Immer wieder beteuern verurteilte Straftäterinnen und Straftäter öffentlichkeitswirksam ihre Unschuld, obwohl ihnen das Nachteile bringt. Jérôme Endrass, Professor für Forensische Psychologie an der Universität Konstanz, erklärt die psychologischen Muster dahinter.
SRF News: Dass jemand vor Gericht seine Unschuld beteuert, wenn nur Indizien vorliegen, ist nachvollziehbar. Doch warum halten manche auch nach einer Verurteilung oder trotz erdrückender Beweise daran fest und versuchen, die Öffentlichkeit von ihrer Unschuld zu überzeugen?
Jérôme Endrass: Nebst individuellen Faktoren spielt ein übergeordnetes Phänomen eine Rolle: die sogenannte kognitive Dissonanz. Damit ist gemeint, dass das Selbstbild nicht dem entspricht, was das Gericht festgestellt hat – und so hält man krampfhaft daran fest. Und dann gibt es weitere Faktoren.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel Menschen mit ausgeprägtem Narzissmus. Ihr Selbstbild korrespondiert ohnehin schlecht mit dem, was die Personen effektiv an Leistungen vorzuweisen haben – sie blähen das in der eigenen Fantasie auf.
Wird dieses Aufgeblasene infrage gestellt, erleben sie das als massive Bedrohung. Wenn jemand, der schon das ganze Leben damit zugebracht hat, sich selbst und anderen etwas vorzuspielen, ein Delikt begangen haben soll, wird er eher dazu neigen, an der eigenen Unschuld festzuhalten.
Dabei hat das Abstreiten trotz forensischer Beweise oft gravierende Nachteile: Verurteilte müssen sogar damit rechnen, länger im Gefängnis zu bleiben. Warum tun sie es trotzdem?
Genau hier wird es psychologisch interessant: Dass Betroffene trotz Nachteilen an ihrer Unschuld festhalten, zeigt nämlich, wie wichtig dieses idealisierte Selbstbild für sie ist. Der Schutz des Selbstwerts ist so dominant, dass sie sogar objektive Nachteile in Kauf nehmen. Deshalb ist das Phänomen für uns Forensiker so spannend: Es zeigt, wie mächtig und relevant ein positiver Selbstwert ist.
Glauben die Betroffenen am Ende selbst an ihre Unschuld?
Darauf gibt es keine Hinweise. Es ist eher eine Selbsttäuschung, wie wir sie selbst kennen: Wenn wir uns davon überzeugen, etwas kaufen zu müssen, und alles andere nicht hören wollen, verhindern wir eine Dissonanz. Und ganz ähnlich ist es bei den Betroffenen: Wenn sie sich damit auseinandersetzen, wissen sie schon, dass es anders war, aber sie haben sich so stark hineingesteigert, die Unschuld so stark als Identität etabliert, dass sie nicht davon abweichen können. Die Funktion des Ganzen ist, sich zu sagen: Ich bin eigentlich okay.
Wir haben ein paar Beispiele gesammelt (siehe Box). Was ist Ihr Eindruck: Welcher Tätertyp hält – komme, was wolle – an der eigenen Unschuld fest?
Persistierendes Leugnen sieht man tatsächlich häufiger bei Personen, die Tötungs- oder Sexualdelikte begangen haben, aber auch bei White-Collar-Delinquenz [A. d. R. unblutige Straftaten, häufig im Rahmen des Berufs, etwa Betrug, Geldwäscherei oder Insiderhandel]. Oft handelt es sich um Menschen mit hohem sozialem Status oder einer gewissen Bekanntheit. Insofern sind die genannten Beispiele relativ repräsentativ für das, was man in der Praxis sieht.
Was heisst es für die Prognose, wenn jemand so stark am eigenen Idealbild festhält und zu keinem Schuldeingeständnis bereit ist?
Nicht viel. Und das ist das Spannende: Diese Personen werden nicht häufiger rückfällig – bei manchen Deliktgruppen sogar weniger, weil sie dieses positive Selbstbild haben und zeigen wollen, dass sie nicht gewalttätig sind.
Das Gespräch führte Sibilla Bondolfi.