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Trend zur Akademisierung «Die Matur ist wie ein VIP-Ticket»

Mehr als ein Viertel der Schulabgänger geht auf das Gymnasium – der bisherige Höchstwert. Dafür fehlt es an Lehrlingen.

Legende: Video Ansturm aufs Gymnasium abspielen. Laufzeit 08:38 Minuten.
Aus Rundschau vom 29.08.2018.
  • 25,7 Prozent der Schülerinnen sind 2016 ins Gymnasium eingetreten. Das zeigen die neusten Zahlen des BFS.
  • In Basel-Stadt ist der Ansturm aufs Gymnasium besonders ausgeprägt. Die Wirtschaft klagt über Lehrlingsmangel.
  • In der Basler Familie Bossard sorgt die Laufbahnfrage für Zündstoff: Der Vater ist Berufsbildner, die Tochter strebt nach der Maturität.

Es zieht immer mehr auf die akademische Laufbahn: 25,7 Prozent der unter 20-jährigen Schüler haben sich 2016 fürs Gymnasium entschieden. Das zeigen neuste Zahlen des Bundesamtes für Statistik, die der «Rundschau» vorliegen. Das Gymnasium hat damit weiter zugelegt – auf Kosten der Berufsbildung: Für eine Lehre haben sich 68,3 Prozent entschieden, 6 Prozent für eine Fachmittelschule.

Spitzenwerte in Basel

Laurine Bossard aus Basel ist eine von vielen Schülerinnen, die sich dieses Jahr fürs Gymnasium entschieden haben. Sie weiss, was ihr am Ende der Schulzeit winkt: «Die Matur ist wie ein VIP-Ticket, ich kann damit alles machen.» Die 17-jährige Baslerin ist nach den Sommerferien am Wirtschaftsgymnasium gestartet. In Basel-Stadt sehen es viele wie Laurine: 42 Prozent der Sekundarschüler sind dieses Jahr ins Gymnasium übergetreten – ein historischer Spitzenwert.

Legende: Video «Ich kann damit alles machen» abspielen. Laufzeit 00:18 Minuten.
Aus News-Clip vom 29.08.2018.

Der Ansturm aufs Gymnasium hat in Basel-Stadt Tradition. Universität und Pharmaindustrie haben viele Hochqualifizierte und Expats angezogen. Jeder dritte Erwachsene im Kanton hat einen Uniabschluss – und schickt auch den Nachwuchs gern auf den akademischen Weg. «Die Eltern kommen oft hier her und sagen: Mein Kind muss eine Matur haben», sagt Patrick Langloh, Rektor am Wirtschaftsgymnasium.

Die Kehrseite des Trends: Lehrlingsmangel

Laurines Vater spürt die Kehrseite dieser Mentalität. Patrick Bossard leitet die Lehrlingsausbildung beim Elektrotechnik-Unternehmen Etavis. Nur jeder sechste Schulabgänger hat nach den Sommerferien eine Berufslehre angetreten – ein Problem für die Wirtschaft. «Uns fehlen qualitativ gute Schulabgänger für unsere anspruchsvollen Ausbildungsgänge», sagt Bossard.

Legende: Video «Heute bekommt man noch zwei Bewerbungen» abspielen. Laufzeit 00:11 Minuten.
Aus News-Clip vom 29.08.2018.

Der Kampf um gute Lehrlinge sei härter geworden, sagt auch Erich Schwaninger vom Verband Schweizerischer Elektro-Installationsfirmen. Dabei habe man mit einer Berufslehre tolle Aufstiegschancen. «Man kann eine Berufsmatur machen, an der Fachhochschule studieren und mit einer Passerelle sogar an die ETH. Es ist alles ist offen.»

Gymi-Abbruch: In Genf Alltag – in Appenzell Ausserrhoden unbekannt

Wer es ans Gymi schafft, hat noch keine Matur in der Tasche. Welcher Anteil der Schüler das Gymnasium tatsächlich erfolgreich abschliesst, variiert stark von Kanton zu Kanton. Neuste Zahlen des Bundesamtes für Statistik BFS zeigen: Im Kanton Appenzell Ausserrhoden scheitert kaum ein Schüler. 99,1 Prozent erlangen die Matur. Ganz anders in Genf: dort beträgt die Erfolgsquote lediglich 69,4 Prozent – auf dem Weg zur Matur scheitert also fast jeder Dritte.

Infografik: Maturitaetsquote

Während in Genf, Basel-Stadt und Tessin über 30 Prozent eines Jahrgangs eine gymnasiale Matur machen, sind es in Thurgau, Glarus und St. Gallen nur rund 13 Prozent.

Generell ist die Maturitätsquote in städtischen Kantonen, in der Romandie und im Tessin höher.

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40 Kommentare

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  • Kommentar von Ruedi Schwarzenbach (oktagon)
    Interessant wäre noch zwischen Mädchen und Buben zu unterscheiden. Bei mir bewerben sich häufig Schüler auf die Lehrstelle (Informatik / Applikationsentwickler), welche bereits die Gymmi Prüfung (Thurgau) bestanden haben. Sie wollen aber nicht ans Gymmi, weil sie genug von der Schule haben. Warum haben so viele Buben nach 8 Jahren genug von der Schule?
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  • Kommentar von Heinz Widmer (Heinz001)
    Ein wichtiger Aspekt fehlt bisher: Der Unterschied in der Kultur In der Sek herrscht häufig eine Atmosphäre von Gewalt und Mobbing. In der Lehre geht's weiter. Die Lehrmeister unterstützen sich gerne mit Vorschlägen, wie man neue Lehrlinge möglichst effizient bricht. Am Gymi und den Unis herrscht gegenseitiger Respekt und Anstand. zB. Letzte Woche: Statistiken zu den Sexuellen Straftaten von Schülern. Nur in einem Nebensatz wurde erwähnt, dass das Problem an Gymnasien fast nicht existiert.
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  • Kommentar von Daniel Wacek (TexBomb)
    Es ist schade, dass die Matur heute vor allem (wieder) als Auszeichnung angesehen wird. Ich bin froh, einen Maturaabschluss zu haben, weil ich nur so zu einer breiten Allgemeinbildung gekommen bin. Die allgemeinbildenden Fächer werden in der Lehre und sogar in Fachhochschulen einfach so mitgenommen weil es halt sein muss. Anderseits fehlt den meisten Akademikern der Bezug zum "echten Leben". Idealerweise gehörte zu einer vollständigen Bildung eine Matura UND eine Lehre.
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