Zum Inhalt springen
Inhalt

Trotz Identifikation der Täter Genfer Frauenschläger weiter auf freiem Fuss

Im August wurden in Genf fünf Frauen attackiert. Ermittelt wird in Frankreich – bislang ohne Erfolg.

Legende: Audio Unmut in Genf – Untätigkeit in Frankreich? abspielen. Laufzeit 03:54 Minuten.
03:54 min, aus HeuteMorgen vom 10.09.2018.

Vor einem Monat wurden in Genf fünf junge Frauen auf offener Strasse attackiert und verprügelt. Zwei von ihnen mussten mit schweren Kopfverletzungen ins Spital – eine lag mehrere Tage im Koma. Der Vorfall löste in der ganzen Schweiz Empörung aus.

Laut der Genfer Staatsanwaltschaft wurden die meisten der mutmasslichen Angreifer inzwischen identifiziert. Nur: Verhaftet wurde bisher keiner. Wie ist das möglich? «Diese Frage beschäftigt auch viele Genferinnen und Genfer», berichtet Westschweiz-Korrespondentin Barbara Colpi.

Landesweite Empörung

Personen-Box aufklappenPersonen-Box zuklappen
Landesweite Empörung

Der Vorfall hatte sich am 7. August ereignet und löste schweizweit eine grosse Welle der Empörung aus. Fünf Frauen waren vor einem Nachtlokal in der Altstadt von Genf von einer Gruppe von Männern auf offener Strasse verprügelt worden. Zwei der Opfer mussten mit schweren Kopfverletzungen ins Spital gebracht werden.

Der brutale Angriff auf die Frauen schockierte die ganze Schweiz. Nicht nur in Genf, sondern auch in Lausanne, Bern, Basel und Zürich fanden Kundgebungen von mehr als 600 Menschen statt, die ein Ende der Gewalt gegen Frauen forderten.

Die Frauen der SP Schweiz forderten Mitte August in Bern als Reaktion auf den brutalen Angriff Massnahmen, darunter eine Präventionskampagne «Nein heisst Nein». Auch Frauen aus anderen Parteien wollten auf kantonaler und nationaler Ebene Vorstösse gegen Gewalt an Frauen einreichen.

Die brutale Attacke sei den Menschen in der Calvinstadt immer noch sehr präsent: «Es macht sich grosser Unmut breit, weil die Täter nach wie vor auf freiem Fuss sind.» Die Bevölkerung sei zunehmend ungeduldig und könne nicht verstehen, warum es mit den Ermittlungen offenbar nicht vorangehe.

Scheinbar fehlen den französischen Behörden noch Beweise, die es erlauben würden, die Täter nicht nur festzunehmen, sondern auch in Untersuchungshaft zu behalten.»
Autor: Barbara ColpiWestschweiz-Korrespondentin von SRF

Rund eine Woche nach den Vorkommnissen teilte die Genfer Justiz mit, dass die meisten Täter aufgrund von Videoaufnahmen identifiziert worden seien. Es handle sich um französische Staatsangehörige, die im grenznahen Frankreich wohnten. Deswegen stellten die Genfer Staatsanwaltschaft beim Eidgenössischen Justiz- und Polizeidepartement (EJPD) den Antrag, das Verfahren an Frankreich abtreten zu können.

Legende: Video Gewalt gegen Frauen abspielen. Laufzeit 02:20 Minuten.
Aus Tagesschau vom 19.08.2018.

Die französischen Behörden wollten erst wieder informieren, wenn die mutmasslichen Täter festgenommen seien. Das Schweigen hält nach wie vor an. «Scheinbar fehlen den französischen Behörden noch Beweise, die es erlauben würden, die Täter nicht nur festzunehmen, sondern auch in Untersuchungshaft zu behalten», sagt Colpi. Die Voraussetzungen dafür sind in Frankreich strenger ausgestaltet als in der Schweiz.

Franzosen wollen «solides Dossier»

In der «Tribune de Genève» legte der ehemalige Genfer Polizeichef Jean Sanchez dar, es deute alles darauf hin, dass die französischen Behörden mit einem einzigen «Coup» einschreiten wollten. Allerdings: Den Tathergang genau abzuklären – etwa, wer zuerst zugeschlagen hat – sei ein aufwändiges Verfahren.

Das Dossier müsse «solid genug» sein, so Sanchez. Eine Videoaufnahme allein reiche nicht – es könnte dabei auch zu Verwechslungen kommen. In den sozialen Medien machen derzeit viele Genfer ihrem Unmut Luft, berichtet SRF-Korrespondentin Colpi: Wieder einmal werde auch das Klischee ausgegraben, wonach die Franzosen einfach unfähig sein, «mit Kommentaren teils weit unter der Gürtellinie.»

