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True Crime «Ich war's nicht»: die Psychologie des Leugnens

Immer wieder beteuern verurteilte Straftäterinnen und Straftäter öffentlichkeitswirksam ihre Unschuld, obwohl ihnen das Nachteile bringt. Jérôme Endrass, Professor für Forensische Psychologie an der Universität Konstanz, erklärt die psychologischen Muster dahinter.

Jérôme Endrass

Co-Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie, Uni Konstanz

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Jérôme Endrass ist seit 2011 Co-Leiter der Arbeitsgruppe Forensische Psychologie an der Universität Konstanz. Zudem ist er seit 2019 Forschungsleiter im Zürcher Justizvollzug.

SRF News: Dass jemand vor Gericht seine Unschuld beteuert, wenn nur Indizien vorliegen, ist nachvollziehbar. Doch warum halten manche auch nach einer Verurteilung oder trotz erdrückender Beweise daran fest und versuchen, die Öffentlichkeit von ihrer Unschuld zu überzeugen?

Jérôme Endrass: Nebst individuellen Faktoren spielt ein übergeordnetes Phänomen eine Rolle: die sogenannte kognitive Dissonanz. Damit ist gemeint, dass das Selbstbild nicht dem entspricht, was das Gericht festgestellt hat – und so hält man krampfhaft daran fest. Und dann gibt es weitere Faktoren.

Zum Beispiel?

Zum Beispiel Menschen mit ausgeprägtem Narzissmus. Ihr Selbstbild korrespondiert ohnehin schlecht mit dem, was die Personen effektiv an Leistungen vorzuweisen haben – sie blähen das in der eigenen Fantasie auf.

Frau in Box-Trikot und Siegerpose
Legende: Viviane Obenauf feierte als Boxerin Erfolge, wie hier 2014. Ein Ehegattenmord entspricht nicht dem Bild einer Siegerin. KEYSTONE/Peter Klaunzer

Wird dieses Aufgeblasene infrage gestellt, erleben sie das als massive Bedrohung. Wenn jemand, der schon das ganze Leben damit zugebracht hat, sich selbst und anderen etwas vorzuspielen, ein Delikt begangen haben soll, wird er eher dazu neigen, an der eigenen Unschuld festzuhalten.

Dabei hat das Abstreiten trotz forensischer Beweise oft gravierende Nachteile: Verurteilte müssen sogar damit rechnen, länger im Gefängnis zu bleiben. Warum tun sie es trotzdem?

Genau hier wird es psychologisch interessant: Dass Betroffene trotz Nachteilen an ihrer Unschuld festhalten, zeigt nämlich, wie wichtig dieses idealisierte Selbstbild für sie ist. Der Schutz des Selbstwerts ist so dominant, dass sie sogar objektive Nachteile in Kauf nehmen. Deshalb ist das Phänomen für uns Forensiker so spannend: Es zeigt, wie mächtig und relevant ein positiver Selbstwert ist.

Kerzen für Mordopfer
Legende: Nachbarn gedenken des achtjährigen Mordopfers vom Könizbergwald. Dass eine Mutter ihr Kind umgebracht haben soll, ist kaum zu glauben – und entspricht wohl auch nicht dem Selbstbild der Mutter. KEYSTONE/Anthony Anex

Glauben die Betroffenen am Ende selbst an ihre Unschuld?

Darauf gibt es keine Hinweise. Es ist eher eine Selbsttäuschung, wie wir sie selbst kennen: Wenn wir uns davon überzeugen, etwas kaufen zu müssen, und alles andere nicht hören wollen, verhindern wir eine Dissonanz. Und ganz ähnlich ist es bei den Betroffenen: Wenn sie sich damit auseinandersetzen, wissen sie schon, dass es anders war, aber sie haben sich so stark hineingesteigert, die Unschuld so stark als Identität etabliert, dass sie nicht davon abweichen können. Die Funktion des Ganzen ist, sich zu sagen: Ich bin eigentlich okay.

