Bei der Debatte über die Umsetzung der Pflege-Initiative hat die bürgerliche Mehrheit im Nationalrat die meisten Vorschläge abgelehnt. Regine Sauter, Zürcher FDP-Nationalrätin und Präsidentin des Spitalverbandes Hplus, zu den Entscheiden.
SRF News: Warum gönnen Sie den Frauen und Männern in der Pflege keine besseren Arbeitsbedingungen?
Regine Sauter: Das Volk hat über eine Initiative fürs Pflegepersonal abgestimmt. Das Volk hat aber damit vor allem die Ziele festgelegt, die gelten sollen für die Arbeitsbedingungen. Was der Bundesrat jetzt mit seinem Gesetz vorschlägt, geht weit darüber hinaus, was man normalerweise für Arbeitsverhältnisse regelt. Es nimmt den Spitälern, Heimen und Spitex-Organisationen jegliche Flexibilität, um die Arbeitsverhältnisse so zu organisieren, wie es für sie stimmt.
Wir haben 14'000 vakante Stellen im Pflegebereich. Wir haben einen Pflegenotstand, da braucht es doch bessere Bedingungen.
Der Pflegenotstand ist da, und tatsächlich laufen wir in ein immer grösseres Problem hinein. Aber genau deshalb müssen sich die Spitäler, die Pflegeheime und die Spitex-Organisationen als attraktive Arbeitgeber positionieren können.
Wir müssen Wege finden, wo man gemeinschaftlich Arbeitszeitmodelle aushandelt, die die Zufriedenheit der Pflegenden fördern.
Aber das machen sie offenbar nicht, deshalb hat es immer mehr offene Stellen.
Das machen sie, aber der Bedarf wird immer grösser. Wenn man jetzt über dieses Gesetz die Arbeitszeiten noch mehr verkürzt, dann braucht man noch mehr Pflegemitarbeitende. Wir müssen Wege finden, wo man gemeinschaftlich Arbeitszeitmodelle aushandelt, die die Zufriedenheit der Pflegenden fördern. Es gibt solche Modelle, dort ist die Fluktuation massiv zurückgegangen, die Fehlzeiten sind zurückgegangen, man muss weniger temporäre Mitarbeitende anstellen. Das ist der richtige Weg.
40 Prozent der Pflegenden steigen vorzeitig aus dem Beruf aus. Erstens wegen des Lohns, zweitens wegen der strengen Arbeitsbedingungen. Genau das wollen Sie nicht verbessern. So kommt man doch nicht weiter.
Man kommt weiter, wenn man miteinander Lösungen sucht, die beiden Seiten Rechnung tragen. Zum anderen muss man auch bedenken, dass in einem Spital oder einem Heim ganz verschiedene Berufsleute arbeiten. Wir können nicht nur für die Pflegenden spezielle Regelungen erlassen, und für die anderen, z.B. die Physiotherapeutinnen und Physiotherapeuten, Labormitarbeitenden, keine solchen Regelungen haben. Für die ist es genauso anstrengend.
2021 haben 61 Prozent der Stimmenden Ja gesagt zur Pflege-Initiative. Nehmen Sie diesen Volkswillen ernst?
Die Bevölkerung hat Ja gesagt zu einem Ziel, nämlich der Besserstellung der Pflegemitarbeitenden. Die Bevölkerung hat aber nicht gesagt, wie das realisiert werden muss. Die Bevölkerung hat auch nichts dazu gesagt, wie man es finanzieren soll. Das ist entscheidend.
Es geht jetzt darum, dass wir auf Bundesebene eine Regelung finden, die finanzierbar ist, für die Bevölkerung, für die Prämienzahler, für die Steuerzahler. Darüber sagt der Vorschlag des Bundesrats nichts.
An die Pflegenden denken Sie jetzt also nicht; lieber an die Steuerzahler?
Für die Pflegenden sehen wir, dass die Spitäler und die Heime erkennen, dass sie attraktive Arbeitgebende sein müssen. Wir haben heute immer noch zu wenig Pflegende, das heisst, ein Spital oder ein Heim kann es sich gar nicht leisten, kein attraktiver Arbeitgeber zu sein. Und wir sehen, dass in den letzten Jahren neue Modelle entstanden sind, die den Bedürfnissen der Pflegenden entgegenkommen. Das ist der richtige Weg.
Das Gespräch führte Urs Leuthard.