdienen. Falls die Milchleistung der Kuh während der Trächtigkeit derart zurück geht, die Milchkuh nicht mit teurem Kraftfutter ernähren. Darüberhinaus sollte der Schlachtbetrieb in der Lage sein, die Trächtigkeit im voraus festzustellen.
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    1. Antwort von Denise Casagrande  (begulide)
      Mark R.Koller: Da die Verantwortlichen für "Nutztiere" deren Halter sind, sind diese auch verantwortlich betreffend Abklärung auf Trächtigkeit!
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    2. Antwort von D. Thrum  (Thrum)
      Milchkälber sind praktisch nichts wert. Die Kuh durchzufüttern ist da vermutlich weitaus teurer, ob mit oder ohne Kraftfutter. Es können eigentlich nur die Kosten der Grund sein, sonst würde der Bauer es nicht machen.

      Wem all das zuwider ist (wie mir), der kann ja auf die mittlerweile vielzähligen pflanzlichen Alternativen ausweichen. Kann ich nur empfehlen. Denn auch mit einem Verbot vom Schlachten trächtiger Kühe wird die Milchindustrie nicht wirklich weniger brutal.
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  • Kommentar von A. Keller  (eyko)
    Ab dem zweiten Lebensjahr beginnt für die Kühe die Dauerschwangerschaft. Jedes Jahr künstlich befruchtet, sie sind fast ununterbrochen schwanger,damit sie unterbrochen Milch geben können.Kühe werden zu Gebärmaschinen. Bereits nach zwei bis drei Geburten und Laktationen ist eine Kuh mit vier bis maximal sechs Jahren, körperlich verbraucht und muss ihre letzte Fahrt zum Schlachthof antreten. Trächtige Tiere auf der Schlachtbank, das Leiden der ungeborenen Kälber muss gestoppt und verboten werden.
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