Beispiele hartnäckigen Abstreitens

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    Ohne die tatsächliche Schuldfrage zu beurteilen, zeigen die folgenden Fälle, welche Rolle das Selbstbild spielen kann:
  • Viviane Obenauf: Die frühere Profiboxerin Viviane Obenauf ist rechtskräftig dafür verurteilt worden, ihren Ehemann mit einem Baseballschläger getötet zu haben – weil er kein Kind mit ihr wollte. Obenauf führt seither den «Kampf ihres Lebens»: Mithilfe von Unterstützern und einer Website strebt sie eine Revision an. Damit nimmt sie in Kauf, nicht vorzeitig entlassen zu werden. Denn dafür wäre eine Auseinandersetzung mit der eigenen Tat Voraussetzung.
  • Mord vom Könizbergwald: Zwei Gerichte haben eine Mutter verurteilt, ihre achtjährige Tochter mit einem Stein erschlagen zu haben – gestützt auf DNA-Spuren am Stein, die Auswertung ihres Handys und eine Zeugenaussage. Dennoch beteuert die Mutter in einem deutschen Podcast ihre Unschuld und inszeniert sich als Justizopfer. Das Urteil des Bundesgerichts steht noch aus.
  • Kiental-Schubser: Ein Schweizer schubste zwei junge Afghanen, die er für Sex bezahlt hatte, in eine Schlucht. Einer starb, der zweite überlebte – und zeigte den Täter an. Unter Tränen sagte dieser vor Gericht, der junge Mann sei bekifft gewesen, gestolpert und ausgerutscht. Anschliessend wollte er vor Gericht seinen Lebenslauf vorlesen.
  • Dreifachmord Zürich / Laupen: Ein Bauarbeiter aus Spanien streitet die Tötung von drei Menschen trotz zahlreicher DNA-Spuren kategorisch ab. Die Staatsanwaltschaft versuche, ihn hier als schlechten Menschen darzustellen, sagte er am Prozess.
  • Alieu Kosiah und Ousman Sonko: Erste Schweizer Gerichte haben den liberianischen Ex-Rebellenkommandanten Kosiah sowie den früheren gambischen Innenminister Sonko wegen internationalen Verbrechen verurteilt. Beide streiten ab, an Gräueltaten beteiligt oder dafür verantwortlich gewesen zu sein. Kosiah behauptete, die Anschuldigungen seien Teil einer Verschwörung gegen ihn. Und Sonko unterstrich, dass er keine Folterungen zu verantworten habe – so etwas hätte er nie geduldet.
  • Darknet-Auftragskiller: Das Obergericht Zürich verurteilte einen Mann dafür, im Internet die Tötung seiner Ex-Partnerin in Auftrag gegeben zu haben. Der Mann bestritt die Tat und behauptete, jemand anderes habe sich Zugang zu seinem Computer verschafft.

Wir haben ein paar Beispiele gesammelt (siehe Box). Was ist Ihr Eindruck: Welcher Tätertyp hält – komme, was wolle – an der eigenen Unschuld fest?

Persistierendes Leugnen sieht man tatsächlich häufiger bei Personen, die Tötungs- oder Sexualdelikte begangen haben, aber auch bei White-Collar-Delinquenz [A. d. R. unblutige Straftaten, häufig im Rahmen des Berufs, etwa Betrug, Geldwäscherei oder Insiderhandel]. Oft handelt es sich um Menschen mit hohem sozialem Status oder einer gewissen Bekanntheit. Insofern sind die genannten Beispiele relativ repräsentativ für das, was man in der Praxis sieht.

Was heisst es für die Prognose, wenn jemand so stark am eigenen Idealbild festhält und zu keinem Schuldeingeständnis bereit ist?

Nicht viel. Und das ist das Spannende: Diese Personen werden nicht häufiger rückfällig – bei manchen Deliktgruppen sogar weniger, weil sie dieses positive Selbstbild haben und zeigen wollen, dass sie nicht gewalttätig sind.

Das Gespräch führte Sibilla Bondolfi.

Falsche Geständnisse

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Es kommt auch vor, dass Unschuldige ein falsches Geständnis ablegen. Und zwar gar nicht mal so selten. Motive können sein: der Wunsch nach Aufmerksamkeit oder danach, den Ermittlern zu gefallen, jemand anderen zu schützen – oder schlicht das Bedürfnis, ein belastendes Verhör zu beenden.

Quelle: Saul M. Kassin, False Confessions: Causes, Consequences, and Implications for Reform

SRF 1, True Crime Schweiz, 4.5.2026, 23:05 Uhr ; 

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