Affäre Maudet dominiert Genfer Politik

Das politische Genf kehrt derweil erst langsam aus der Sommerpause zurück; und diese endete mit einem veritablen Knall: «Die Affäre um Regierungsratspräsident Pierre Maudet dominiert derzeit die politischen Diskussionen», so Colpi.

Wenn das Kantonsparlament Ende September tagt, dürfte vor allem ein Thema zu reden geben: Die Aufhebung der Immunität von Pierre Maudet, damit ein Strafverfahren eröffnet werden kann. Colpis Prognose: Das Thema Gewalt an Frauen dürfte in den kommenden Wochen und Monaten nicht zuoberst auf der Prioritätenliste stehen.

Keine wichtigen News verpassen

Erhalten Sie die wichtigsten Nachrichten per Browser-Push-Mitteilungen.

Push-Benachrichtigungen sind kurze Hinweise auf Ihrem Bildschirm mit den wichtigsten Nachrichten - unabhängig davon, ob srf.ch gerade geöffnet ist oder nicht. Klicken Sie auf einen der Hinweise, so gelangen Sie zum entsprechenden Artikel. Sie können diese Mitteilungen jederzeit wieder deaktivieren.

23 Kommentare

Navigation aufklappen Navigation zuklappen

Sie sind angemeldet als Who ? (whoareyou) (abmelden)

Kommentarfunktion deaktiviert

Uns ist es wichtig, Kommentare möglichst schnell zu sichten und freizugeben. Deshalb ist das Kommentieren bei älteren Artikeln und Sendungen nicht mehr möglich.

  • Kommentar von Martin Tanner (mikado5034)
    Eigentlich ist es so ganz in Ordnung! Die Auslieferung eines Staatsbürgers an einen fremden Staat soll nicht nur oberflächlichen Kriterien genügen, sondern wirklich 'solide' sein. Das wäre im umgekehrten Fall exakt das selbe und die halbe Schweiz würde durchdrehen, wenn ein Schweizer (Schläger) aufgrund oberflächlicher Beweise an Frankreich ausgeliefert würde. Das nennt man eben Rechtsstaat; mit allen Vor- und in diesem Fall Nachteilen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Andreas Morello (Andreas Morello)
      In diesem Fall geht es, wenn ich den Text richtig verstehe, nicht um eine Auslieferung von französischen Staatsbürgern in die Schweiz, sondern darum, das ganze Verfahren in Frankreich durchführen zu lassen. Ansonsten bin ich ganz Ihrer Meinung Herr Tanner.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Fabian Malovini (fmalovini@gmx.net)
      schweizer/innen werden sowieso nicht ohne ihr einverständnis ins ausland ausgeliefert. (art. 25 bv)
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Peter Amthauer (Peter.A)
    Na dann freie Fahrt für französische Schläger in der Schweiz. MfG
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von Hanspeter Müller (HPMüller)
      Wer sagt das denn? Die werden sich hüten in die Schweiz zu kommen. Die Regelungen zu Untersuchungshaft sind in der Schweiz viel grosszügiger. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in einem der komplett überfüllten und damit sehr unangenehmen Gefängnisssen von Genf landen wenn sie die Grenze überschreiten ist damit hoch.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
  • Kommentar von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
    Die Phrase „Gewalt gegen Frauen“ und jeder der diese ernsthaft benutzt sind Teil des Problems. Denn wenn man Gewalt gegen Frauen als besonders verwerflich oder schlimm herausstellt verharmlost oder rechtfertigt sogar fast „andere“ Gewalt die eben nicht per se anders ist. Es nimmt weiblichen Opfern auch nichts, wenn man sich generell gegen Gewalt ausspricht, von daher sollte jeder, dem an weniger Gewalt etwas liegt, diese generell und nicht nur gegen bestimmte Personengruppen verurteilen.
    Ablehnen den Kommentar ablehnen
    1. Antwort von A. Zuckermann (azu)
      Ach, die armen Männer. Ja, zuerst soll natürlich deren Probleme gelöst werden. Da 98% der Gewalttaten von Männern ausgeht… Der Mann gehört sich vor sich selbst geschützt, erst dann kommen die Frauen… oder wie meinen Sie das?
      Ablehnen den Kommentar ablehnen
    2. Antwort von Daniel Fuchs (Daniel Fuchs)
      @azu: Es geht nicht um arme Männer oder wer der/die TäterIn war. Es geht darum dass wenn man die Schwere oder Empörungswürdikeit einer Gewalttat am Geschlecht, der Ethnie, Hautfarbe, Religion oder was auch immer festzumachen versucht, eine Büchse der Pandora geöffnet wird weil ma damit automatisch "andere" Gewalt abwertet. Ersetzen Sie doch mal Man/Frau durch Weiss/Schwarz oder Arier/Nichtarier... Vielleicht wird dann klarer.
      Ablehnen den Kommentar ablehnen